Alle Schriftsteller, die ihrem Beruf Ehre machen, haben ein besonderes Verhältnis zur Sprache. Bei Aharon Appelfeld, der 1932 in der Nähe von Czernowitz als Erwin Appelfeld geboren wurde, war dieses Verhältnis noch weit spezieller.

Mit seinen Eltern, assimilierten Juden, unterhielt er sich auf Deutsch – jene Muttersprache, die auch die späteren Mörder der Mutter sprachen. Zu den gläubigen Großeltern aus einem Karpatendorf sprach er Jiddisch. Auf der Straße oder mit dem Kindermädchen wechselte Appelfeld ukrainische Worte, Polnisch verstand er ebenfalls, während die offizielle Amtssprache in Czernowitz in jenen Jahren Rumänisch war.

Die Sprache der Bibel

Seine Bücher aber, es sind über 40 Bände mit Romanen und Erzählungen, schrieb Appelfeld auf Hebräisch. Es war die Sprache seiner Vorfahren, die er nach dem Zweiten Weltkrieg in Palästina zunächst widerwillig, dann aber immer euphorischer erlernte: In einem Hospital, wo Appelfeld mit einer schweren Verwundung aus dem Ersten Arabisch-Israelischen Krieg lag, schrieb der Siebzehnjährige täglich mehrere Stunden lang die hebräische Bibel ab. So eignete er sich jene uralte Sprache an, die zugleich die Sprache des neuen Staates Israel war.

Von dieser Sprachfindung erzählt Appelfeld in seinem autobiographischen Roman „Der Mann, der nicht aufhörte zu schlafen“ (2010). Ein spätes Meisterwerk – wie man überhaupt sagen kann, dass es Appelfeld im Alter nicht an Schaffenskraft mangelte, seine Bücher immer noch besser wurden.

Weiterleben im Traum

Der junge Erwin, dem Lager entronnen und mit anderen Flüchtlingen durch Europa irrend, fällt immer wieder in tiefen Schlaf. Darin hält er das Verlorene lebendig: seine Eltern und Verwandten, das geliebte Czernowitz, die grünen Landschaften der Bukowina. Nachdem er sich auf abenteuerliche Weise nach Palästina eingeschifft hat, lebt er zunächst in einem Kibbuz, wo er einen neuen Namen annehmen und die Muttersprache ablegen soll.

Doch auch hier übermannt ihn immer wieder das Bedürfnis zu schlafen. Die Ideologie der Kibbuzim, die ihn zu einem „neuen Juden“, einem Mann der Tat erziehen wollen, bleibt Appelfeld fremd. Im Schlaf erscheinen ihm Mutter und Vater, mit denen er über Heimat und Sprache streitet.

Verlorene Empfindungen wachhalten

Sie zweifeln an seinem Weg und bürden dem Überlebenden doch die Last ihres verhinderten Lebens auf. Erst das Hebräische wird Appelfeld schließlich erwecken, ihm eine Perspektive für die Zukunft zeigen, die der Vergangenheit ihren Raum lässt. Als Erzähler in einer alten, für ihn neuen Sprache lässt er die Erlebnisse und Erinnerungen der Kindheit neu aufleben.

Kein historisches Zeugnis will der Schriftsteller ablegen, sondern die verlorenen Empfindungen und Erfahrungen in der Fiktion wachhalten. Im finalen Traumgespräch, es sind die letzten Zeilen des Romans, findet der Erzähler nicht nur seinen Frieden mit der geliebten Mutter, sondern er findet zugleich ein poetologisches Programm: „Was ich nicht verstehe, werden mir die Bäume erzählen, die Felsen und die Hügel, und wenn ich die Wunder nicht sehe, wird der Junge, der dortgeblieben ist, sie mir zeigen. Ich habe als Kind so viele Bilder gesehen, ohne zu wissen, dass es Wunder waren, deshalb werde ich von einem Ort zum anderen ziehen, an alle Orte, an denen wir zusammen waren oder von denen man mir erzählt hat.“

Die Schreie der Mutter

Appelfelds Mutter und Großmutter werden emordet, als er acht Jahre alt ist. Er hört ihre Schreie. Aus dem Ghetto verschleppt man Vater und Sohn in ein Lager nach Transnistrien und trennt die beiden (20 Jahre später werden sie sich in Israel wiedertreffen). Dem Jungen gelingt die Flucht, er versteckt sich lange in den Wäldern, arbeitet zwischendurch, seine jüdische Herkunft verbergend, auf Bauernhöfen.

Er kommt einige Zeit bei einer Prostituierten unter (der bewegende Roman „Blumen der Finsternis“ handelt von dieser Zeit), schließt sich als Küchenjunge der Roten Armee an. Nach dem Krieg schlägt er sich zur jugoslawischen und italienischen Küste durch.

