Würde man eine Frau bitten, die Essenz im Werk Oscar de la Rentas in einer einzigen Pose darzustellen, es wäre wohl diese: ein kleiner, bitte damenhafter Ausfallschritt, der den Saum des Kleides in eleganten Schwung versetzt, der die Stofffülle ausbreitet wie eine Woge, der ohne ein Wort beweist, dass ein solch grandioser Effekt nur mit den besten Materialien, den kunstvollsten Schneiderarbeiten zu erzielen ist.

De la Rentas Roben haben ihn zum Ausstatter der Stars gemacht, zum Bekleider der Begüterten – seine Klientel steht auf roten Teppichen und wird zu Gouverneursbällen geladen, der Realität konsequent enthoben, was mal mehr einem Märchen, mal einem Anachronismus gleicht: Deswegen hat ihn die vom Prinzessinnen-Syndrom befallene Carrie Bradshaw aus „Sex And The City“ womöglich auch so verehrt.

De la Renta, zur Welt gekommen 1932 in Santo Domingo, hatte sein Handwerk in Madrid und in Paris gelernt, bei Cristobal Balenciaga und Christian Dior. Als er in den Sechzigern in die USA ging, entwarf er erstmal auch jene verschlichterten Kleidchen, die dem Zeitgeist entsprachen. Doch mit der Besinnung auf den guten alten Hollywood-Glamour – der den Satin in steife Falten wie bei einem Baiser gelegt sehen will, der bei einem Stück Seidentaft nicht anders kann, als Rosen fürs Dekolleté daraus zu drehen – wurde er berühmt und zu einer Art Nuntius. Denn diese Art von Glamour war der europäischen Couture entlehnt, und so hatte Oscar de la Renta das reimportiert, was die Amerikaner so lieben an ihren Reisemitbringseln – das Flair der Alten Welt, wie es sich auch in ihrer Begeisterung für Pariser Hotels mit dicken Teppichen und schweren Vorhängen zeigt.

Unanständiges Schwelgen in luxuriösen Stoffen

Bezogen auf die Mode bedeutet das: keine sportliche Schlichtheit, mit der es sich fix ins Büro rennen lässt. Sondern ein fast schon unanständiges Schwelgen in luxuriösen Stoffen, eine Detailversessenheit, für die hingebungsvolle Ateliermitarbeiter garantieren, eine herrliche Unvernunft der Schnitte und Silhouetten.

So entstanden Kleider für den großen, den – zum Beispiel bei der von de la Renta immer gut bestücken Oscar-Verleihung – als atemberaubend herbeigesehnten Auftritt. Entsprechend hoch waren sie im Preis. „Ladies Who Lunch“ nennt man die Klientel für solche Entwürfe in den USA – Frauen des Geldadels, die sich beim Mittagessen überlegen, wie oft sie sich heute noch umziehen.

Oscar de la Renta war beleibe kein düsteres Genie, sondern jemand, der es genoss, in der gehobenen Gesellschaft angekommen zu sein. 1980 posierte er mit seiner ersten Frau für das Magazin der New York Times, mit der maliziösen Schlagzeile „Ein gutes Leben ist immer noch die beste Rache“.

Er entstammte einer reichen Familie aus der Dominikanischen Republik und sollte ins Versicherungsunternehmen seines Vaters einsteigen. Stattdessen machte er sich jedoch im Alter von 18 Jahren auf nach Madrid, um Malerei zu studieren. Da er den größten Teil seines monatlichen Unterhalts für gestärkte Kragen, frische Nelken fürs Knopfloch und anderen Dandybedarf ausgab, begann er, für Zeitungen und Modehäuser zu zeichnen. Und wurde alsbald von Balenciaga, dem einflussreichsten Couturier jener Ära, angeheuert. Von ihm lernte de la Renta, dem eigenen Sinn für Schönheit und der Sehnsucht danach zu vertrauen.

Oscar de la Renta hat vier First Ladys der Vereinigten Staaten eingekleidet – Jackie Kennedy, Nancy Reagan, Hillary Clinton und Barbara Bush. Michelle Obama zierte sich jahrelang, was damit zusammengehangen haben mag, dass de la Renta sie geziehen hatte, zu viele ausländische Designer zu tragen. Erst vor anderthalb Wochen ergab sie sich: mit einem Cocktailkleid in Schwarz, bestickt mit Blumen und Ranken in Silber und leuchtendem Blau, ärmellos und mit körpernahem Oberteil, so wie sie es mag.

Am 20. Oktober ist Oscar de la Renta nach langer Krebserkrankung im Alter von 82 Jahren verstorben. Es ist erst wenige Wochen her, dass die Vogue ein Bild von ihm und Amal Alamuddin veröffentlichte, denn er hat ihr Kleid für die Hochzeit mit George Clooney entworfen. Das Foto zeigt ihn braungebrannt, das Lächeln makellos weiß; der Kreidestreifen-Anzug mit dem wie eine Tulpe drapierten Einstecktuch ist auf subtile Art perfekt inszeniert. Vorher hat er die Braut gebeten, doch bitte auf den eigens ausgelegten Papierbahnen stehenzubleiben. Damit das cremeweiße Kleid den Boden nicht berührt vor dem großen Tag.