Einen Feigling gab er mit 17 Jahren in seiner ersten, winzigen Filmrolle, einen Seemann, der in der Schlacht seine Stellung verlässt. Der Kriegsfilm „In Which we Serve“ feierte 1942 Premiere. Es war ein schicksalshaftes Jahr für den jungen Schauspieler, der gerade seine Ausbildung abgeschlossen hatte. Am West End Theatre in London stand er zum ersten Mal auf der Bühne – und wurde für drei Jahre Pilot bei der Royal Air Force.

Richard Attenborough war Zeit seines Lebens ein Pazifist, Humanist und Sozialist. Sein Lebenswerk, das Monumentalepos „Gandhi“ über das Leben des indischen Freiheitskämpfers und dessen gewaltlosen Widerstand, stand ganz im Zeichen dieser Überzeugungen – und eines nationalen Traumas: Obwohl siegreich aus beiden Weltkriegen hervorgegangen, verlor Großbritannien seine Weltmachtstellung. Das Vereinigte Königreich war kein Empire mehr; eine entscheidende Rolle für das Ende aller europäischen Kolonialreiche hatte die Unabhängigkeit Indiens 1947 gespielt.

Mehr als 300000 Statisten, drei Stunden Länge und angeblich 30 Jahre Vorbereitung: Kurz nach diesem Jahrhundertereignis musste Attenborough mit der Arbeit an dem Film begonnen haben. 1983 wurde „Gandhi“ mit acht Oscars ausgezeichnet. Einer davon markierte den Karrierestart des Hauptdarstellers Ben Kingsley.

Das herausgeschnittene Schwarz

Es gibt eine Szene in der englischen Fassung, die sich so deutlich an das britische Trauma richtet, dass sie wohl deshalb aus der deutschen Fassung herausgeschnitten wurde: Nach dem Massaker von Amritsar 1919, bei dem britische Soldaten 379 gewaltlose Demonstranten erschossen, wird die Leinwand schwarz für eine kurze, lange Weile. Die traditionelle indische Musik hetzt atemlos auf eine Klimax zu – später sitzen die Verhandlungsparteien am Tisch.

Wenn er sich für eine der Künste entscheiden müsste, sagte Richard Attenborough einmal, sei dies die Musik. „Ohne Musik würde ich eingehen.“ Zwei Musicals finden sich in seinem Werk als Regisseur, „A Chorus Line“ (1985) und sein Erstling „Oh! What a Lovely War“ (1969). Die formale Perfektion seiner Filme erweist sich auch und insbesondere im Ton und in dem hochemotionalen Einsatz von Musik.

Er sei „kein Autorenfilmer“, sondern „ein narrativer Regisseur, ich erzähle Geschichten“. Seine Liebe zu den großen Emotionen, den großen Geschichten, dem großen Aufwand (und das alles noch ohne Spezialeffekte) musste ihn zwangsläufig nach Hollywood führen.

Die eigene Nation vor dem Überlegenheitstaumel bewahren, die andere Perspektive einnehmen, sich überhaupt und unermüdlich die eigenen Fehler, das eigene Scheitern bewusst machen und daraus lernen: Diesem Credo folgen viele seiner 12 Filme als Regisseur, so auch „Die Brücke von Arnheim“ (1977) als einer der ersten Filme, der alliiertes Versagen zeigt, sein Spielfilmdebüt, das Antikriegs-Musical „Oh! What a Lovely War“, oder der Anti-Apartheid-Thriller „Schrei nach Freiheit“, der in Attenboroughs Filmografie ein logisches Sequel von „Gandhi“ darstellt.

Es muss ihm, der leise sprach, gern lachte und dabei seine charakteristische Lücke zwischen den beiden oberen Frontzähnen entblößte, eine diebische Freude gemacht haben, den wahnwitzigen Dinosaurierzüchter zu spielen in „Jurassic Park“ von seinem Freund Steven Spielberg – zitierte diese Rolle doch das Schema, in dem er als Schauspieler so oft brilliert hatte: Das Babyface mit psychopatischer Tendenz, gern auch ohne Rückgrat.

Die Liebe zur Familie

1993 kam der Film ins Kino, in dem Jahr, in dem Sir Richard Attenborough, bereits 1976 zum Ritter geschlagen, von der Queen anlässlich seines 70. Geburtstags in den Rang eines Lords erhoben wurde. Seitdem hatte er, der ausnehmend politische, dezidiert linke Regisseur, der einmal gesagt hatte, er würde das Land verlassen, wenn Margaret Thatcher die nächste Wahl gewänne, einen Sitz im Oberhaus.

Die Liebe zu seiner Familie, zu den Eltern, seinen jüngeren Brüdern (John und der Naturfilmer David Attenborough) seiner Frau Sheila Sim und den drei Kindern war stets sein Motor. Den Tod seiner ältesten Tochter und seiner Enkelin bei der Tsunami-Katastrophe 2004 in Thailand hatte er nach eigenen Angaben nie verkraftet, er habe nur gelernt, „ihn zu verdrängen“.

2009 wurde seine sehr originelle Autobiografie „It’s up to you, Darling“ veröffentlicht, die leider nie auf Deutsch erschienen ist. Der Titel geht zurück auf ein Zitat seiner Mutter: 1939 nahmen die Eltern zwei deutsch-jüdische Mädchen in die in Leicester lebende Familie auf. Mit den Worten: „Die Entscheidung liegt ganz bei dir, mein Schatz“, ließ ihm seine Mutter keine Wahl. Der Spruch wurde zum Lebensmotto. Nach einem Schlaganfall 2008 hatte sich Richard Attenborough zurückgezogen. Zuletzt lebte er mit seiner Frau in einem Altersheim für Kulturschaffende in London.