Aus Erwin wird Aharon

Es sind „Monate des wunderbaren Vergessens“. Fische fangend lebt er unter Musikanten, Gauklern und Schmugglern am Strand. In Palästina schließlich findet Appelfeld das erste Mal seit Jahren Sicherheit. „Das Leben sagte damals: Vergiss und pass dich an. Viele Jahre war meine Erinnerung wie betäubt“, schreibt Appelfeld in der „Geschichte eines Lebens“ (1999). Doch schon bald tobt ein „Kampf zwischen Erinnerung und Vergessen, zwischen der Empfindung von Chaos und Hilflosigkeit und dem Wunsch nach einem Leben, das Bedeutung hat.“

Nach dem Krankenhausaufenthalt studiert Appelfeld, der sich jetzt Aharon nennt, hebräische und jiddische Literatur. Er beginnt zu schreiben. Seine ersten Erzählungen Ende der Fünfzigerjahre und auch die folgenden Bücher stoßen in Israel zunächst auf keine große Liebe.

Parabel und Geschichte

Man habe Tatsachen gewollt, keine Romane über die Shoa, sagte Appelfeld. Dazu kommt seine lakonische, distanzierte Sprache, vor deren Abgründen viele Leser zurückweichen. Von einer „geisterhaften Präzision“ sprach die New York Times. Und der US-Amerikaner Philip Roth, ein großer Bewunderer Appelfelds, war fasziniert von dessen Erzählkunst, die das Historische zugleich Parabel sein lasse.

„Im Ghetto und im Lager redeten nur Leute, die verrückt waren. Wer bei Verstand war, schwieg. Mein Misstrauen gegenüber Wörtern habe ich von dort. Geläufiger Redefluss weckt meinen Argwohn.“ Erst als die Generation von Appelfelds Kindern selbst Mütter und Väter werden, als sie nachzuforschen beginnen, wie und wo die eigenen Eltern in Europa gelebt haben, wird der Autor in Israel berühmt. International schafft Appelfeld seinen Durchbruch mit dem Roman „Badenheim“ (1978). Im selben Jahr erscheint „Zeit der Wunder“, in dem Appelfeld bereits aus der Perspektive eines kleinen Jungen erzählt, wie er es danach oft getan hat. Das Wunder ist hier keine göttliche Rettung, sondern der Schock, das Unfassbare der Judenverfolgung, wie das Kind es erlebt.

Die Stimmen der Toten

Es folgen zahlreiche bedeutende Romane, in denen der zwar immer gegenwärtige, aber nie konkret geschilderte Mord an den Juden überdeckt wird von der Einsamkeit umherirrender, auf sich selbst gestellter Kinder während des Krieges; vom Zweifel der Menschen an ihrem Glauben; von den Albträumen der Überlebenden und den niemals verstummenden Stimmen der Toten: „Der unsterbliche Bartfuß“ (1988), „Die Eismine“ (1997), „Elternland“ (2005). „Auf der Lichtung“ (2012) beleuchtet noch einmal ein neues Thema: den jüdischen Partisanenkampf im Zweiten Weltkrieg.

Appelfeld will die Geschichte der Juden nicht auf Ghetto und Holocaust reduziert wissen. Er verfasst Romane wie „Katerina“ (1992), der das vielfältige europäische Judentum vor der Zeit des Naziterrors beschreibt, aber auch schon Verfolgung und Pogrome. Zudem gibt es, im Kontrast zum nüchternen, schmucklosen Stil des Autors, in fast jedem Buch legendenhafte Versatzstücke, Träume, Visionen, in denen das Unbewusste und Verdrängte auch des eigenen Erinnerns Raum gewinnt.

Letzte Sommerferien

Und immer wieder tauchen in den Geschichten, zwischen den Mördern, den Heuchlern und den Gleichgültigen, einzelne Menschen auf, die Appelfelds Restglauben an die Humanität retten. Das mag ein Mitgefangener im Lager sein, eine ruthenische Hure oder der Musiker, der Gott abgeschworen hat, dem verwundeten Erwin aber eine Bibel zusteckt. Sein letztes Buch „Meine Eltern“ erschien im vergangenen Jahr. Es ist ein zuweilen sogar heitere Erinnerung an die letzten Sommerferien mit den Eltern 1938, doch der Abschied deutet sich in jeder Zeile schon an.

„Das Leben birgt viele Geheimnisse“, schrieb Aharon Appelfeld, der jetzt im Alter von 85 Jahren in Jerusalem verstorben ist. „Die meisten sind dunkel, und man weiß nicht, was man damit machen soll, aber es gibt auch helle Geheimnisse, die sind wie Frühlingsblüten oder wie das Rauschen des Flusses oder eine unerwartete Begegnung mit einem Menschen, den man noch nie im Leben gesehen hat. Helle Geheimnisse sind Geschenke, die einen lange begleiten.“