„Spionage und Schriftstellerei“, formulierte John le Carré in seiner bescheidenen Art, „sind wie füreinander geschaffen: Beide erfordern sie ein waches Auge für menschliche Verfehlungen und die vielen Wege hin zum Verrat.“ Bescheiden, denn es muss bei dem Briten, der im Alter von  25 vom Inlandsgeheimdienst MI5 angeworben wurde, der es dann schnell albern fand, ein paar Tausend englische Kommunisten zu bespitzeln, der zum MI6 wechselte und den auch das bald anödete, es muss bei David Cornwell, wie sein Geburtsname lautete, etwas ganz Entscheidendes dazugekommen sein: ein überragendes Talent nämlich, Geschichten zu erzählen.

Und es auf unvergleichlich elegante Weise zu tun, als Stilist und Gentleman, zart ironisch, zutiefst menschlich. Er war ein Meister des Floretts, er setzte seine Treffer präzise, gleichzeitig scheinbar mit Leichtigkeit, Satz um geschliffenen Satz. Er verabscheute in jeder Hinsicht den Hammer und das bloße Schwarz-Weiß – aber zur Moral kommen wir noch. In den Romanen John le Carrés wurden Spione erstmals zu Menschen.

Denn er zeigte sie als allemal fehlbar, auch als schwach, manchmal feige, aber er stellte sie nicht bloß. Er stellte ja nicht einmal seine Eltern bloß, obwohl er allen Grund dazu gehabt hätte. In der Sammlung „Der Taubentunnel – Geschichten aus meinem Leben“ (2016) machte er sie zum Thema, dies aber mit herzzerreißender Nüchternheit.

Vaterseelenallein in Paris

Seine Mutter Olive verlässt die Familie, als er fünf ist und sein Bruder Tony sieben. Schon zuvor ist sie abwesend, fern, David kann sich an keine einzige Umarmung erinnern. Sein Vater Ronnie ist „Hochstapler, Phantast, immer mal wieder Knastbruder“, er schickt den 16-Jährigen vaterseelenallein nach Paris, um eine „Ehrenschuld“ einzutreiben, verzockt Davids Studiengebühren, signiert hunderte Exemplare des ersten großen Erfolgs seines Sohnes, „Der Spion, der aus der Kälte kam“ (1963), mit seinem Namen, als hätte er das Buch geschrieben. Sein Sohn gibt ihm Kredit dafür, ein fabelhafter Geschichtenerfinder gewesen zu sein – wenn auch nur, um Menschen zu betrügen.

Auf Geheimdienst-Interna brauchte man als Leserin, als Leser gar nicht hoffen, nachdem David Cornwell 1964 auch beim Auslandsgeheimdienst gekündigt hatte. Und das war gut so, denn das, was er sich – sicherlich auf Erfahrungen aus den sieben Jahren bauend – ausdachte, war spannender als das Leben, aber doch nicht jenseits aller Plausibilität. Und schon zitiert man ihn am besten wieder selbst, nämlich damit, wie er über einen berühmten fiktiven Landsmann dachte: „Ich habe Bond nie wirklich als Spion gesehen. Ich halte ihn eher für ein Wirtschaftswunderkind des Westens, mit der Lizenz, sich im Interesse des Kapitals extrem schlecht zu benehmen.“

Ein doppelter Scotch ohne „blödes Eis“

Der Rüpel und Haudrauf James Bond ist in der Tat denkbar weit weg von den Spionen John le Carrés, von diesen Männern und ein paar Frauen, deren größtes Talent es schon um des Überlebens Willen sein musste, unscheinbar zu bleiben. Jenen Männern und Frauen, die er beobachtet und sich aus dem wahren Leben gefischt hat – und sei es nur, weil sie am Flughafen „eine Handvoll Kleingeld in einem halben Dutzend verschiedener Währungen auf die Theke kullern“ ließen und sich einen doppelten Scotch ohne „blödes Eis“ bestellten. Le Carré nannte diesen Unbekannten Alec Leamas und machte ihn zu seinem Protagonisten in „Der Spion, der aus der Kälte kam“.

Die Kälte, das konnte in den Sechzigern nur der Kalte Krieg sein. Meisterhaft beschrieb der Brite dieses Schachspiel hinter den Kulissen, diese stillen und oft tödlichen Züge diverser Geheimdienste, Doppelagenten inklusive. Aber er vergaß nie, dass es dabei um Menschen ging. Und ließ seine Leser nie vergessen, dass auch Spione bluten, wenn man sie sticht.

Und hier kommen wir wieder zur Moral, zum großen Kompass dieses Schriftstellers. Denn so allerfeinst John le Carré seine Romane fügte, Handlungsfäden aufspaltete und wieder raffte, so sehr er gewiss auch gut unterhalten wollte, so wenig ging es ihm um Effekt, Action, Oberfläche. Er war immer ein politischer Schriftsteller, auch wenn er seine Meinung schreibend so diskret handhabte wie alles in seinem Leben. Aber sie war doch kenntlich in einer Haltung, die das zynische Wort Kollateralschaden nicht kannte. Niemand war zu unwichtig, um nicht betrauert zu werden.

Nach dem Mauerfall wandte er sich vermehrt anderen Themen zu, aber er blieb im Milieu, und er blieb eminent politisch. Um illegale Arzneimitteltests ging es in „Der ewige Gärtner“ (2001), um den islamistischen Terror und die Furcht davor in „Marionetten“ (2008), Whistleblower würdigte er mit „Empfindliche Wahrheit“ (2013). Seine große Kunst bestand darin, dass nichts zeigefingerhaft, nichts nur abgehakt wirkte.

Patriotismus ist was für Kleinkinder

Er blieb bis zum Ende ein so beherrschter wie scheinbar anstrengungsloser Schreiber. 2017 kehrte er mit „Das Vermächtnis der Spione“ sogar noch einmal zu den Figuren seiner Smiley-Romane zurück und stellte die Frage nach Schuld und Wiedergutmachung auf zeitgemäße Weise: Der Sohn von Alec Leamas und die Tochter von Liz Gold (den beiden an der Berliner Mauer erschossenen Figuren) versuchen, eine finanzielle Entschädigung für den Tod ihrer Eltern zu erstreiten. Da geht es plötzlich unter Spionen in Rente auch um Erinnerung und wie sehr sie uns trügt, um Schuldgefühle und ihre Verdrängung. Und um die Frage: War es das wert? Patriotismus ist was für Kleinkinder, sagt Leamas’ Sohn.

Schließlich, 2019, „Federball“, der nun wohl sein Vermächtnis bleiben wird. Da lässt er die jungen und vielleicht ein bisschen naiven Idealisten davonkommen, gönnt ihnen ein kleines Happy End – fast könnte man meinen, er hatte noch Hoffnung für die ihm folgenden Generationen und wollte ihnen eine Chance geben.

Am 12. Dezember ist der große John le Carré an einer Lungenentzündung gestorben. Noch erleben durfte er die Abwahl eines Menschen, den jemand wie er nur verabscheuen konnte.