Zurück in die Zukunft II: Der Film, der die Zeit durchdrehen lässt

Zurück in die Zukunft I“ war genial und einfach. Der Film kam 1985 in die Kinos, als Jürgen Habermas gerade seinen Essay „Die neue Unübersichtlichkeit“ veröffentlichte. Der Film spielte 1985 und 1955. Ein verrückter Bastler mit radikalisierter Einstein-Frisur – Emmett L. „Doc“ Brown (Christopher Lloyd) – hatte einen Sportwagen, einen DeLorean DMC-12, in einer Garage mit viel Gezisch in eine Zeitmaschine verwandelt. An seiner Seite ein Junge: Marty McFly (Michael J. Fox). Die zwei reisten zurück ins Jahr 1955. Eine schöne Gelegenheit, um zu zeigen, wie gemächlich, wie idyllisch es 30 Jahre zuvor ausgesehen hatte in dem kleinen fiktiven Ort Hill Valley (Bergtal).

Ein hübsches Stück Nostalgie: den eigenen Eltern dabei zuzuschauen, wie sie einander beflirten. Kann man, wenn man mit der Zeitmaschine unterwegs ist, seine eigene Geburt verhindern? Oder hat man gar als Zeitreisender heftig zu ihr beigetragen? Verlockende Träumereien mehr als Gedanken: ödipal den Vater auszustechen. Kindliche Allmachtsfantasien werden so sehr vergnüglich bedient. Sonst ist Gott das einzige Wesen, das sich selbst erschuf. Aber wenn auch er nur ein Traum ist, warum soll ich mich nicht in meinem an seine Stelle setzen?

Die Zukunft spielte keine Rolle im ersten Film der Serie, die erst durch dessen immensen Erfolg – er spielte das Zwanzigfache seiner Kosten ein – eine wurde. Im ersten Film schien es noch genug zu sein, dass die Gegenwart, dank einer Reise in die Vergangenheit, zu einer Zukunft geworden war. Der Titel „Zurück in die Zukunft“ war die Parole, die die Helden einander zuriefen, wenn sie aus der Vergangenheit wieder in die Gegenwart düsten. Bald darauf riefen Millionen und Abermillionen sich den Spruch auf den Schulhöfen der Welt einander zu, und Millionen und Abermillionen Erwachsene ironisierten mit ihm ihren Weg in die Büros.

Der lineare Irrtum

„Zurück in die Zukunft II“ – der Film kam 1989 in die Kinos – war genial und alles andere als einfach. Er spielte 1985, 2015 und 1955. Also nicht mehr in der Gegenwart, sondern in verschiedenen Vergangenheiten und in der Zukunft: am 21. Oktober 2015. Also heute.

Auch heute war einmal ein Traum, schießt einem da durch den Kopf. Wir vergessen das gerne. Der Film erinnert uns daran. Er zeigt uns freilich auch, dass die Gegenwart nicht anzuhalten ist. Aber statt uns melancholisch zu machen beim Blick in die Abgründe der Zeit, amüsiert der Film uns. Wir surfen mit ihm hin und her, zwar immer auf derselben Stelle, immer in Hill Valley, aber doch quer durch die Zeiten.

Ich konnte der Handlung schon im Kino nicht folgen. Wem der entsprechende Wikipedia-Beitrag Klarheit verschafft, der ist deutlich schlauer als ich. Wir Menschen, jedenfalls solche altmodischen Naturen wie ich, sind auf die – ich weiß, völlig irrige – Annahme einer einzigen linearen Zeitschiene angewiesen, um wenigstens die Illusion eines Durchblicks zu haben.

Aber natürlich liegt gerade in ihrer irrwitzigen, dabei stets gut gelaunten Zerstörung einer der Hauptreize des Films. Wer durchzusteigen glaubt, hat und ist verloren. „Zurück in die Zukunft II“ ist ein lustvolles Verwirrspiel, eine weitere Erste Allgemeine Verunsicherung – die österreichische Band war schon 1977 gegründet worden –, ein Stück neue Unübersichtlichkeit.

Wer 1989 den Film sah, der war womöglich auch fasziniert von dem, was die Zukunft bringen würde. Allerdings ging in „Zurück in die Zukunft“ alles sehr schnell. Ich erinnere mich kaum noch an das, wovon die Technikfreaks damals träumten.

