Vor sechs Wochen haben wir ihn noch in Berlin gesehen, über drei Stunden lang spielte er sich in der Mehrzweckhalle am Ostbahnhof durch seine Lieder, vor ausverkauftem Haus sang er seine größten Erfolge, „Griechischer Wein“ und „Ich war noch niemals in New York“, „Liebe ohne Leiden“ und „Siebzehn Jahr, blondes Haar“, aber auch viele Songs aus den Siebzigerjahren, die man lange nicht mehr gehört hatte wie das Lied von dem kleinen Jungen, der sich vergeblich um die Liebe und die Zeit seines Vaters bemüht, „Der gekaufte Drachen“.

Und am Ende kehrte er natürlich, wie stets, noch einmal in seinem weißen Bademantel zurück, Zeichen der Intimität mit seinen sich trotz aller Bestuhlung längst schon dicht vor der Bühne drängenden Fans, und in der allerletzten Zugabe noch ein weiteres Mal in blauer Jeans und weißem Hemd, um „Zehn nach Elf“ zu spielen, das Lied, das von dem Glück handelt, nach so vielen Jahren immer noch vor so vielen Leuten auf einer Bühne stehen zu dürfen; das aber auch von der Leere erzählt, die einen ergreift, wenn so ein Abend wieder einmal vorbei ist, dieses eine Gefühl, das man nicht zu überwinden vermag, auch nach all den Erfolgen, den Höhepunkten, nach all den Jahren nicht.

Mit 66 Jahren

„Mitten im Leben“ hieß sein letztes Langspielalbum, das im Frühling erschien, und das kann man bei jemandem, der in diesem Jahr seinen 80. Geburtstag gefeiert hat, natürlich als Koketterie verstehen, so wie man es schon damals als Koketterie hätte verstehen können, als er „Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an“ sang, und das ist nun auch schon wieder fünfzehn Jahre her. Aber wer Udo Jürgens jetzt noch einmal bei seiner Tournee gesehen hat, der sah sofort, dass „Mitten im Leben“ kein Witz war, auch kein unfreiwilliger. Er stand wirklich mitten im Leben, so kraftvoll und sicher sang er und begleitete sich dabei auf seinem Flügel, so keck charmierte er mit seinen Mitmusikern, dem Pepe Lienhard Orchester, das ihn seit über drei Jahrzehnten begleitet; manchmal tänzelte er auch ein wenig auf der Bühne herum und ließ sich nicht einmal von einer enthemmten Verehrerin, die sich plötzlich dort oben hinterrücks an ihn herandrängte, aus dem Charme und der Ruhe, aus der Sicherheit und Eleganz bringen.

Aber was noch wichtiger war: Bei allem Spaß, den er gemeinsam mit seinen Verehrern an den alten Hits und an den altgewohnten Abläufen und Ritualen hatte, so deutlich war doch, dass dies eben keine reine Nostalgie-Veranstaltung war, sondern dass hier jemand musizierte und sang, der sich um Gegenwärtigkeit bemühte, der wacher und aufmerksamer war für das, was in der Welt um ihn herum passiert, als sämtliche seiner jüngeren und jungen Kollegen, die sich in ähnlichem musikalischen Fache bemühen.

Udo Jürgens stand wirklich mitten im Leben, und mitten aus dem Leben ist er nun herausgerissen worden. Bei einem Spaziergang in der Schweiz, in Gottlieben im Kanton Thurgau, ist er am Sonntagnachmittag plötzlich bewusstlos zusammengebrochen. Man habe ihn sofort in ein Krankenhaus gebracht, hieß es; doch alle Wiederbelebungsmaßnahmen hatten keinen Erfolg. So ist Udo Jürgens am Sonntag in Münsterlingen im Alter von 80 Jahren an Herzversagen gestorben.

