Volker Kühn war ein Mann aus dem Hintergrund, in aller Regel fanden nur seine Texte auf die Bühne – meistens grausam und heiter zugleich. Er schrieb für Wolfgang Neuss und für Dieter Hildebrandts „Notizen aus der Provinz“, verfasste großartige Bühnenstücke wie die Gustaf-Gründgens-Revue am Deutschen Theater, „Marlene“ am Renaissancetheater oder „Bombenstimmung“ am Theater des Westens. Es handelte sich jeweils um Gratwanderungen, die den schrillen Glamour und perfiden Terror der NS-Zeit in unterhaltsamen, gelegentlich heiteren Revuen ansiedelten. Das konnten nicht viele. In das Bühnengeschehen des vergangenen Jahrhunderts vertiefte er sich so, dass er als Kabarett-Historiker eine Institution wurde, ungezählte Tonträger zum Thema veröffentlichte.

Dabei war Volker Kühn, Jahrgang 1933, froh, dass er nicht früher geboren wurde, in der NS-Zeit keine Entscheidungen treffen musste. Er, der strenge und gründliche Sucher nach der Wahrheit über den Nationalsozialismus, sagte: „Es ist ja dummes Zeug zu denken, man hätte selbst den Helden gegeben. Das hängt von so vielen Einflüssen ab – und ich bin kein Ankläger.“

Erbitterter Rechtsstreit mit Johannes Heesters

Das ist ein ehrlicher Satz eines Autors, der viel Lebenszeit damit verbrachte herauszufinden, wie sich Menschen in Zeiten der Diktatur verhalten haben. Kühn versuchte das Funktionieren des Systems zu ergründen und die Virtuosität des Wegschauens bloßzulegen. „Ich werfe niemandem vor, dass er damals nicht das Maul aufgemacht hat. Aber dass er später schweigt in einer Zeit, in der er reden könnte, dass er vielleicht noch die Wahrheitsfindung behindert, das ist schlimm.“

Und so kam es, dass der Mann aus dem Hintergrund 2008 noch unerwartet Schlagzeilen machte. Da war der damals 75-Jährige von dem 104-jährigen Johannes Heesters verklagt worden. Kühn sollte widerrufen, verlangte Heesters’ Anwalt. Kühn hatte in Dokumentationen berichtet, dass Heesters 1941 bei einem Besuch des KZ Dachau mit dem Münchener Gärtnerplatztheater aufgetreten sei. Das hatte 1991 ein Dachau-Überlebender Häftling berichtet. Lange nach dessen Tod ging Heesters gegen den Verbreiter der Aussage vor. Er sei nur zu Besuch gewesen im KZ, nicht aber auf dessen Bühne aufgetreten. Von dem Besuch gibt es Fotos mit Heesters, von der Aufführung nicht.

Der absurde Prozess endete in zweiter Instanz mit einem Vergleich. Kühn würde den inzwischen 106-jährigen Heesters keinen Lügner mehr nennen. Aber er blieb bei seiner Überzeugung, dass er vor KZ-Aufsehern gesungen habe. Trotzdem habe er Respekt vor der künstlerischen Lebensleistung Heesters’, sagte Kühn nach dem Prozess.

Volker Kühn hat das Verhalten von Heinz Rühmann, Zarah Leander, Marika Rökk im Nationalsozialismus erforscht, Stützen des Regimes, stieß aber auf auch honorige Stars wie Theo Lingen oder Hans Moser. Das Thema Anständigkeit verlasse einen nie, resümierte er. Die Hemmschwellen würden im Gegenteil sinken, bis hin zur Besetzungscouch. Er selbst verstand sich als Aufklärer. Volker Kühn starb 81-jährig in der Nacht zu Sonntag nach langer Krankheit.