Rudolf Lorenzen war ein Autor der zwar sehr geschätzt wurde, etwa von seinen Kollegen Jörg Fauser oder Walter Kempowski, dennoch war sein Werk breiteren Kreisen kaum bekannt. 2002, zu seinem 80. Geburtstag, erschien der Roman „Alles andere als ein Held“ noch einmal, und plötzlich wendete sich das Blatt. Der Autor wurde nun sehr gelobt für ein Buch, das 1959 erstmals erschienen war, und bislang nur eine einzige, auf Wunsch des Verlages sehr stark gekürzte Nachauflage erlebt hatte. Doch nun überschlugen sich die Rezensenten geradezu. Die Gesellschaft musste für Rudolf Lorenzen wohl erst reifen.

Lorenzen beschreibt in „Alles andere als ein Held“ das Leben eines Mitläufers. Der junge Robert Mohwinkel kommt aus einer Kleinbürgerfamilie, in der beide Elternteile darauf erpicht sind, dass man sich an die von oben vorgegebene Ordnung hält. Der schüchterne und träumerische Robert passt sich dem Verhalten seiner Eltern an, und bleibt in seiner – sehr detailreich und spannend geschilderten – Ausbildung zum Schiffsmakler und während seines Wehrdienstes immer angepasst, auch die sowjetische Gefangenschaft übersteht er, indem er sich umstandslos unterwirft.

Selbst in der Tanzstunde kennt er zwar alle Schrittfolgen, doch tanzt er wie ein Roboter, das Freie ist ihm fremd. Daher wird er nach dem Zweiten Weltkrieg für seine Kolleginnen und Kollegen zu einem Relikt aus alter Zeit, während diese nun den neuen Lebenstil, den die Besatzungstruppen mit sich bringen, genießen, bleibt Robert weiterhin geradezu peinlich penibel. So kommt es schließlich zu seinem Absturz, und dann, am Ende zu einem geradezu grotesken Aufstieg.

Lorenzen, der selbst zwar desertiert war, hatte sich in Robert Mohwinkel selbst porträtiert: „Für die Arbeitsdienst- und Militärzeit, besonders für den Einsatz an der Ostfront, entwickelte ich ein „Heldentum“ in drei Stufen: Es fing an mit mehr oder minder inszenierten Verweigerungen bei gleichzeitiger Anpassung, darüber stand die Desertion, und ganz oben die Anstiftung zur Meuterei. Ich selbst kam über die einfache partielle Verweigerung nicht hinaus, blieb also auf meiner „Heldenskala“ eben auch „alles andere als ein Held“. Der Unter-Tage-Einsatz in sowjetischer Kriegsgefangenschaft war, obgleich er mir eine schwere bleibende Erkrankung einbrachte, dennoch die einzig logische Konsequenz des Fronteinsatzes. So ließ sich auch diese Schreckenszeit objektiv darstellen.“

Weitgehend unbekannt

Diese Objektivität ließ seine Zeitgenossen, die zumeist Mitläufer waren, sich selbst erkennen. 1959 wurde das Buch deswegen auch ganz anders als später aufgefasst. Die Bremer Nachrichten sprachen angesichts des Buches von ihrem „Ekel gegen die miserable, undiskutierbare Lebensschilderung eines Jammerkerls.“

Friedrich Sieburg lobte das Buch zwar einerseits, war aber von dem äußerst nüchternen Ton, den Rudolf Lorenzen bei seiner Schilderung eines Mittläufers anschlug, eher abgeschreckt: „In diesem Roman wird der Versuch unternommen, ein ganz banales Leben ohne die geringsten Farben und Effekte, ohne das leiseste Raffinement der Sprache zu erzählen.“

Erst 1962 änderte sich diese Auffassung, Sebastian Haffner schrieb, dass er für diesen Roman sofort seine halbe Bibliothek hergeben würde, denn er sei sich „gar nicht sicher, ob ,Alles andere als ein Held’ nicht der beste Roman irgendeines heute lebenden deutsch schreibenden Autors ist.“ Zu diesem Zeitpunkt war die Erstauflage allerdings bereits vergriffen, eine zweite, ebenfalls recht erfolglose Ausgabe des Buches erschien erst 1982.

Rudolf Lorenzen blieb weitgehend unbekannt, doch er ließ sich davon nicht beirren. Er betrieb, zunächst gemeinsam mit seiner ersten Ehefrau Annemarie Weber, ein gutgehendes Journalistenbüro in Westberlin, er schrieb Feuilletons für nahezu alle Zeitungen und Zeitschriften im deutschsprachigen Raum, arbeitete für Film und Fernsehen und drehte sogar selbst einen Dokumentarfilm über die Geschichte des Sportpalastes – der so ironisch war, dass er den meisten Frontstadtbewohnern ganz und gar nicht gefiel.

Ein Teil der Berliner Boheme

Lorenzen war in den 60er und 70er Jahren ein Teil der Berliner Boheme, er bewegte sich zwischen der Gruppe um Günter Bruno Fuchs, Robert Wolfgang Schnell und der Galerie Zinke, trank mit Kurt Mühlenhaupt und beteiligte sich an den komischen Aktionen der Schule der Neuen Prächtigkeit um die Maler Johannes Grützke und Matthias Koeppel, mit denen er etwa unter Polizeischutz die „Erstbesteigung des Schönebergs“ wagte.

Doch obschon Lorenzen ein bunter Hund war, und auch bis zur Jahrtausendwende immer wieder auf Vernissagen, bei Theateraufführungen und Lesungen anzutreffen war, blieb er auf Distanz zu Gruppen – eine Einladung zur Gruppe 47 schlug er aus, anderen Schriftstellerversammlungen blieb er ebenfalls fern.

Ich hatte das Glück, der Verleger Rudolf Lorenzens sein zu dürfen. Als ich ihn kennenlernte war er 84 Jahre alt und von einem Schlaganfall gehandicapt, dennoch strahlte er eine Vitalität aus, die beeindruckend war. Norddeutscher der er war, beobachtete er eine Situation erst eingehend und schwieg, bevor er sie mit einem Aperçu kommentierte. Als er im hohen Alter in rascher Folge noch einige Bücher fertigstellte, hatte er von seinem satirischen Talent, seiner nur auf den ersten Blick spröden Sprache und seinem fiesen Humor nichts verloren. Einige seiner älteren Erzählungen schrieb er noch einmal um – sie waren ihm nicht böse genug.

In einem späten Interview sagte er einmal: „Die Menschen machen sich alle was vor – das ist mein Thema.“ Er selbst hatte sich nur wenig vormachen können. Er konnte nicht wegsehen, bei anderen Menschen, wie bei sich selbst. Gerade das ließ ihn zu einem satirischen Romancier von europäischem Rang werden. In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch nun ist dieser bis zuletzt hellwache Geist gestorben.

Jörg Sundermeier ist Gründer und Leiter des Berliner Verbrecher Verlags.