Jazz und Swing

Geboren wurde er am 30. September 1934 in Klagenfurt am Wörthersee. Eigentlich hieß er Udo Jürgen Bockelmann, seine Kindheit und Jugend verbrachte er in einer gutbürgerlichen Familie, der Vater war Bürgermeister, man wohnte auf einem Schloss, und mit fünf Jahren schon bekam er eine Mundharmonika geschenkt, auf der er Volkslieder nachspielte. 1947 begann er ein Musikstudium am Landeskonservatorium von Kärnten. Als seine ersten musikalischen Vorbilder hat er Duke Ellington, Count Basie und Benny Goodman benannt, seine erste Band, die er unter dem Pseudonym Udo Bolan anführte, spielte denn auch vor allem US-amerikanische Jazz- und Swing-Standards nach. Anfang der Fünfzigerjahre ging er nach Berlin und spielte im Rias-Tanzorchester und später – da hatte er endgültig zu dem Instrument gefunden, das ihn den Rest seines Lebens begleiten sollte – als Pianist im Orchester Max Greger. 1954 unterzeichnete er seinen ersten eigenen Plattenvertrag bei dem Schlager-Label Heliodor, für das er auch den Künstlernamen Udo Jürgens annahm.

Mit den Liedern, die er dort herausbrachte und die zum Beispiel „Zuhause blüht jetzt der Flieder“ oder „Hejo, Hejo Gin und Rum“ hießen, hatte er allerdings nur überschaubaren Erfolg, und auch die Wirtschaftswunder-Klamauk-Kinofilme, in denen er seit Ende der Fünfzigerjahre auftrat – zum Beispiel „Die Beine von Dolores“, „Unsere tollen Tanten“ oder „Unsere tollen Tanten in der Südsee“ – waren nicht unbedingt Glanzlichter in seinem Schaffen. Als Komponist arbeitete er damals schon für erfolgreiche Künstler, zum Beispiel 1960 für Shirley Bassey („Reach For The Stars“). Doch seine eigene Karriere als Sänger schien Anfang der Sechzigerjahre schon wieder zu Ende zu sein, das Heliodor-Label kündigte ihm 1963 schließlich den Plattenvertrag.

Doch das scheinbare Ende war nur ein neuer Anfang, im selben Jahr begann seine wahrhafte Karriere – was Udo Jürgens zu nicht unwesentlichen Teilen dem Musikmanager Hans Beierlein zu verdanken hatte. Der verpflichtete ihn für sein Montana-Label, und schon die erste Single „Tausend Träume“, die sie gemeinsam produzierten, wurde immerhin in Österreich ein großer Erfolg. Jetzt begann Jürgens, sich auch in seinen eigenen Liedern stärker am französischen Chanson zu orientieren, sein Tonfall wurde melancholischer, sehnsuchtsvoller, erotischer. Mit „Warum nur, warum“ kandidierte er erstmals 1964 für Österreich beim Grand Prix d’Eurovision de la Chanson und errang einen fünften Platz; im folgenden Jahr kam er mit „Sag ihr, ich lass sie grüßen“ auf Platz vier. Nicht nur gelangte er mit diesen Singles nun verlässlich in die Hitparaden, sie wurden auch durch Cover-Versionen geadelt, unter anderem von Matt Monroe, Sarah Vaughan oder Sacha Distel. 1966 gelang ihm dann schließlich der Durchbruch: Als er zum dritten Mal beim „Grand Prix“ antrat, kam er mit „Merci, Chérie“ auf den ersten Platz.

Griechischer Wein

Jetzt, mit 31 Jahren, in einem nicht nur nach heutigen Maßstäben nicht mehr ganz jungen Alter, war Udo Jürgens also plötzlich und endlich ein Star, er ging auf ausgedehnte Tourneen durch Europa, aber auch durch Südamerika und durch Japan; und er begann, am laufenden Band eigene Alben herauszubringen. Mehr als 100 Millionen hat er bis zum heutigen Tag davon verkauft. Auf seinen ersten Platten, „Portrait in Musik 1 + 2“ und „Was ich dir sagen will“, hört man neben eigenen Hits wie „Merci, Chérie“ und „Siebzehn Jahr, blondes Haar“ etwa auch das Bassey-Stück „Reach For The Stars“, nunmehr vom Komponisten selber interpretiert, und Chansons in französischer Sprache, „Mais tu t'en vas“, „Maintenant je peux sourire“.

