Der Dirigent Mariss Jansons (1943-2019).
Foto: AFP/Herbert Neubauer

BerlinDie Größe des Dirigenten Mariss Jansons ist mir erst vor wenigen Jahren wirklich aufgegangen, und zwar gemeinsam mit der Größe der Haydn-Variationen von Johannes Brahms. Musiker wie Werk hielt ich bis zu diesem Moment für eher treuherzig, die Haydn-Variationen für eine Vorstufe zur Symphonik, den Dirigenten für einen gewiss hervorragenden Vertreter der vor allem um sich selbst kreisenden Klassik-Welt. 

Unauffällig spektakulär

Wie Jansons jedoch diese Partitur aufschloss, wie er durch die Variationen einen dramatischen Faden wob, ohne den Ideenreichtum der einzelnen Stücke zu unterschlagen, im Gegenteil jeden motivischen Impuls zu einem für das Ganze werden ließ, aus dem die abschließende Ostinato-Variation wie selbstverständlich hervorging: Das hatte gerade in einer Interpretation ohne Manierismen etwas Unerhörtes, etwas gewissermaßen unauffällig Spektakuläres.

Indem Jansons dies am bürgerlichsten aller Komponisten exerzierte, deckte er an der Kategorie des Bürgerlichen selbst noch einmal eine Tiefe auf, die man nach den anti-bürgerlichen Triumphen der Kunst im 20. Jahrhundert kaum noch für möglich und gewiss nicht für erfahrbar gehalten hätte. Unter den großen Dirigenten der letzten 50 Jahre war Mariss Jansons der unauffälligste – so weit sich das mit Größe vereinbaren lässt. Er strebte in seinen Interpretationen nicht nach jenen Dingen, die sich geläufig nacherzählen lassen, es gab keine extremen Tempi, keine extremen Lautstärken, keinen antitraditionellen Akzent.

Tradition keine Hilfe

Und auch über den Bereich der Interpretation hinaus stand Jansons keineswegs für das, was man Innovation nennt: Er setzte sich nicht für unbekannte Komponisten ein, an der Konzeption des Konzerts sah er keinen Änderungsbedarf, hielt eine Öffnung in Richtung Jugend oder hochkulturferne Schichten kaum für notwendig.

Insofern ist Jansons tatsächlich der Vertreter einer um sich selbst kreisenden Klassik-Welt gewesen, der seinem Publikum und Orchestern vermittelte, dass alles gut ist; der schlechtere Teil der allgemeinen Bewunderung für ihn mag mit dieser Ausstrahlung zusammenhängen. Sie unterschlägt allerdings, dass hinter einer Interpretation wie jener der Haydn-Variationen eine Arbeit steckt, für die Tradition keine Hilfe ist. Man wird Jansons gewiss nicht gerecht, wenn man ihn einen Intellektuellen nennt, es scheinen ihn die Künste und Wissenschaften jenseits von Musik nicht weiter interessiert zu haben.

Mit drei Jahren schon äußerte er den Wunsch, Dirigent zu werden, weil er den Vater, den Kapellmeister Arvid Jansons beobachtete. Er ist mit hartnäckiger Intuition, die sich im unermüdlichen Umgang mit Partituren und Orchestern schärfte, zu Interpretationen gelangt, denen nichts aufgesetzt werden musste, die ganz aus ihrem Inneren heraus ein faszinierendes Leuchten ausstrahlten.

Probleme mit dem Herzen

Jansons wurde 1943 im Ghetto von Riga geboren und studierte beim Schönberg-Schüler Hans Swarowsky in Wien sowie bei Herbert von Karajan: Die Katastrophen und die Moderne des 20. Jahrhunderts waren Pate einer Karriere, die im Ganzen konservativ ausgerichtet war. Jansons leitete und verbesserte Orchester in Oslo, London und Pittsburgh, bevor er ab 2003 dem Symphonieorchester des Bayrischen Rundfunks endlich jene Ausstrahlung verlieh, die es seiner Qualität nach immer verdient hat. Außerordentlich erfolgreich war auch seine Zeit beim Concertgebouw Orkest in Amsterdam.

Seine Gesamtaufnahme der Symphonien Dmitri Schostakowitschs mit fast allen diesen Orchestern gilt als Standard. Mit seinem Herzen hatte Jansons seit 1996 ernste Probleme: Damals erlitt er beim Dirigieren in Oslo einen Herzanfall. 2010 zwang es ihn zu einer längeren Pause. Spätestens seitdem sah man ihm die gesundheitliche Bedrohung an. In der Nacht zum Sonntag ist Mariss Jansons an einer Herzkrankheit gestorben.