Da war der berühmte Nike Air Mag. Ein Schuh, der sich selbst schnürte. Nike hatte ihn damals entwickelt. „Entwickelt“ ist das falsche Wort. Der Konzern hatte einen Schuh mit fantastischem Look entworfen. Den Rest hatte das Trickfilmstudio erledigt. Bis heute hat sich daran nichts geändert. Der Schuh wurde 2011 als Sonderedition in die Kaufhäuser geliefert. Aber nur das Design. Das Sein – die Schnürautomatik – blieb der Sportartikelhersteller uns schuldig. Dabei wäre das doch gerade für unseren älteren Mitbürger eine wichtige Hilfe.

Die Techniker hatten eine Marktlücke entdeckt. Mehr nicht. Es gibt sie noch immer. An die im Film sehr futuristisch wirkenden Flachbildschirme haben wir uns längst gewöhnt. Fliegende Autos allerdings gibt es immer noch nicht serienmäßig, und auch unsere Skateboards haben das Schweben nicht gelernt.

Wer heute den Film sieht, lacht möglicherweise am meisten über das damals todschick wirkende Faxgerät. Nichts wirkt ja altmodischer als der Futurismus von gestern. Fantasten sind wir Menschen ganz sicher nicht. Wir sind Bastler. Wir machen aus dem, was da ist, etwas Neues. In kleinen Schritten. Die manchmal rasend schnell aufeinander folgen. Wie zum Beispiel in der Computertechnologie und ihren Folgen.

Das Internet gab es im Jahr 2015 des Films nicht. Von der Vorstellung, mit einem Telefon in jeder Sekunde an sämtliche Informationskanäle der Welt angeschlossen zu sein, wurden die Designer im Filmteam des Jahres 1989 nicht einmal angeweht.

Dabei gab es doch, weit weg von Hollywood, in der Genfer Großforschungseinrichtung CERN Tim Berners-Lee (im Juni wurde er 60) und Robert Cailliau (geboren 1947), die 1989 bereits damit beschäftigt waren, das World Wide Web zu entwickeln. Erst 1991 stellten sie das Gesamtkonzept der Öffentlichkeit nicht nur vor. Sie stellten es ihr auch kostenlos zur Verfügung. Wer „Zurück in die Zukunft II“ heute sieht, den haut nicht der Einfallsreichtum unserer Artgenossen um, sondern vielmehr deren eklatante Fantasielosigkeit.

Die Macht der Tektonik

1989 machte sich die ganze Welt auf zu einem gewaltigen Sprung „zurück in die Zukunft“. So witzig, so großartig gemacht dieser Film auch war, ohne den Einsturz der Mauer, ohne die Schubkraft, die ganze Völker aus einer vermeintlichen Zukunft in eine wirkliche katapultierte, wäre der Film nicht so begeistert aufgenommen worden.

Es war Aufbruchszeit und niemand wusste, wohin es ging. Man spürte die Fliehkräfte, fühlte sich gezerrt und gezogen. In unterschiedlichste Richtungen. Wer gerne flog, der konnte das Gefühl haben, ihm wüchsen Flügel. Wer Fliegen hasste, wer versuchte, auf der Stelle stehenzubleiben, der merkte, wie um ihn herum alles sich drehte. Ein klein wenig wie in Zemeckis’ Film. Der Raum blieb konstant. Nur die Zeit drehte durch.

Wer sich nicht fortbewegte, der wurde bewegt. Selbst wenn er keinen Meter verschoben wurde. Das Feld, in dem er saß, verschob sich und ihn gleich mit. Diese Erfahrung hat uns geprägt. Die einen ziehen den Schluss daraus, dass es keinen Sinn hat, sich solchen tektonischen Verschiebungen entgegenzustellen. Die anderen aber wollen so etwas auf keinen Fall noch einmal erleben. Wir hätten uns damals besser wehren sollen, sagen sie. Wann damals? Wogegen?

„Zurück in die Zukunft“, das hieß 1989: weg vom Sozialismus. Der war – ein matt gewordener Drache – gestorben. Das war aber auch ein „Zurück“. Denn der Sozialismus sollte in den Augen seiner Verteidiger ja ein Fortschritt sein gegenüber dem Kapitalismus. Aber ganz offenbar ging es in die Zukunft nur noch rückwärts. Manche trösteten sich, dass, wer weit springen wolle, weit zurückgehen müsse.

Manche halten an dieser Illusion fest. Andere beginnen, die Reize des Rückzugs, seine Schönheiten und Genüsse zu entdecken. „Zurück in die Zukunft“ ist die Parole des Jahres 1989. Wir wussten das nicht, als wir lachend in den Kinosälen saßen, und wir wussten es nicht, als ein paar Monate später die Mauer fiel. Erst Jahre später dämmerte uns, dass der katholische Arbeitersohn, Drehbuchautor und Regisseur Robert Zemeckis, geboren 1952 in Chicago, das Stichwort jener Jahre geliefert hatte.