Wie er zu seinem Instrument gekommen sei? Er habe schon als Kind unbedingt Musik machen wollen, hat Jack Bruce einmal erzählt, aber seine Familie sei dermaßen „absurd arm“ gewesen, dass sie ihm keine Gitarre kaufen konnte – das war sein größter Wunsch. Aber immerhin gab es in seiner Schule einen alten Kontrabass, den er leihen konnte. So lernte er das Musizieren statt dessen auf diesem.

Was für ein Glück! Denn Jack Bruce wurde zu einem der größten Bassisten, den es in der Geschichte der Rockmusik überhaupt gibt. Was zu nicht unwesentlichen Teilen an der Tatsache lag, dass er seinen Bass spielte wie eine Gitarre, so melodisch und komplex, so verzerrt und verstärkt, so laut und auf alle anderen denkbaren Arten dominant wie die lautesten und dominantesten Gitarristen seiner Epoche.

Geboren 1943 in Lanarkshire in der Nähe von Glasgow, begann Bruce seine musikalische Karriere – nach einem sogleich wieder abgebrochenen Cello-Stipendium an der schottischen Musikakademie – Anfang der Sechzigerjahre in London in unterschiedlichen Jazz-Ensembles. Bald wechselte er vom Jazz zum Bluesrock und vom Kontrabass zur E-Bass-Gitarre, er spielte in Alexis Korners Blues Incorporated mit dem späteren Rolling-Stones-Drummer Charlie Watts und bildete in der Graham Bond Organization die Rhythmussektion mit dem Schlagzeuger Ginger Baker. Doch bediente er sein Instrument bereits damals derart untypisch und – wie Baker beklagte – „busy“, also mit zu vielen Noten, dass der Schlagzeuger ihn aus der Band werfen ließ. Ihr Leadgitarrist John McLaughlin reüssierte später als Fusion-Jazz-Star; Bandleader Bond wurde wahnsinnig und nahm nur noch okkultistische Folkplatten auf.

Ginger Baker und Jack Bruce wiederum fanden sich trotz ihrer herzlichen Abneigung gegeneinander schon im folgenden Jahr erneut in einer gemeinsamen Band: Der Gitarrist Eric Clapton, den Bruce bei John Mayall’s Bluesbreakers kennengelernt hatte, gründete 1966 mit beiden Cream – eines der ersten Power Trios in der Rockgeschichte, also eine Band, die nur aus Gitarre, Bass und Schlagzeug besteht. Derart flink fingerte Clapton auf seinem Griffbrett herum, dass die bis dahin übliche Trennung in Rhythmus- und Leadgitarre obsolet wurde; Jack Bruce wiederum spielte – jedenfalls zu Beginn – auf einem sechssaitigen Fender Bass so melodisch, dass er damit die musikalischen Rollen von Bass und Gitarre gleichzeitig übernahm. Zudem erlaubte es die sich schwungvoll verbessernde Verstärkertechnik erstmals, den Bass so laut aufzudrehen, dass er in Druck und Dynamik zu einem gleichberechtigten Instrument wurde.

Cream waren also eine sehr laute Band, gerade auch bei ihren Konzerten. Nach einigen Quellen beklagte sich insbesondere Jack Bruce immer wieder über die Lautstärke und behauptete, schon mit 24 einen bleibenden Hörschaden zu haben. Nach anderen Quellen war es gerade er, der seinen Verstärker immer lauter und lauter aufdrehte, um damit den verhassten Ginger Baker zu übertönen. Desöfteren sollen beide vor Auftritten einander die Instrumente sabotiert haben, auch zu Prügeleien auf der Bühne ist es angeblich gekommen. Regelmäßig verbissen sie sich jedenfalls derart in ihre musikalischen Zweikämpfe, dass Eric Clapton auch schon mal länger die Bühne verlassen konnte, ohne dass sie es merkten.

Cream waren also eine großartige Band und, obwohl sie nur drei Jahre existierten, eine der prägendsten ihrer Epoche. Ihre Songs waren auch in den Studioversionen derart lang, dass sie das bis dahin beherrschende Single-Format sprengten, mit ihnen wurde endgültig das Langspielalbum zum leitenden Format im Pop. Und sie verkauften von ihren Langspielalben sehr viele, von „Fresh Cream“, „Disraeli Gears“ und „Wheels of Fire“ insgesamt 35 Millionen Stück; die von Jack Bruce gesungenen und meist auch komponierten Songs wie „Sunshine Of Your Love“ oder „I Feel Free“ wurden zu massenbegeisternden Hits. Zwei Sommer lang beherrschten Cream die Gegenwart des Pop. Und die Zukunft: Mit ihrem harten, verzerrten, trotz aller Virtuosität immer auch räudig wirkendem Spiel nahmen sie den Heavy Metal der Siebzigerjahre vorweg. Dessen wichtigste Protagonisten haben Cream denn auch stets als Inspiration bezeichnet: Besonders Black-Sabbath-Bassist Geezer Butler hat immer wieder betont, wieviel er Jack Bruce verdankt.

Ende 1968 brachen Cream auseinander. Jack Bruce kaufte sich von den mit der Musik verdienten Millionen erst einmal eine komplette Insel vor der südwestschottischen Küste und begann nach einer kürzeren Besinnungszeit dort eine wechselhafte Solokarriere, die ihn ebenso zurück zur Tradition des Jazz und Blues führte wie an die Spitze der Pop-Avantgarde. Er spielte wieder mit John McLaughlin zusammen; mit der Jazzpianistin Carla Bley nahm er 1972 die theatralische Suite „Escalator Over The Hill“ auf. 1973 war er aber auch als Bassist auf Lou Reeds Konzeptalbum „Berlin“ zu hören und 1974 auf „Apostrophe“ von Frank Zappa; mit Ginger Baker und dem Gitarristen Gary Moore spielte er in den Neunzigerjahren noch einmal in einem Power Trio, und 2005 gab er mit Baker und Clapton vier umjubelte Cream-Reunion-Konzerte in London und New York.

Kurz zuvor war bei ihm Leberkrebs festgestellt worden, eine Organtransplantation überlebte er nur knapp. Doch musizierte er in den folgenden Jahren wieder so kräftig und vital wie zuvor, im vergangenen Frühling brachte er mit „Silver Rails“ sogar noch einmal ein Soloalbum heraus. Nun aber ist er seinem Krebsleiden doch noch erlegen. Am Sonnabend ist Jack Bruce in Suffolk im Alter von 71 Jahren gestorben.