Was für Bässe das waren, wie schwer sie aus den deckenhoch gestapelten Boxen auf uns herabdrückten, wie magnetisch-vibrierend sie den gesamten Körper ergriffen, und wie sonderbar sich auf der Bühne dazu dieser außerirdische Knabe in den Vibrationen wog: „We are hostile aliens / immune from dying“, deklamierte er mit wachträumend-wägender Stimme, „wir sind feindselige Außerirdische, vom Tode befreit“. Was für ein Abend! Das war im September 2006 im längst wieder geschlossenen Josef Club an der Spree; acht Jahre sind seither vergangen, und dennoch ist mir jeder einzelne Moment noch präsent. Es war eines dieser seltenen, kostbaren Konzerte, in denen man zum ersten Mal einer Musik, einer künstlerischen Vision begegnet, die einen noch Jahre begleiten wird.

Dubstep hieß diese Musik, die damals aus dem Londoner Underground nach Berlin herüberzuschallen begann, und die beiden Künstler, die erstmals im Josef Club spielten, waren ihre Propheten. Steve Goodman alias Kode9 produzierte die Beats und die Sounds, die schweren und doch so weichen, transzendentalen Bässe; Stephen Samuel Gordon alias The Spaceape rappte in jamaikanisch-marsianischem Singsang dazu über Neurowissenschaften und Außerirdische, über Datenkriege und Viren, über die Vergangenheit, das Vergessen und die Erinnerung an die Zukunft.

Ein Rapper wie kein Zweiter

„Memories of the Future“ hieß das Album, das die beiden im Herbst 2006 herausbrachten. Im gleichen Jahr war The Spaceape auch noch auf dem epochalen Debüt des Londoner Klang-Apokalyptikers Burial zu hören, später arbeitete er mit Produzenten wie The Bug und Martyn zusammen. 2011 veröffentlichten Kode9 und er ein zweites, immer noch apokalyptisch gestimmtes, aber deutlich tanzbareres Album namens „Black Sun“. Da war der Dubstep längst zum leitenden Sound der popmusikalischen Gegenwart aufgestiegen, er hatte Avantgarde-Helden wie James Blake hervorgebracht, aber auch massenbegeisternde Mainstream-Produzenten wie Skrillex.

Einen Rapper, der so charismatisch und intelligent, so erfindungsreich und meditativ wie The Spaceape war, gab es aber kein zweites Mal. „The Killing Season“ heißt das dritte Album, das er nun Ende September mit Kode9 herausbrachte. Es ist zu seinem Vermächtnis geworden: Am Donnerstag ist Stephen Samuel Gordon im Alter von 44 Jahren in London nach langer Krebserkrankung gestorben.