Zum Tod von Martin Roth: Ein Impresario der Schaulust

Wer noch voller Kraft stirbt, sagte der Kulturmanager und Museumsdirektor Martin Roth erst vor wenigen Wochen im Interview der Berliner Zeitung, „der hat etwas falsch gemacht“. Martin Roth wusste zu diesem Zeitpunkt bereits von seiner schweren Erkrankung, und so ging es ihm im Gespräch auch um eine Art Bilanz seines kulturpolitischen Wirkens. Dass er für halbe Sachen nicht haben war, bewies er in bravouröser Gegenwärtigkeit bis zuletzt.

Weil er bei der Kunstbiennale in Venedig die Aufgabe übernommen hatte, den Pavillon von Aserbaidschan zu kuratieren, war er in die Schusslinie der politischen Korrektheit geraten. Darf man sich so arglos in den Dienst diktatorischer Machthaber stellen? Martin Roth setzte sich über kleingeistige Einwände hinweg und verwies auf seine langjährige Zusammenarbeit mit Kunsthistorikern und Künstlern aus Aserbaidschan. Machthaber wechseln, die kulturellen Beziehungen zwischen den Ländern aber sind der Nährboden zivilgesellschaftlicher Stabilität.

Ideale Spielfläche

Martin Roth hat es sich und seinem Umfeld selten einfach gemacht, um neue kulturpolitische Wege beschreiten zu können. Eine ideale Spielfläche für seine kulturwissenschaftliche Gestaltungsfreude bot sich ihm ab 1991 am traditionsreichen Hygiene-Museum in Dresden, das er zu einem Ausstellungsort mit europäischer Ausstrahlung machte.

Als er zehn Jahre später die Leitung der Staatlichen Kunstsammlungen in Dresden übernahm, rümpften nicht wenige darüber die Nase, weil sie bei Roth die einschlägige kunsthistorische Expertise vermissten. Martin Roth focht das nicht an. Wichtig war ihm an all seinen Wirkungsstätten, seine Mitarbeiter und deren Kompetenzen für seine Ideen zu gewinnen, um überraschende Ausstellungsergebnisse zu erzielen.

Geschichte der Weltausstellungen

Das lag vielleicht auch an seiner großen Leidenschaft für die Geschichte der Weltausstellungen, in denen sich wissenschaftliche Neugier, die Repräsentationsbedürfnisse der Macht und populäre Schaulust oft zu einem spektakulären Ganzen verbinden. Martin Roths Gespür für das, was man etwas abfällig Eventkultur nennt, bewies er auf besondere Weise als Kurator der Weltausstellung Expo in Hannover im Jahr 2000, die Maßstäbe für dieses Format setzte.

Es dürfte für Roth ein kulturpolitischer Ritterschlag gewesen sein, dass er 2011 das Angebot bekam, die Leitung des berühmten Londoner Victoria & Albert Museums zu übernehmen und das Haus zu einem Publikumsmagneten der besonderen Art zu machen. Für seine letzte Aufgabe fehlte ihm die Zeit und die Kraft. Die Präsidentschaft des Instituts für Auslandsbeziehungen (ifa) hatte er erst im Juli übernommen, da war er schon von schwerer Krankheit gezeichnet. Martin Roth starb am Sonntag im Alter von 62 Jahren im Kreis seiner Familie in Berlin.