Gerade war er 90 Jahre alt geworden. Und er hatte es sichtlich genossen, wie er gefeiert wurde. In Neustrelitz, nahe seiner Wohnung, gab es einen Festakt im Theater. Das war mehr, als er sich vor ein paar Jahren erhofft haben dürfte, aber deutlich weniger, als im Staat seines hauptsächlichen Wirkens veranstaltet worden wäre. Der Schriftsteller Hermann Kant ist am Sonntag wenige Wochen nach seinem 90. Geburtstag gestorben. Und wenn es in den Meldungen nun heißt, „der DDR-Schriftsteller“, was bei so vielen Autoren eine plumpe regionale Einschränkung bedeutet, passt bei ihm diese Bezeichnung perfekt. Hermann Kant repräsentierte quasi die DDR-Literatur. Er stand für sie mit seinem Werk und seinem Leben.

In Hamburg geboren, zog er als Jugendlicher mit den Eltern nach Mecklenburg, musste nach seiner Elektrikerlehre im Dezember 1944 in die Wehrmacht, kam in Polen in Kriegsgefangenschaft, bis 1949. Diese Zeit war wesentlich, in mehrfacher Hinsicht. Denn nicht nur die Schmach der Gefangenschaft und die Haftbedingungen quälten ihn dort, auch sein Gewissen, sein Verhältnis zur eigenen Rolle in diesem Krieg, seine Position als Deutscher in Polen. Es war die Verantwortung für die deutschen Verbrechen dem Nachbarland gegenüber, die er selbst als drückende Last empfand. Was damals in seinem Kopf kreiste, reifte Jahrzehnte später zu Kants unbestreitbar bestem Buch, dem Roman „Der Aufenthalt“, 1977 erschienen. Dessen Held Mark Niebuhr begreift sich in der Handlungszeit von der Einberufung bis zur Gefangenschaft als „einer von den Menschen, ohne die Unmenschlichkeit nicht gegangen wäre“.

„Der große epische Spaß“

Hermann Kant studierte in Greifswald an der Arbeiter- und Bauern-Fakultät, der ABF. Das war eine Erfindung der Sowjetischen Besatzungszone, um Menschen aus den – wie wir heute sagen – bildungsfernen Schichten zur Hochschulreife zu führen. Kant wechselte 1952 nach Berlin, zum Germanistik-Studium an die Humboldt-Universität, war wissenschaftlicher Assistent und Redakteur und begann mit seinem sprachlich ausgefeilten Erzählband „Ein bisschen Südsee“ 1962 sein Schriftstellerleben.

Doch die künstlerische Arbeit stand in der DDR von Anfang an unter politischer Beobachtung, von den Autoren wurde Positionierung erwartet, gedruckt nur, was opportun war. 1957 war der damalige Leiter des Aufbau-Verlags, Walter Janka, zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt worden. 1959 hatte Uwe Johnson das Land verlassen, weil er seine „Mutmaßungen über Jakob“ nur im Westen veröffentlichen konnte. Jemand wie Kant, der aus Überzeugung in diesem jungen Staat lebte, lieferte das Gewünschte. Mit seinem ersten Roman wurde er zu einem der herausragenden Vertreter einer sozialistischen Literatur. „Die Aula“, 1965 erschienen, erzählt von dem Journalisten Robert Iswall, der eine Rede zur Schließung seiner Arbeit- und Bauern-Fakultät halten soll. Sozialistisch ist der Roman in dem Sinne, dass es zu dieser Gesellschaftsordnung keine Alternative gibt. Die Gruppe der Helden ist durch die ABF aus einfachen Verhältnissen in gute Berufe gelangt – vom Elektriker zum Journalisten, von der Schneiderin zur Augenärztin, vom Waldarbeiter zum Ministeriums-Mitarbeiter.

„Mit diesem Buch ist etwas Neues in unsere erzählende Literatur gekommen“, schrieb damals die Berliner Zeitung, „der große epische Spaß.“ Kant knüpft lustige Anekdoten in ein Geflecht von Assoziationen, das Zweifel zulässt und letztlich zum Guten führt. Wer das Buch wie die Autorin dieser Zeilen in der Schule lesen musste, hat sich nicht gelangweilt – da gab es nun wirklich Schlimmeres! –, allein dass es sich so trefflich einordnen ließ in die Unterrichtskriterien und der Sieg des neuen Menschen und neuen Denkens so deutlich zutage trat, machte es dann wieder zäh. Marcel Reich-Ranicki schickte dem Autor in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ein giftiges Lob: „Ein intelligenter, ein schlauer Bursche, ein vielseitiger, ein wendiger Journalist, ein professioneller und temperamentvoller Polemiker, ein lustiger Bruder vom traurigen Feuilleton des ‚Neuen Deutschland‘, eines der flinksten Pferdchen aus dem Elitestall der SED-Presse.“ Auch in der Bundesrepublik schaffte der Roman es zur Schullektüre. Er wurde in 15 Sprachen übersetzt, 650 000 Exemplare sind auf Deutsch erschienen.

