Der Schauspieler Otto Mellies (1931-2020).
Foto: Imago / Michael Handelmann

BerlinOtto Mellies musste nicht viel tun, um eine Bühne zu füllen. Er musste einfach auftreten und seine Präsenz lud die Szene mit erdschwerer Energie und Spannung auf. Stets schwang darin auch etwas Dunkles mit. Das machte ihn, speziell in jüngeren Jahren, zu einer idealen Projektions- und Sehnsuchtsfigur, nicht nur für ein weibliches Publikum. Er war ein Star. Egal, ob als Arbeiter oder Offizier, Lessings preußischer Major von Tellheim in Martin Hellbergs berühmter Defa-Verfilmung von Lessings "Minna von Barnhelm" 1962 zum Beispiel, als Theseus in Shakespeares  "Sommernachtstraum" (Regie: Alexander Lang, 1980) oder (wiederum Lessings) Nathan, als der er seit 1987 über 300  Mal auf der Bühne des Deutschen Theaters stand - auch am Abend des 9. November 1989. Die Titelrolle in Friedo Solters Inszenierung, die 1987 Premiere hatte, gehört zu Mellies' berühmtesten Theaterrollen.

1931 im pommerschen Schlawe als jüngstes von acht Kindern geboren, hatte er seine Schauspielausbildung in Schwerin bei der Schauspielerin Lucie Höflich gemacht. Nach Stationen in Schwerin und Neustrelitz wurde er 1956 von Wolfgang Langhoff an das damals von ihm geleitete Deutsche Theater engagiert. Über 50 Jahre lang gehörte  er zu den prägenden Schauspielern dieses Ensembles  - zunächst in Inszenierungen von Wolfgang Langhoff. So war er in der legendären wie politisch missliebigen Inszenierung von Peter Hacks’ „Die Sorgen und die Macht“ dabei, die Langhoff 1963 die Intendanz kostete. Später arbeitete er mit Regisseuren wie Friedo Solter, Jürgen Gosch, Adolf Dresen, Alexander Lang und Thomas Langhoff. In den 60er- und 70er-Jahren war er eines der glamourösesten Ensemblemitglieder in der Schumannstraße.

Dies verdankte Mellies nicht zuletzt einer seiner berühmtesten Fernsehrollen, der Titelrolle in dem Fünfteiler des DDR-Fernsehens „Dr. Schlüter“ aus dem Jahr 1965. Darin spielt Mellies einen ehrgeizigen jungen Chemiker, der sich in den ersten Jahren des Nationalsozialismus zunächst aus Opportunismus der Rüstungsindustrie andient, und die Liebe der (von Eva Maria Hagen gespielte) Tochter eines Rüstungsfabrikanten gewinnt. Als er dann in einem KZ die Leitung eines Chemielabor übernehmen soll, kommen Schlüter Skrupel und er meldet sich an die Front. In russischer Gefangenschaft hilft er schließlich bei Aufbau der sowjetischen Chemieindustrie.

Dieses politische Drama war wie ein Thriller erzählt und Mellies mit rauchzarter Stimme und waidwundem Blick sein dunkel funkelnder Held. Es macht auch ein halbes Jahrhundert später noch Spaß, diesem minimalistischen Präzisionsspieler, der er immer gewesen ist, bei der Arbeit zuzusehen. Waschkörbeweise habe er damals Fan-Post erhalten, hat er später gerne erzählt. Darunter auch ein Brief aus der Sowjetunion, der einfach nur an „Dr. Schlüter / DDR“ adressiert war. Für seinen „Dr. Schlüter“ wurde Mellies 1966 mit dem Nationalpreis der DDR ausgezeichnet.

Vielleicht war die ambivalente Aura, die Mellies’ Figuren noch in ihren strahlendsten Momenten niemals ablegten, einem traumatischen Erlebnis in seiner Jugend geschuldet. 1945 hatte sich seine Mutter mit ihm, einer älteren Schwester und deren Kindern aus Angst vor der einrückenden Roten Armee das Leben nehmen wollen. Der 14-jährige Mellies überlebte damals als Einziger. In wenigen Sätzen hat er davon in seinen 2010 erschienenen Erinnerungsbuch berichtet, das den lapidaren Titel „An einem schönen Sommermorgen …“ trägt.

Jener schöne Sommermorgen markiert den Tag des Jahres 1947, an dem der gerade 17-Jährige die Aufnahmeprüfung bei der Schauspielerin Lucie Höflich bestand. Und zwar mit dem Monolog des adeligen Ferdinand aus Schillers „Kabale und Liebe“, kurz bevor der die Limonade seiner Geliebten Luise vergiftet, einzige Tochter des Bürgers Miller: „Das einzige Kind! Fühlst Du das, Mörder? Das einzige! Mörder!“ 1959 hat er die Rolle des Ferdinand auch in einer Defa-Verfilmung des Stücks gespielt.

In der DDR einer der profiliertesten Schauspieler in Film und Theater, blieb er auch nach 1989 erfolgreich. Bis 2008 gehörte er dem Ensemble des Deutschen Theaters an und war bis zuletzt ein vielbeschäftigte Film- und Fernsehschauspieler. Seinen letzten großen Filmpreis erhielt er 2012. Für seine Darstellung des Vaters eines an Krebs erkrankten (und von Milan Peschel) gespielten Mannes in Andreas Dresens Film „Halt auf freier Strecke“ wurde er als bester männlicher Nebendarsteller mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet. Neben seiner Film- und Theaterarbeit war Otto Mellies auch ein gefragter Synchronsprecher. Er war die deutsche Stimme von Paul Newman und anderen Hollywoodgrößen wie Sean Connery oder Christopher Lee. Im Fernsehen war er zuletzt 2019 in dem Berliner Tatort „Das Leben nach dem Tod“ zu sehen. Dort spielt er einen alten DDR-Juristen, der von seiner Vergangenheit eingeholt wird.

Am 25. April ist Otto Mellies im Alter von 89 gestorben. "Wo will ich eigentlich beerdigt werden? Auf dem Prominentenfriedhof an der Chaussestraße?", hat er in seinem Erinnerungsbuch geschrieben und die Frage auch gleich beantwortet: "Es ist mir völlig egal, ich seh den Platz später sowieso selber nie. Hauptsache, ich liege neben Luise, irgendwo." Luise, das ist die Sängerin Luise Bergner, die schon 2015 starb und mit der Mellies über 50 Jahre lang verheiratet war.