Zum Tod von Gerrit Meijer von der Punk-Band PVC: Anpassung passte ihm nicht

Er war einer der Urväter des Punk in Deutschland: Gerrit Meijer gründete die erste Berliner Punk-Band PVC, mit der er 1977 den neuen Sound aus London auf den Kontinent holte. Seine späteren Band-Kollegen hatte er im Februar 1977 bei einem Konzert von The Vibrators im Kant-Kino kennengelernt.

Ihren Ruf als Punk-Legenden erspielten sich PVC mit Konzerten im Punkhouse am Lehniner Platz und bei der Eröffnung des SO36 im August 1978. Gerrit Meijer war so etwas wie der Sid Vicious von Kreuzberg – und blieb der Szene über die Jahre verbunden. Erst 2016 erschienen seine Erinnerungen „Berlin, Punk, PVC“. Jetzt ist Gerrit Meijer unerwartet an einem Herzinfarkt gestorben. Am 12. März wäre der Sohn einer Deutschen und eines Holländers 70 Jahre alt geworden.

Der Virus des Rock’n’Roll hatte Gerrit Meijer schon früh erfasst: Als Schüler tanzte er Twist und spielte die Songs von Chuck Berry auf der Gitarre. Sein Erweckungserlebnis kam aber erst im Alter von fast 30 Jahren. „In einer Musikzeitung las ich 1976 von der Band Ramones. Ihre Art, rotzig und schnell drauf los zu spielen, war mein Ding“, erinnerte sich Meijer zum Erscheinen seines Buchs im vergangenen Jahr. Er war der Kopf hinter Songs wie „Wall City Rock“ und „Berlin By Night“, die zu Markenzeichen der West-Berliner Punk-Szene wurden. Er komponierte wilde Rock-Hymnen wie „Can’t Escape“ und „Robot“.

Keine Kompromisse mit der Musikindustrie

Das wohl berühmteste Foto der Band entstand in den späten 70er Jahren an der Berliner Mauer. Es zeigt vier hagere junge Männer mit Sonnenbrillen, Lederjacken, Jeans und Turnschuhen. Im Hintergrund ist das Springer-Hochhaus zu sehen. Die Plattenfirmen rissen sich um Sänger Gerrit Meijer und seine PVC-Jungs. Doch die ersten Angebote lehnten sie ab. „Blöderweise“, wie Meijer später einmal sagte. Ihre damalige Punk-Attitüde erlaubte keine Kompromisse mit der Musikindustrie. Erst Jahre später erschienen zwei PVC-Alben. Die Platten machten die Band zu Vorbildern für Berliner Bands wie Die Ärzte. Deren Schlagzeuger Bela B. nahm 1989 auch eine Single mit PVC auf.

Aber glücklich war der gelernte Maschinenschlosser Meijer mit der Entwicklung der Punk-Szene nicht. Als die Jugendlichen anfingen, sich mit Irokesen-Schnitt und Sicherheitsnadel regelrecht zu uniformieren, wurde es ihm schon wieder zu blöd. Statt die angesagten Drogen einzuwerfen, schnüffelte er Pattex. Denn Anpassung, so Meijer, liege ihm nicht. All diese Äußerlichkeiten hätten „in Wahrheit nichts mit Punk zu tun“.

So entwickelte Meijer den PVC-Punk mit Einflüssen von New Wave, Rockabilly und anderen Experimenten weiter. Die Band lernte Weltstars wie Iggy Pop, David Bowie und Nina Hagen kennen. Sie erlebte aber auch mehrere Umbesetzungen, Auflösungen und Neugründungen. Zuletzt versuchte Gerrit Meijer im Jahr 2005 einen Neustart mit ganz neuer Besetzung. Er blieb weiter in den Berliner Musik-Clubs präsent.

"Ein agiler und sehr kreativer Mensch"

Die meiste Zeit verbrachte Meijer in seinen letzten Lebensjahren in einem Tonstudio an der Prenzlauer Allee. Dort nahm er neue Songs auf – nur für sich. Höchstens zu Weihnachten verschickte er mal ein paar Kostproben. Meijer kümmerte sich um Nachwuchs-Bands und trat als Komparse in der RTL-Serie „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ auf. Rein äußerlich hatte er Nieten, Lederkluft und Punk-Frisur gegen Jeans und weiße, gekämmte Haare eingetauscht. Doch Fotos von ihm zeigen bis zuletzt die Pose des verwegenen Rock’n’Rollers.

In der Todesmeldung des Verlags Neues Leben, der sein Punk-Buch herausgebracht hatte, hieß es am Montag: „Am 17. Februar gegen 23.30 Uhr ist der Berliner Musiker und Autor Gerrit Meijer unverhofft an einem Herzinfarkt verstorben. Freunde und Verlagsmitarbeiter sind erschüttert. Gerrit Meijer war ein agiler und sehr kreativer Mensch – Musik war sein Leben.“ Von der PVC-Urbesetzung lebt jetzt nur noch Gitarrist Raymond Ebert. Vor Meijer waren bereits Bassist Knut Schaller und Schlagzeuger Jürgen Dobroszcsyk verstorben.

Eine Freundin von Gerrit Meijer hat einen letzten Gruß auf seiner Facebook-Seite im Internet hinterlassen. Wenke Rottstock schreibt, dass er eigentlich seinen 70. Geburtstag mit ihr feiern wollte. Die Einladung hatte er als Zahlenspiel formuliert: „Du bist 1970 geboren und wirst 47, ich bin 1947 geboren und werde 70.“ Es sieht so aus, als würde Berlins Ur-Punk diesmal eine Party verpassen.