Der nächste Roman, „Das Impressum“ zeigte Kant wiederum als versierten Erzähler, der unterhalten kann, Zeitebenen verschränken, Gesellschaftliches und Persönliches mischen. Diesmal steht ein Journalist (David Groth) vor dem Schritt, Minister zu werden, und blickt zurück. Wie auch in späteren Büchern, etwa den Erzählungsbänden „Eine Übertretung“ (1975) und „Der dritte Nagel“ (1981) legt Kant Probleme des Sozialismus offen, bürokratische Umständlichkeiten, Ungerechtigkeiten, auch dümmliche Parolen und kurzschlüssige Reaktionen. Letztlich bleibt aber der Zweifel bloß ein Mittel der Bestärkung, schließt sich an Kritik ein „Ja, aber“ an. Kant steht auf der Seite des Staates und stellte sich bald als Funktionär in dessen Dienst: als Mitglied des Zentralkomitees der SED und als Präsident des Schriftstellerverbands der DDR (von 1978 bis 1990). In seine Amtszeit fällt der Ausschluss von neun Autoren aus dem Verband 1979. „Ich habe nicht gezählt, wie oft ich gefragt wurde, warum ich bei der Sache blieb, ihr nicht einfach anhing, sondern ihr, wo nötig, voranging“, sagt der Erzähler in Kants Roman „Okarina“, und der Leser weiß, um welche Sache es geht, den Sozialismus. „Ich zähle auch weiterhin die Antwort nicht, sie ist gegeben. In hohem Ton: Weil ich die Sache nicht mit dem Makel verwechselte und meinte, ich könne jene von diesem befreien. Leiser Zusatz, nicht für jeden bestimmt: Und weil ich eine andere Sache weder sah noch sehe.“

Lavieren als Stilmittel

Wie sehr Kant die Fesseln seiner Ämter hielten, zeigte seine Reaktion auf dem X. Schriftstellerkongress der DDR 1987. Er war in der Arbeitsgruppe, in der Christoph Hein seine berühmt gewordene Rede über die Zensur in der DDR gehalten hatte. Hein griff das System der Druckgenehmigungen an, schilderte die wackligen Positionen der Verleger, die zwischen Ministerium und Autor vermitteln mussten und beschrieb die Hemmnisse jeglicher künstlerischen Produktion durch die offiziellen Leser mit den ideologischen Brillen. Er habe „kräftige Einwände gegen so manches Wort“ sagte Kant und an seinem Lavieren ließ sich ablesen, wie dünn seine Argumentation war. Kant hatte ja selbst auf das Erscheinen manches Buches warten müssen. Beim „Aufenthalt“ zum Beispiel fürchteten die Ober-Leser die Reaktion aus Polen.

Das Lavieren wurde mehr und mehr zum Stilmittel Kants. Im lustvollen Verknüpfen von Assoziationen drehte er in den späteren Büchern doch so einige Pirouetten zu viel und verzettelt sich in Manierismen. Daran kranken praktisch alle seine Bücher, die im vereinigten Deutschland erschienen sind. Von seiner „Liebe zur Vielwörterei“ spricht der Erzähler in „Okarina“ (2002).

Hermann Kant hat den Anfechtungen nach dem Mauerfall getrotzt und sich vor Gericht gewehrt, als ihm seine Kontakte zur Staatssicherheit vorgeworfen wurden. In einem Interview mit der Berliner Zeitung erklärte er zwar, dass er nicht allein für den Ausschluss von Stefan Heym, Eich Loest, Klaus Schlesinger und sechs anderen Autoren aus dem Schriftstellerverband verantwortlich gewesen war, denn 300 anwesende Mitglieder hätten auch dafür gestimmt. „Ich mache meinen Anteil nicht klein. Wenn ich gesagt hätte, bei diesem Ausschluss mache ich nicht mit, wäre er nicht passiert.“

Im Roman „Kino“, 2005 erschienen, genießt der Erzähler, längst kein „leitender Mann“ mehr zu sein. Der lebt wie zuletzt auch Hermann Kant in einem winzigen mecklenburgischen Dorf, in seinem ehemaligen Sommerhaus. Er schrieb weiter, und es gab genug Leute, die seine Bücher freiwillig lasen. Der Festakt zu seinem Geburtstag war schon Wochen vorher ausverkauft.