Japanische Kirschblüten
Foto:  imago images/Rainer Keuenhof

Zwei neue Bücher über Bäume locken in die Welt und zum Lesen

Zierkirschen

Wenn ein Brite eine Leidenschaft für Zierkirschen hegt, klingt das nicht gerade aufregend. Wenn dieser Mann seltene Varietäten dieser Bäume züchtet und zurück in ihre Heimat schickt, wo sie gerade auszusterben drohen, schon eher. Und wenn das Leben dieses Gentleman-Gärtners radikale Umbrüche der japanischen Geschichte spiegelt und all das aus japanischer Perspektive erzählt wird, dann wird es ein sehr interessantes Buch.

Als Collingwood Ingram 1902 erstmals nach Japan reiste, fand er noch eine betörende Zierkirsch-Vielfalt vor. Beim zweiten Besuch im Jahr 1926 alarmierte ihn der Artenverlust im Zuge einer rasanten Industrialisierung. Was blieb, war die Dominanz einer einzigen pflegeleichten Sorte, Somei-yoshina, die ihre zarten Blütenblätter in ganz Japan in spektakulärer Gleichzeitigkeit entfaltet und fallen lässt. Dieser Effekt, so Autorin Naoko Abe, wurde damals für den militaristischen Kult des kurzen Lebens in Schönheit und Heroismus vereinnahmt, insbesondere das der jungen Kamikazeflieger, denen sie ein tieftrauriges Kapitel widmet.

Ingram kultivierte in England viele verschwindende Varietäten und schickte sie in die ganze Welt, bis zum Zweiten Weltkrieg vor allem an seine japanischen Kollegen. Nach dem Krieg übernahmen andere, auch das erzählt Abe, seine Mission und machten Zierkirschen nicht nur in Japan wieder als Symbol des Lebens und Friedens. Ihre akribisch recherchierte, spannend erzählte Biografie ist kluge (Horti-)Kulturgeschichte und eine Verbeugung vor einem freundlichen Exzentriker, der die schönen Bäume um ihrer selbst willen liebte.

Naoko Abe: Hanami. Die wundersame Geschichte des Engländers, der den Japanern die Kirschblüte zurückbrachte. Aus dem Englischen von Christa Prummer-Lehmair und Rita Seuß, S. Fischer. Frankfurt am Main 2020. 432 S., 23 Euro.

Papayas und Palmen

In indische Wälder und Gärten führt uns ein Buch, das einfach alle Bäume feiert: Banyan-, Champa- und Mangobäume, Nadelgehölze und Palmen. Sumana Roy schildert in ihm ihre Sehnsucht, selbst ein Baum zu werden, in ihrem langsamen Rythmus zu leben, einfach, ruhig, beständig, ohne die Zwänge einer immer hektischeren, immer maßloser konsumierenden Gesellschaft.

Sie entfaltet mäandernde Erkundungen dieser Idee, zitiert baumfreundliche Mythen und Dichtungen Indiens, steuert persönliche Erinnerungen an große und kleine Pflanzen bei, sondiert aber auch die Kulturen anderer Kontinente. Dieser eigenwillige, poetische wie reflektierende, keinem Genre klar zuzuordnende Text wurde für zwei der wichtigsten indischen Literaturpreise nominiert.

Sumana Roy beschreibt ganz unterschiedliche Bäume, Haine und Wälder, zitiert Frida Kahlo, Margaret Atwood, Ovid, D.H. Lawrence, Deleuze und Guattari ebenso wie Tagore und A.K. Ramanujan oder bengalische Märchen. Ihre Überlegungen sind auch eine Reaktion auf Umweltzerstörung und die Notwendigkeit, anders zu leben, aber vor allem eine schillernde Reflexion über die Grenzen, die Menschen zwischen sich und anderen Lebensformen ziehen. Oder auch nicht.

Sumana Roy: Wie ich ein Baum wurde. Aus dem Englischen von Grete Osterwald. Naturkunden 63. Hrsg. von Judith Schalansky. Matthes & Seitz, Berlin 2020. 267 S., 28 Euro.