Luftballons, überall Luftballons. „Sie hingen unter der Decke und schwebten über dem Boden“, erinnerte sich später einer der ersten Gäste, „in einem Zimmer stand ein langes Bankett mit Früchten, Nüssen, Punschbowlen; in den anderen Zimmern wurde ausgelassen getanzt.“

Und die Musik, zu der getanzt wurde, war eine Mischung aus Soul, Funk und Salsa, afrikanischen Rhythmen und Gospelsongs, von den Plattenauflegern elegant im Fluss gehalten und manchmal auch dramaturgisch so virtuos verschleppt und dann wieder gesteigert, dass die Leute bei einem rhythmischen Break umstandslos zu jubeln begannen.

Die beste Party in New York

„Love Saves the Day“, Liebe rettet den Tag, hieß diese Party, die David Mancuso erstmals am Valentinstag 1970 in einem aufgelassenen Lagergebäude in Manhattan veranstaltete, ein spielerisch enthemmtes Spektakel, das schnell als beste Party der Stadt angesehen wurde, obwohl – oder gerade weil – nur geladene Gäste dazu Zutritt erhielten. Die meisten waren – wie der Veranstalter – schwule Männer. Aber es waren auch viele Frauen darunter; man sah Weiße, Latinos, Afroamerikaner: So ethnisch bunt, sagen Zeitzeugen, waren sonst keine Partys im New York jener Zeit.

Geboren 1944 in Upstate New York, war David Mancuso Mitte der Sechziger nach Manhattan gezogen und engagierte sich in Bürgerrechtsgruppen, vor allem in der Schwulenbewegung, die besonders nach den Stonewall Riots 1969 an Zulauf und Energie gewann. Doch paarte sich das politische Engagement bei ihm schon immer mit der Lust am Feiern und mit einer Leidenschaft für Musik. Schnell begann er, in den damals flächendeckend leerstehenden Fabriken in SoHo und Umgebung Partys zu veranstalten. Das Loft an der Ecke Broadway/Bleecker Street, in dem die „Love-Saves-the-Day“-Nächte stattfanden, wurde schließlich zu seinem festen Domizil und unter dem Namen The Loft zur Geburtsstätte der New Yorker Klubszene.

Und die Musik, die man hier zu hören begann, sollte bald Disco heißen: Eine Musik, in der die unterschiedlichsten „schwarzen“ Musikstile miteinander verflochten wurden; eine Musik, die sich bei allem stilistischen Reichtum und teils schwelgerischer Romantik vor allem durch ihre repetitive Rhythmik auszeichnete und die sich, wenn sie wie im Loft in die Hände von guten DJs gelangte, in einen einzigen, langen Fluss fügte. Eine Bewegung, die niemals aufzuhören schien: eine „music that never stops“.

Viele frühe Disco-Hits wie „Kung-Fu Fighting“ von Carl Douglas oder „Love Is the Message“ von MFSB waren auf dem – auch das war damalige Klubs äußerst unüblich – maßgeschneiderten Soundsystem des Loft erstmals zu hören. Viele DJs, die die Disco der Siebziger und selbst noch die Klubkultur der folgenden Jahrzehnte prägen sollten, hatten ihre Initiationsmomente im Loft, von Larry Levan bis Frankie Knuckles, der später in Chicago den House erfand; und der wichtigste New Yorker Klub der späten Siebziger- und Achtzigerjahre, die Paradise Garage, lässt sich als Variation des Loft-Konzeptes verstehen.

Geburtsstätte der Klubkultur

So kann man vielleicht sagen, dass David Mancusos Loft die Geburtsstätte der heutigen Klubkultur war; eine Institution, die weit in die Zukunft verwies – und zugleich viel über ihre Zeit erzählt, über die Siebzigerjahre. Im Loft und der von ihm gestifteten Kultur sieht man, wie sich nach dem Ende der emanzipatorischen Hoffnungen der Sechziger und dem Zerfall der alles umarmenden Hippie-Bewegung der Wunsch nach Freiheit, Gemeinschaft und Gleichheit in kleine, beschützte Räume zurückzog, zu denen nur Auserwählte Zutritt erhielten.

Daher wurde Disco nicht selten als wirkungslos elitär, als unpolitischer Hedonismus diffamiert. Dabei steckt die politische Botschaft gerade im Elitären und im Hedonismus: Ohne dies lassen sich jene geschützten Räume nicht schaffen, in denen man in politisch-reaktionären Zeiten wenigstens eine Nacht lang beim Tanzen all das tun kann, was anderswo untersagt ist – und sei es nur, als Mann einen anderen Mann zu küssen. In der depressiven Welt der Siebzigerjahre – die uns gerade wieder so nahe rückt – leuchtete an Orten wie dem Loft ein utopisches Licht; und es waren Leute wie David Mancuso, die es entfachten, weil ihre Musik niemals endete.

Er war „der Vater aller Tänze“, hat sein Freund, der DJ Nicky Siano, über ihn geschrieben. Am Montag ist David Mancuso in New York im Alter von 72 Jahren gestorben.