Wenn man möchte, kann man die Musik, die Udo Jürgens nun spielte, natürlich immer noch als Schlager bezeichnen. Doch war sie bei aller romantischen Färbung ohne jeglichen Kitsch; und sie war so elegant komponiert, so international inspiriert und stilistisch variationsreich wie nichts anderes, was man in den Sechzigerjahren im Schlagerfach fand.

Immer deutlicher hörte man die Prägung durch das Chanson, aber auch durch amerikanische Crooner. „Immer wieder geht die Sonne auf“ aus dem Jahr 1967 kann man mit seinem dramatisch strahlenden Schmelz und der opulenten Orchestrierung als Variation des Walker-Brothers-Hits „The Sun Ain’t Gonna Shine Any More“ nehmen. Und die amerikanischen Vorbilder erwiderten den Respekt. Jürgens schrieb für Frank Sinatra, Sammy Davis Jr., Bing Crosby und Al Martino; Crosby benannte sogar das letzte Album vor seinem Tod, „Come Share The Wine“, nach seiner englischen Cover-Version des Udo-Jürgens-Lieds „Griechischer Wein“.

Das war im Jahr 1975, und inzwischen war aus dem Jazzpianisten, Schlagermusiker und Chansonnier Udo Jürgens auch noch ein geradezu sozialkritischer Sänger geworden, eine moralische Instanz, wie es sie in der deutschsprachigen Popmusik jener Zeit kein zweites Mal gab. Die Schallplatten-Cover, Konzert- und Fernsehbilder aus den Siebzigerjahren zeigen einen untadelig gekleideten und frisierten Sänger, der die Frauen betört und mit Liedern wie „Es wird Nacht, Señorita“ auch eine – sagen wir einmal – rustikale Maskulinität pflegte. Zugleich aber wandte Udo Jürgens sich in einer in seinem Genre ganz untypischen Konsequenz der gesellschaftlichen Gegenwart zu. „Griechischer Wein“ handelte von der Einsamkeit und der Sehnsucht der damals sogenannten Gastarbeiter; „Ein ehrenwertes Haus“ (1975) beklagte die geistige Enge der kleinbürgerlichen Nachkriegsgesellschaft; in „Lieb Vaterland“ (1971) hieß es: „Lieb Vaterland, magst ruhig sein / die Großen zäunen ihren Wohlstand ein / die Armen warten mit leerer Hand“. Noch Ende der Achtzigerjahre gelang ihm ein schöner kleiner Skandal: „Kondom tabu und Pille verpönt / denn aus beruf’nem Munde ertönt / Gehet hin und vermehret Euch“ hieß es in dem gleichnamigen Lied – damals noch Grund genug etwa für den Bayerischen Rundfunk, den Song aus seinem Radioprogramm zu verbannen.

Auch auf „Mitten im Leben“ ging es noch einmal um Krieg und Umweltverschmutzung, um den Überwachungsstaat und die Verblödung der Jugend; und auch sein, wie wir nun wissen, letztes Berliner Konzert war von dieser Art des ungebrochenen Sendungsbewusstseins geprägt. Das wirkte an manchen Stellen ein wenig, als wäre es aus der Zeit gefallen. Aber das liegt ja auch daran, dass die Zeit nicht mehr so ist, dass Leute wie Udo Jürgens auf so großen Bühnen zu so vielen Leuten zu solchen Themen singen. Am Ende seiner Karriere war er, wie in seinem ganzen Leben, ein Solitär. Wir hätten ihm gerne noch länger zuhören dürfen.

Sondersendungen: Das Erste zeigt am Montag, 22.12.2014, um 20.15 Uhr die WDR-Dokumentation „Der Mann, der Udo Jürgens ist“ von Bruno Kammertön. Das ZDF wiederholt ebenfalls um 20.15 Uhr die Gala zum 80. Geburtstag von Udo Jürgens.