Berlin - „In Ihrem Aufsatz, in dem ja offenbar mein Alter Erwähnung finden soll und meine langsam ausbleibenden Auftritte, darin werden Sie doch auch mitteilen, was mein Leben eigentlich ausmachte und also wer ich bin?“, erkundigte sich Gisela May gewissenhaft, kurz vor einem Jubiläums-Geburtstag. Aber ja, verehrte Frau May, selbstverständlich, steht alles drin, dass Sie zu den wirklich Großen der Bühne gehören, weit gereist … – „Oh, nein bitte, schreiben Sie das nicht: weit gereist. Wie klingt denn das? Menschen hier im Osten könnten denken, ich sei bis Sofia und Moskau gekommen, ist auch weit, aber ich war doch in der Welt unterwegs. Das gehörte damals nicht zu den Selbstverständlichkeiten, leider.“

Tatsächlich war die Brecht-Interpretin Gisela May die berühmteste Diva aus der DDR in der Welt. Beides hat ihr Leben geprägt, dabei waren schon die Begriffe ein Widerspruch in sich – DDR und Diva. Denn ohne sich selbst je so zu bezeichnen war sie selbstverständlich eine bedeutende Figur des Bühnenlebens mit hoheitlich-divenhafter Präsenz.

Gegensätze gehörten zum Wesen von Gisela May. Etwa ihre unbedingte Regimetreue und ihr gleichzeitiges Zusammenleben mit dem Regimegegner Wolfgang Harich. Auch ihr folgenschwerer liebestrunkener Seitensprung auf einer italienischen Reise in den Sechzigern und ihre zugleich perfektionistische Pflichtbesessenheit bei der Arbeit gaben der Diseuse etwas Schillerndes. Dazu diese Staatsloyalität, während sie sich gleichzeitig an der Mailänder Scala, der Carnegie Hall, der Oper in Sydney – in 26 Ländern als Sängerin und als Schauspielerin feiern ließ. Auf Tourneen setzte sie übrigens durch, dass ihre Plakate ohne das Herkunftsland DDR gedruckt wurden, insbesondere in den USA. Das Kürzel würde dort sowieso keiner verstehen, erklärte sie den Funktionären der DDR-Künstleragentur, als Verortung seien Brecht und Berlin vollkommen ausreichend.

Gisela May hatte Recht. Mit Brecht und Berlin sind auch ihre Positionen im eigenen Land treffend beschrieben. Wer ihren Namen kennt, bringt ihn mit dem Berliner Ensemble in Verbindung, mit der „Mutter Courage“, der „Dreigroschenoper“, den Brecht-Songs von Eisler, Dessau, Weill. Manchem wird es vorkommen, als habe sie Brecht getroffen und sei dann in den Erfolg gestürzt. Aber Karrieren laufen anders zur damaligen Zeit. Auch ihre beginnt langsam, mühsam, unauffällig, wenn auch zielstrebig. Brecht ist sie nie begegnet.

Als Tochter des Schriftstellers Ferdinand May und der Schauspielerin Käte May 1924 in Wetzlar geboren, in Leipzig aufgewachsen, weiß sie schon als Kind, dass sie ans Theater muss. Jede Etappe nimmt sie mit ehrgeiziger Gründlichkeit – die Schauspielschule, die Stadttheater Dresden, Görlitz, Danzig, Leipzig, Schwerin, Halle, jeden Dialekt, alles. Als sie in einer Rolle so überzeugend lispelt, dass ein Kritiker ihr „leider einen Sprachfehler“ attestiert, weiß sie, es ist Zeit für Berlin. Mit 27 Jahren erreicht sie das Deutsche Theater.

Bewundert aber auch streng abgelehnt

Der Komponist Hanns Eisler spürt sie auf, als sie einen Weill-Song in einer BE-Matinee singt und rät: „Das müssen Sie weitermachen.“ Sie tut, was er sagt. Er zeigt, was er sich vorstellt unter einer singenden Schauspielerin. Und so wird sie eine, die erfühlt, ersinnt und erspielt, was sie singt, sich dabei aber einem Song stets streng inhaltlich nähert. Sie will ihm dienen mit ihrem ganzen darstellerischen Können. Sie kalkuliert sinnlich und erzieht sich zu gestischer Sparsamkeit. Betörend, krachend, witzig, gemein und natürlich nüchtern können ihre Auftritte ausfallen, und einen Konzertsaal still staunen lassen. „Fall doch nicht auf die Musik rein!“, lehrt sie später ihre Schüler. „Sprich die Strophe als Text, und du lernst sie kennen – nicht die Musik macht die Zäsuren!“ Mays starke alleskönnerische Stimme ist für jeden Einsatz trainiert. Sie zelebriert den fokussierten Auftritt, bei dem oft der Eindruck entsteht, ihre Interpretation eines Songs, ihre Sicht auf die Dinge seien die allein gültigen. Für dieses Prätentiöse, Artifizielle, die Deutungshoheit wird sie ungehemmt bewundert, auch streng abgelehnt.

Legendär bleibt ihre Mutter Courage am Berliner Ensemble ab 1978, für die sie sich erst aus den Schatten von Lotte Lenya und Helene Weigel befreien muss. Es braucht ein paar Vorstellungen, um nicht mehr befangen zu „weigeln“. Sie eignet sich die geschäftstüchtige Figur schließlich mit trockener Ironie an, balanciert zwischen sinnlicher Kraft und emotionalen Brüchen, stets dem epischen Theater verpflichtet, wird jeden Abend gefeiert, am letzten besonders. Der kommt 13 Jahre später. Es gibt nasse Augen im Publikum und auf der Bühne, sie selbst wahrt professionelle Contenance: „Das Publikum kauft keine Billets, um Künstler heulen zu sehen“, pflegt sie zu sagen. Erhobenen Hauptes übersteht sie die Momente ihrer schlimmsten Niederlage.

40 Jahre zuvor hat sie erstmals im BE auf der Bühne gestanden, 30 Jahre lang zum Ensemble gehört, es war ihr Theater. Nach der Wende wird sie als eine der ersten gefeuert.