Schon länger hatten wir sie  bei den zahlreichen Treffen der hiesigen Kunstszene  vermisst, kam ihr Ehemann, der einstige Kölner Museumsdirektor Kasper König, nur noch allein. Aber sie ließ immer grüßen. So kannten wir sie: Eine hoch gewachsene, schlanke, streng-elegante Frau, dunkle, kurz geschnittene Haare, aufmerksame Augen hinter den Gläsern der modischen Hornbrille. Eine intellektuelle Erscheinung, immer ganz bei der Sache, stets eher freundlich-zurückhaltend, aber  in ihren Äußerungen klar und bestimmt.

Barbara Weiss, eine der wichtigsten Berliner Galeristinnen, ist, wie  erst am Mittwoch bekannt wurde, am Silvestertag nach schwerer Krankheit  gestorben. Die 1960 in Franken Geborene und Aufgewachsene kam in den 1980er-Jahren zum Kunstgeschichtsstudium nach Westberlin, begann  dann mit der Galerie Wewerka & Weiss ihr Künstlerprogramm.

Im zweiten Jahr nach der Wiedervereinigung gründete sie ihre eigene Galerie, zunächst in kleinen Räumen an der Potsdamer Straße, später  in der Zimmerstraße am Checkpoint Charlie. Als es dort immer touristischer wurde, entschied sich Barbara Weiss  für Kreuzberg. In einem Gewerbehof an der Kohlfurter Straße stellte sie bis dato Weltkünstler aus, solche von Fern und solche von ganz Nah: Etwa die in Berlin lebende Konzeptualistin Maria Eichhorn, Videokünstlerin Heike Baranowsky, den Zeichner Andreas Siekmann, Wahlberliner wie den ukrainischen Sozialfotografen Boris Mikhailov, den Minimalisten  Jonathan Horowitz, die türkische  Feministin Ayse Erkmen.

Auch den früh verstorbenen Medienkünstler Harun Farocki, einen der Eigensinnigsten der Branche, hat sie vertreten. Unaufgeregt, aber beharrlich machte Barbara Weiss ihre Künstler bekannt,  in der eigenen Galerie, in Museen, auf Weltausstellungen. Immer legte sie Wert  auf ein  heterogenes  Spiel der künstlerischen  Kräfte. Ihr Galerie-Profil war stark auf  konzeptuelle Kunst orientiert – mit gesellschaftlichem Anspruch und durchaus unverkopfter, also sinnfälliger Wirkung.

Und dabei spannte sie scheinbar mühelos einen Bogen von den Bildern des (2012 verstorbenen) belgischen Abstraken Raoul De Keyser über Thomas Bayrles Obsession für ins Ornamentale überdrehte Technik  zu den   scheinanarchistischen Sprengstoff-Experimenten des Schweizers Roman Signer. Und in jeder Ausstellung, in  jeder  Vermittlung  an Museen  erkannte man weniger ökonomisches als vielmehr grundsätzliches Interesse an den Zuständen der Welt.

 Auf den beiden zurückliegenden Documenta-Ausstellungen in Kassel waren jeweils markante Künstler von Barbara Weiss vertreten, so zuletzt 2012 der dort mit dem Arnold-Bode-Preis geehrte Bildhauer Thomas Bayrle  und das kanadische Künstlerduo Janet Cardiff und George Bures Miller, dessen Kunst beispielsweise Brad Pitt sammelt.

An der Documenta 14 in diesem Jahr wird Maria Eichhorn  teilnehmen.  Ihr hatte ihre Galeristin 2016 die Räume für eine  gewagte  emanzipatorische Film-Installation über „Sexuelle Praktiken“ überlassen. Die Ausstellung wurde zum Magneten, zum Debattenort, zum Erfolg.

„Es bringt nichts, Erfolg erzwingen zu wollen“, das war ein Leitsatz dieser Frau, die ihr  zu früh geendetes Leben der Kunst – gerade der von Künstlerinnen – gewidmet hat.