Es liest sich jetzt wie eine Prophezeiung. „Kein Schriftsteller, der bei Trost ist, schreibt eine Autobiografie. Denn eine Autobiografie ist das letzte Buch.“ Mit diesen Sätzen beginnt Urs Widmers „Reise an den Rand des Universums“, eine Autobiografie fürwahr, aber doch eigentlich ein Roman. Und: Das Buch umfasst ja nur die ersten dreißig Jahre! Da hätte noch einiges kommen dürfen. Am Mittwoch aber ist Urs Widmer in Zürich gestorben.

„Hinter der Autobiografie ist nichts. Alles Material verbraucht. Kein Erinnerungsrätsel mehr.“ Da beginnt das Buch erst mit der Kindheit auf der Wickelkommode im Mai 1938 in Basel, mit dem ersten Wort „Auti“, mit der Entdeckung der Welt an der Hand der Eltern. Der Autor spürt einem Gefühl nach und traut sich, das Wort „Glück“ zu verwenden. Aber es währt kurz.

Urs Widmer, der von der Depression seiner Mutter und dem frühen Tod des Vaters schon in den Romanen „Der Geliebte der Mutter“ (2000) und „Das Buch des Vaters“ (2004) geschrieben hat, erzählt seine Jugend noch einmal neu, erkennt, welchen Wert dieses Schreiben für ihn hat – und vermerkt das auch: „Der Gewinn ist: Ich lebe längst abgelegte Zeiten nochmals, mit bestürzender Heftigkeit. Ich lebe ein zweites Mal.“ Und wir Leser profitierten davon.

Der Krieg war in Basel nicht zu sehen, doch für ein Kind, „gerade für ein Kind“ waren überall seine Zeichen zu erkennen. Auch die Nachkriegszeit war schwierig für die Schweiz und ihre Bewohner. Der Buchheld studiert wie der Autor Germanistik, Romanistik und Geschichte in Basel, Montpellier und Paris, er promoviert über deutsche Nachkriegsprosa, wird Verlagslektor im Walter-Verlag und dann bei Suhrkamp, gehört dort zu den aufmüpfigen Lektoren und gründet 1968 mit Gleichgesinnten den (Theater-)Verlag der Autoren, dem er bis zuletzt als Ratgeber treu blieb. Da endet sein letztes Buch mit dem ersten eigenen Manuskript, der Erzählung „Alois“. Seit 1984 lebte er wieder in der Schweiz, in Zürich.

Der titelgebende „Rand des Universums“ lag irgendwo in seinem Kopf. Denn Urs Widmer konnte groß denken, frei fabulieren und das alles ordentlich in die Weltgeschichte packen. Er erfand fantastische Reisen und verknüpfte sie mit alltäglichen Begebenheiten, erkundete in seinen Romanen und Erzählungen Wüsten und fruchtbare Dschungel, schlug dabei auch im Ernsten oft einen heiteren Ton an. Da ist der Roman „Im Kongo“ (1996), der Geschichtenband „Vor uns die Sintflut“ (1998) oder der Roman „Ein Leben als Zwerg“ (2006), in dem die Gummizwerge zum Leben erwachen, sobald sie unbeobachtet sind. Und vom erfolgreichen Theaterautor („Top Dogs“) ist da noch gar nicht gesprochen worden.

„Sigmund Freud hätte seine Freude an uns gehabt; wir lebten, ohne es zu ahnen, nach seinem Drehbuch“, heißt es in dem letzten Buch. In einem Interview sagte Urs Widmer 2008 über sein Schreiben: „Ich versuche zu denken und zu fühlen, und ich versuche, mir beim Fühlen und Denken zuzusehen.“ Er sprach da zwar über die vorangegangenen Bücher – doch liest sich dieser Satz wie die Arbeitsanweisung für „Reise an den Rand des Universums“. Vor wenigen Wochen, Ende Februar, sollte Urs Widmer ins Berliner Literaturhaus kommen. Er war angekündigt als Gast in der Reihe „Der Autor und sein Leser, der ,Seelenarzt‘“, sollte mit der Direktorin des Sigmund-Freud-Instituts Frankfurt am Main, Marianne Leuzinger-Bohleber, sprechen. Wie das Unbewusste sich in das Bewusste mischt, wie die Psyche von Erlebtem beeinflusst wird, das hat ihn immer wieder beschäftigt, nicht erst in der Autobiografie. Doch der Termin musste abgesagt werden, Urs Widmer war schon krank.