Das Logo der Stiftung Preußischer Kulturbesitz.
Foto: dpa/Christoph Soeder

BerlinVor zwei Wochen wurde bekannt, dass die Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) und ihre Nationalgalerie nur Mieter im Hamburger Bahnhof sind, einem der international bekanntesten Gebäude für die Präsentation zeitgenössischer Kunst. Am kommenden Montag nun will der Wissenschaftsrat voraussichtlich vorschlagen, eben diese Preußen-Stiftung in ihre Einzelteile – Bibliotheken, Museen, Institute und Archive – zu zerschlagen. Die Diagnose: strukturelle „Dysfunktionalität“. Diese scheint sich auch in Baufragen immer wieder zu zeigen. Wenigstens auf den ersten Blick.

Tatsächlich ist der Hamburger Bahnhof eine Ausnahme, alle anderen Stiftungsinstitutionen liegen in Gebäuden, die dem Bund oder dem Land Berlin gehören, wie die Stiftung auf Anfrage der Berliner Zeitung bestätigte. Doch die Kritik an ihrer Baupolitik insgesamt ist breit und oft gut begründet. Teilweise stammen die Baukonzepte noch aus den 60er-Jahren oder der Zeit unmittelbar nach der Vereinigung der beiden deutschen Staaten. Sie wurden allenfalls oberflächlich angepasst an neue Entwicklungen und die Erfahrungen aus bereits realisierten Bauprojekten.

Berater und Kritiker nicht erwünscht

Besonders deutlich wurde das im Zusammenhang mit der Planung des Humboldt-Forums seit 2001. Eisern hielt die Preußen-Stiftung damals an den gerade erst entwickelten Umbauplänen für das Museum für Islamische Kunst im Pergamon-Museum auf der Museumsinsel fest, statt diese zu den Akten zu legen und das Museum mit den Sammlungen islamisch geprägter Kulturen im Humboldt-Forum zu vereinigen. Das hatte eine internationale Beraterkommission gefordert, die daraufhin nicht mehr einberufen wurde.

Kritik von außen erträgt die Stiftung eher schlecht. Doch letztlich konnte sie auch gar nicht anders, als die Anregungen zu ignorieren: Der Bund hatte klargemacht, dass jede Planänderung im Humboldt-Forum verboten sei, um den Kostenplan zu halten.

Anderes Beispiel: Bis vor drei Jahren gab es keine Konzeption, um die Museumsbauten in Dahlem weiter zu nutzen. Zwar forderten die Mitarbeiter schon um 2005, Dahlem als Zentraldepot, für Werkstätten, die sensationelle Bibliothek und als Forschungszentrum zu nutzen – schließlich ziehen nur zwei bis drei Prozent der Sammlungen des Ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst physisch „ins Schloss“ um. Aber es dauerte fast zwei Jahrzehnte, bis die Stiftungsspitze diese Idee übernahm. Noch länger dauerte es, bis eine Konzeptstudie dafür entstehen konnte. Den Auftrag dafür konnte die Stiftungsspitze unter Hermann Parzinger nämlich erst vergeben, nachdem die  Staatsministerin für Kultur und Medien Monika Grütters zugestimmt hatte.

Der Beispiele für solchen politischen Einfluss und deren Folgen sind vielfältig. Der Hamburger Bahnhof, der 1906 eigens für das Bau- und Verkehrsmuseum errichtet wurde, befand sich als genuines Museumsgebäude bis vor kaum zwei Jahrzehnten im öffentlichen Besitz. Er wurde in den 90er-Jahren mit großem Aufwand auf Kosten des Landes Berlin saniert und umgebaut, dann 1996 der Preußen-Stiftung für deren Ausstellungen übergeben. Erst im Rahmen der Bahnprivatisierung des Bundes zwang dieser die Deutsche Bahn, mit den einstigen Bahngeländen auch die Häuser des Hamburger Bahnhofs zu verkaufen. Der Berliner Senat, der ein Zugriffsrecht gehabt hätte, nutzte es nicht, um dem Anspruch, „zu sparen, bis es quietscht“ nicht zu gefährden. Und so muss nun der Bund verhandeln mit den neuen Eigentümern über den Ankauf eines Gebäudes, das der Bund verkauft hat – das Versagen aber wird der Stiftung zugeschoben.

