„Hat jemand Feuer?“ Die Frage trifft Humphrey Bogart hinterrücks. Er dreht sich um und sieht Lauren Bacall im Türrahmen lehnen. Sie hält den Kopf leicht geneigt, doch ihr Blick ist direkt und klar. Als er ihr seine Streichhölzer zuwirft, fängt sie diese lässig aus der Luft. Sie steckt sich in aller Ruhe eine Zigarette an, wie um ihm Zeit zugeben, sie ausgiebig zu mustern. Dann wirft sie das abgebrannte Zündholz hinter sich und dreht sich zum Gehen. Ein letzter abschätziger Blick zurück – und ist sie verschwunden.

Am Ende dieser Szene von „Haben und Nicht-Haben“ (1944) wusste noch niemand, dass es die Geburtsstunde eines neuen Stars sein würde. Humphrey Bogart war das vermutlich ohnehin einerlei – er hatte sich gerade in eine 19-jährige Schauspielerin verliebt, die an seiner Seite ihr Debüt gab. Und Lauren Bacall war viel zu nervös, um an irgendetwas anderes als den nächsten Augenblick zu denken. „Ich war dieses schlaksige Ding mit großen Füßen“, erinnerte sie sich später an ihre ersten Drehtage, und kokettierte damit, dass ihr berühmter, unter schweren Lidern lodernde Blick vor allem dem Lampenfieber geschuldet war.

Selbst für das verwöhnte Hollywood war Lauren Bacalls erster Filmauftritt eine Sensation: Sie kam aus dem Nichts – genau genommen war sie vom Titelbild eines Hochglanzmagazins herabgestiegen –, schob auf der Leinwand Männer beiseite, als würde sie einen Vorhang teilen, und brannte nach den Dreharbeiten mit Humphrey Bogart, einem der Stars der Stunde, durch. Selbst dass sich Bogart im Eiltempo scheiden ließ, um die halb so alte Bacall zu heiraten, trübte in den 40er Jahren nicht das Bild: Das Publikum war viel zu sehr von der Vorstellung betört, dass die unwiderstehliche Leinwandromanze in der Wirklichkeit einfach weitergeht.

Auf mehrere Kisten steigen

„Haben und Nicht-Haben“ war einer dieser Filme, in denen, wie ein Kritiker nur leicht untertreibend schrieb, „die Figuren so cool sind, dass sie sogar durch die Mundwinkel küssen“. Sie passten zur Kriegszeit, in der die Frauen selbstständiger und selbstbewusster wurden, und Bacall war an der Seite Bogarts für einige Jahre die perfekte Verkörperung dieser neuen Frau. Einer Frau, die ihrem Mann auf Augenhöhe begegnet und ihn doch als Erster unter Gleichen akzeptiert. Damit Bogart seiner um mehrere Zentimeter größere Ehefrau vor der Kamera überragen konnte, musste er auf eine Kisten steigen; dafür durfte sie ihm Sachen sagen wie: „Du weißt, wie man pfeift? Du legst einfach die Lippen aufeinander und bläst.“

Lauren Bacalls Debüt war so überwältigend, dass zwei Filme genügten, um ihren lebenslangen Ruhm zu begründen; der zweite ist „Tote schlafen fest“ von 1946, ebenfalls von Howard Hawks, wieder mit Humphrey Bogart. Alles andere ist Beiwerk, was auch daran lag, dass Hollywood seinen neuen Star ins Laufrad steckte. Ein Film folgte auf den nächsten, bis nach sieben Jahren endlich ihr erster Vertrag abgegolten war.

Filmische Kuriositäten

Bacall nutzte ihre neue Freiheit für mehrere Rollenwechsel: An der Seite von Marilyn Monroe angelte sie sich als Komödiantin einen Millionär und brillierte in Douglas Sirks Melodram „In den Wind geschrieben“. Doch als Bogart 1957 an Krebs starb, kühlte sich ihr Verhältnis zu Hollywood noch einmal ab – sie kehrte zum Broadway, ihrer ersten Liebe, zurück, wich ins Fernsehen aus oder spielte in filmischen Kuriositäten wie „Mord im Orient-Express“.

Im Grunde hat das „schlaksige Ding“ wohl immer geahnt, dass es in Hollywood nicht gut aufgehoben ist. Eigentlich wollte Lauren Bacall, die 1924 als Betty Joan Perske geboren wurde, Tänzerin werden – nach Cyd Charisse hatte sie die längsten Beine der Traumfabrik. Aber ihr intelligentes Gesicht war nichts, womit Hollywood auf Dauer etwas anfangen konnte. Als ihr 2009 ein Ehren-Oscar für ihr Lebenswerk verliehen wurde, sagte Bacall der versammelten Filmindustrie: „Viele von euch wussten wohl gar nicht mehr, dass es mich gibt.“ Schlagfertig war sie nicht nur im Film.

In bester Erinnerung war Lauren Bacall vor allem den Autorenfilmern geblieben. Robert Altman gab ihr 1994 eine kleine Rolle in „Pret-a-Porter“, für Lars von Trier stand sie gleich zwei Mal, in „Dogville“ und „Manderlay“, vor der Kamera, und für Jonathan Glazer („Birth“) und Paul Schrader („The Walker“) spielte sie jeweils – als würdigen Schlusspunkt ihrer Karriere – alte Damen der besseren Gesellschaft. Zu letzterer zählte Bacall auch nach ihrem allmählichen Abschied aus Hollywood: Nach Bogarts Tod hätte sie um ein Haar Frank Sinatra geheiratet, als bekennende Anhängerin der politischen Linke war sie ein gern gesehener Gast des liberalen Establishments.

Für die Ewigkeit

Aber nichts reicht an diesen ersten Auftritt, diese Frage nach Feuer heran. Es ist ein Bild für die Ewigkeit: Wie sie in der Tür steht, herausfordernd zurückblickt und dann verschwindet, um zu bleiben. Am Mittwoch ist Lauren Bacall nach einem Schlaganfall gestorben. Sie wurde 89 Jahren alt.