Das Filmemachen war für mich nie nur ein Job, es ist mein Leben.“ Welchem Schauspieler würde man diesen Satz heute abnehmen, wer anders hätte ihn überhaupt sagen dürfen als Christopher Lee? Der Mann mit den tausend Masken lebte für seine Kunst, und blickt man auf die ellenlange Liste seiner Filme, hatte er für anderes auch gar keine Zeit. Er war Frankensteins Monster, Dracula, die Mumie, der gerissene Dr. Fu Man Chu in den Horrorfilmen der Firma Hammer. Ehrfurchtgebietend, furchteinflößend mit seiner dröhnenden Stimme gab er noch im hohen Alter den Zauberer Saruman in „Der Herr der Ringe“ und im „Hobbit“, schickte Millionenheere von Orks in die Schlacht. Wählerisch war er nie bei seinen Rollen, auch das Teil seiner Professionalität. Doch was immer er anfasste, wurde zum Kult. Christopher Lee, privat der freundlichste unter den Menschen, war der Superheld des Bösen, in der Regel in Serie.

Ein Mann von Adel

Mit seiner berühmtesten Rolle konnte er sich besonders identifizieren: Im Grafen Dracula, den er mindestens sieben Mal spielte, sah er die ihm genehme Mischung aus Macht und Wahn – aber auch das aus der Art geschlagene Mitglied einer großen, noblen Familie. Sir Christopher Frank Caranadini Lee, geboren 1922 in London, war selbst von blauem Geblüt. Die italienische Linie der Mutter war an den Höfen Karls des Großen und Friedrich Barbarossas zugange gewesen, der jüngste Spross brachte es dank familiärer Kontakte zu einem Vertrag mit der mächtigen Filmproduktionsfirma Rank. Winzig waren seine Rollen, für die großen war er nach einhelliger Meinung – zu groß. Erst in „Frankensteins Fluch“ und endlich „Dracula“, im Jahr 1958, fanden seine 1,93 die richtige Verwendung.

Sein Partner bei Hammer wurde Peter Cushing, eine perfekte Symbiose: Der ältere Freund spielte den Vampirjäger Van Helsing, Lee, mit hypnotischen Charisma, seinen erbitterten Gegner. Von Film zu Film trug und ertrug er die roten Kontaktlinsen, die schrecklich brannten, ließ sich am Ende pfählen, riss dazu die Augen auf und ging über zum nächsten Dreh. Was er schließlich nicht mehr ertrug, waren die immer alberner werdenden Filme. Der vorletzte („Dracula jagt Minimädchen“) transferierte die Handlung ins Swinging London von 1972. Das war noch originell. Die Dialoge des letzten ersetzte Lee durch lautes Zischeln – und nahm seinen Abschied.

Verrücktes Spiegelkabinett

Als besten seiner Filme sah er – und nicht nur er – Robin Hardys „The Wicker Man“ (1973), mit ihm als irrem Führer eines heidnischen Kults auf einer entlegenen Hebrideninsel. Lee, der im Krieg in Deutschland kämpfte und akzentfrei Deutsch und Französisch sprach, hatte es nicht immer leicht. Er suchte andere Rollen, flüchtete zeitweise nach Hollywood. Aber er ist dem Horror stets treu geblieben. Selbst seinem „Mann mit dem goldenen Colt“, der lang ersehnten Rolle des Bond-Schurken, haftete etwas Monströses an, und das nicht nur wegen der ominösen dritten Brustwarze. Lees Freund Ian Fleming hatte in seinem Dr. Fu Man Chu bereits den besseren Dr. No gesehen. Als er statt im ersten erst im neunten Film der Serie an die Reihe kam, lange nach Flemings Tod, konzipierte er diesen Francisco Scaramanga als „Anti-Bond“, ein perverses Doppel des noblen Geheimagenten. Wie er Roger Moore mit kindischer Freude durch sein verrücktes Spiegelkabinett jagte, bleibt unvergessen.

Eine neue Generation von Fans

Am Set von „Der Herr der Ringe“ war Lee der einzige Beteiligte, der J.R.R. Tolkien einst noch kennengelernt hatte. Die Filme bedeuteten ihm mehr als ein lukratives Altersengagement. Er selbst behauptete, die drei Bände der Vorlage mindestens einmal im Jahr durchzulesen. Sein „lebenslanges Interesse am Okkulten“ wollte er zwar nicht überbewertet wissen, doch seinen Saruman machte es noch glaubhafter.

Das Riesenprojekt erschloss ihm eine neue Generation von Fans, und wer weiß, wie zuvorkommend er seinen Anhängern bis zuletzt begegnet ist, ahnt seine tiefe Befriedigung. Für sie ist heute ein trauriger Tag. Wie am Donnerstag bekannt wurde, ist Christopher Lee am Sonntag im Alter von 93 Jahren in London gestorben. Aber sie können sich trösten, nicht nur mit seinen Filmen, sondern auch mit den zahlreichen Heavy-Metal-Alben, die der Meister des Schreckens noch in den letzten Jahren aufgenommen hat. Seine Version von „My Way“ erscheint angemessen, wenn er nun das letzte Mal in die Gruft fährt. Oder wie Peter Cushing einst Dracula hinterherrief: „Requiescat in pace ultima“.