Seit Jahren wird moniert, dass sie teuer baue und die Projekte sich oft über Jahrzehnte hinziehen. Die Neue Gemäldegalerie wurde 30 Jahre nach Planungsbeginn fertig, das Pergamon-Museum wird im besten Fall 35 Jahre nach dem Wettbewerb von 1999 vollständig umgebaut sein. Der Neubau des Großen Lesesaals in der Alten Staatsbibliothek mit seinen 250 Arbeitsplätzen und Raum für 110.000 Bücher hat mit 84 Millionen Euro fast genauso viel gekostet wie das benachbarte Grimm-Zentrum der Humboldt-Universität, in dem es mehr als 1000 Arbeitsplätze und Stellplatz für 2,5 Millionen Bücher gibt. All dies sind auch die Folgen politischer Entscheidungen. 

Das gilt erst recht für das Museum der Moderne auf dem Kulturforum, das nun mit 450 Millionen Euro kalkuliert wird. Es ist pro Quadratmeter mindestens viermal so teuer wie die funktional identische neue Kunsthalle in Mannheim! Das liegt auch daran, dass Kulturstaatsministerin Monika Grütters am Bauplatz auf dem Kulturforum unbeirrt festhielt. Und zwar gegen den Rat der Bundesbauverwaltungen, der Stiftung und der Staatlichen Museen. Noch 2013 stellte Hermann Parzinger fest, dass dieser Bauplatz ihren Bedürfnissen am wenigsten entgegenkomme, auch, weil keine direkte Verbindung zu den bereits bestehenden Bauten der Neuen Gemäldegalerie oder des Kunstgewerbemuseums möglich sei, also viele Infrastrukturen nun doppelt entstehen müssen.

Der Etat ist seit 1996 eingefroren

Bund und Länder sind zwar bereit, den Milliarden schweren Umbau der Stiftung zu finanzieren. Doch bei den viel wichtigeren Betriebsetats knapsen sie, der Etat der Stiftung ist auf dem Stand von 1996 eingefroren, nur sporadisch kommen Zusatzdotationen. Geld für Bauinstandhaltung wird in Verwaltungs-Deutschland unsinnigerweise als Teil der Betriebsmittel gerechnet. Im Fall der Museen und Bibliotheken, Archive und Institute heißt das, dass sie sich oft entscheiden müssen, ob sie einen neuen Ankauf wagt, eine Ausstellung oder ein internationale Kooperation – oder ob sie Reparaturen an ihren Häusern ausführen lässt. Kaum verwunderlich, dass diese oft aufgeschoben werden, mit immensen Folgekosten. Der Bundesrechnungshof hat mindestens 50 Millionen Euro Instandhaltungsbedarf ermittelt – tatsächlich dürfte er sehr viel höher liegen. Schuld der Politik, nicht der Stiftung.

Sie darf trotzdem keine eigene Bauverwaltung aufbauen, wird von Bund und Ländern regelrecht gezwungen, teuer mit Bundes- oder Länderbauverwaltungen zusammenzuarbeiten. Sie ist deswegen nie selbst Bauherrin, immer nur abhängige Nutzerin, statt, wie es etwa die Berliner Universitäten erfolgreich vorgemacht haben, selbst bauen und instand halten zu können, selbst entscheiden zu können, was wichtig ist, welche Standorte sinnvoll und welche Raummaße finanzierbar sind.

Ein wesentlicher Teil der Krise der Stiftung, soweit sie die Bau- und damit auch die Sammlungs- oder Ausstellungspolitik betrifft, ist also nicht nur Folge innerer Desorganisation, mangelnder Autonomie der Einzelabteilungen und mentaler Schwerfälligkeiten, sondern ihrer tiefen Abhängigkeit von Entscheidungen des Bundes und der Länder. Diese verzögerten den Geldfluss oft über Jahrzehnte, bestehen auf der teuren  Kooperation mit den staatlichen Baubehörden und auf von den Fachleuten als ungeeignet betrachteten, aber öffentlich repräsentativen Standorten. Es gibt keinen Anlass anzunehmen, dass die Zerschlagung der Stiftung und die Unterstellung ihrer Einzelinstitutionen ausgerechnet unter die Oberhoheit des Bundes und Berlins, wie sie der Wissenschaftsrat vorschlagen will, irgendetwas an dieser Ineffizienz ändern würde.