Berlin - Auf den ersten Blick scheinen die Bildgestalten des Malers Clemens Gröszer der späten Renaissance, zugleich den „Goldenen Zwanzigern“ entstiegen: Figuren einer wie in Trance erstarrten Gesellschaft. Veristisch-schrille Typen wie aus den Straßencafés, Nachtbars, von den Bordsteinkanten der Großstadt.

Die Farbigkeit, die tiefen Illusionsräume, das indifferente Licht der mit Noblesse gemalten, collagierten und kühn komponierten Szenen stoßen zuerst auf das Geschehen im Vordergrund. So, als sei hier nur Oberfläche zu haben: Heute genießen, morgen vergessen. Berlin damals, Berlin heute. Die melancholische Komponente ist gepaart mit nüchternem Konstatieren und Ironie. Zwölf Mal malte Gröszer „Marin à cholie“, als Metamorphose von Göttin und Hure. Meisterliche Bildkommentare in Gestalt von Maskenweibern, schrille Endzeit-Altäre zur Event-Gesellschaft und böse Gleichnisse vom Künstler-Rollenspiel im globalen Kunstzirkus.

Ästhetischer Beobachtung statt Gesellschaftskritik

Am Dienstag kam die Nachricht, dass dieser einzigartige Künstler am Sonnabend gestorben ist; nur wenige haben gewusst, wie schwer krank der erst 63-Jährige war. Fassungslosigkeit in der Familie, im Freundeskreis, in seiner Galerie Berlin in der Auguststraße, bei Sammlern, Museumsleuten, Kollegen. Alle paar Jahre hatte er nach der Wende mit Neuem überrascht, hat der einstige – renitente – Student der Kunsthochschule Weißensee, AdK-Meisterschüler von Wieland Förster und Mitglied der Gruppe Neon Real bis zuletzt das Bild als Behauptungsraum des Individuums gesehen. Und sei es fast unerträglich hässlich-schön, also immer provokant.

Gröszers Bildschärfe, erreicht durch die schichtartige, manieristische Lasurtechnik, seine Art, die handverlesenen Modelle in Szene zu setzen, sodass sie auf einen zuzukommen scheinen, sich quasi vom Bildgrund lösen – das erinnert an Otto Dix. Solche Malerei unterschied sich vor dem Fall der Mauer krass von der jungen neoexpressiven Szene in der DDR, ebenso vom Surrealen, typisch für Ost-Berlins Maler. Gröszers Illusionen, ohne Vorzeichnung aus Ölfarbe entstanden oder in Bronze gegossen, eignet eine Präsenz, die magisch wirkt.

Unlängst noch rückte er uns in einem dreiteiligen „Grand-Café“-Motiv ein Sinnbild vom Großstadtmenschen vor Augen, Zeitgeist und Historie feinst lasiert, dabei zugespitzt bis ins Groteske. Dabei war Gröszer kein Gesellschaftskritiker, sondern ein ästhetischer Beobachter, auch mit gehöriger Distanz. Es ging ihm nicht um soziale Vivisektion; ihn interessierte der Selbstausdruck für Individualität im trivialen Welttheater.

In der Ruine der Franziskaner-Klosterkirche in Mitte stand im Sommer 2013 Gröszers „Großer sinkender Engel“ (Abb.), der gewölbte Bauch mit den Zeichen der Empfängnis, der Rumpf aber endet abrupt in Schulterfragmenten, aus denen die Arme herausgebrochen sind. Das Gestaltzeichen liest sich nun wie eine Botschaft: der Engel als Menschenkind, das sich noch halten, noch retten ließe.