Die Bühnenshow von Deichkind weckt Erinnerungen an von Peter Gabriel Mitte der 70er-Jahre.
Foto: Roland Owsnitzki

BerlinPeter Gabriel machte es vor: Zum Entsetzen seiner Mitmusiker in der Prog-Rock-Band Genesis begann er Mitte der Siebziger, seinen Kopf auf der Bühne in pyramidenförmige Pappkartons zu kleiden; später, als Phil Collins ihn als Sänger ersetzte und die Band ohne Pyramidenköpfe Stadien füllte, erzielte aber auch Gabriel mit einer Kombination aus Weirdness und politischer Sensibiltät viele schöne Hits.

Auch die Hamburger Electro-Rap-Gruppe Deichkind zeigt sich gern in Pyramidenköpfen und besitzt politische Sensibilität – und füllt damit immerhin die Arenen unseres schwierigen Landes. Allerdings auch mit Liedtiteln wie „1000 Jahre Bier” und einer generell audivisuellen Herangehensweise, die sich am besten als „Overkill“ bezeichnen lässt.

Wie ein antiautoritäres Internat für Kinder reicher Eltern

So konnte man auch beim Konzert, oder sagen wir, beim Event, das die Band am Freitagabend in der Max-Schmeling-Halle inszenierte, die Kostüm-, Requisiten- und Bühnenbildwechsel nicht mehr zählen, die über gut zweieinhalb Stunden auf die Menschen einprasselten. Umgesetzt hat sie der bandinterne Live-Regisseur Henning Besser alias La Perla, ohne einen Aufwand zu scheuen. Lobend hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang übrigens der weitgehende Verzicht auf Epilepsie verursachendes Videoprojektionsgeschnippel, das sonst die Arena-Pop-Ereignisse unserer Zeit charakterisiert.

Die Deichkind-Show voller beweglicher Riesenkisten, expressionistischer Schutzanzüge, wechselnder Pastell- und Graffiti-Hintergründe, mit ihren Hüpfburgen, Riesenkackhaufen, durch die Menge schwebenden Bierfässern und „Kein Bier für Nazis“-Fahnen, zudem mit Lars-Eidinger-Nacktvideos in blauer Farbe, aber auch mit einer tollen Trampolin-Choreografie glich einer riesenhaften, jenseits schlimmster Befürchtungen aus dem Ruder gelaufenen Theater-AG an einem antiautoritären Internat für Kinder sehr reicher Eltern.

Womit wir beim zentralen Thema der Band Deichkind angelangt wären: Je nach Stück nimmt sich die Band einer mehr oder weniger kritischen Auseinandersetzung mit der Leistungs- und Wohlstandsgesellschaft an. Schon als zweites Stück performten Deichkind „Richtig gutes Zeug“. Das ist in seiner verfummelten Beat-Abstraktion und eigentlich untypischen Murmel-Ästhetik ihr bis dato bestes Stück. Seine unübertroffene Zeile „gebrannte Mandeln, wenn man mal ’ne Ente macht“ schimmerte in der Max-Schmeling-Halle genauso glorreich wie im Opulenz-Trash des Videos. Den dort zu sehenden überlebensgroßen Rucksack trug nun das Gründungsmitglied Philip Grütering alias Kryptik Joe auf der Bühne und kommentierte dies damit, er ginge jetzt mal hamstern.

Bumm Bumm, Remmidemmi, Yippie Yeah!

Ganz gemäß dem Leistungsprinzip musste sich das Publikum erst eine gute Stunde durch die leicht abstrakteren Teile des aktuellen Albums „Wer sagt denn das” arbeiten, bevor es all die großen Hits bekam, aber dafür gab es dann richtig was auf die Zwölf: Bumm bumm, bück dich hoch, trink Bier, sei selbstreflexiv, vergiss nicht, noch mehr Bier zu trinken, denk noch mal ein bisschen über Dilemmata der Alltagsmoral nach, trink noch mehr Bier, denn das ist leider geil, betrachte dein Social-Media-Verhalten kritisch, bumm bumm, Remmidemmi, yippie yeah!

Dass Deichkind für diese Mischung aus Doof und Nachdenklich bekannt sind, ist ja eigentlich auch schon weithin, nun ja, bekannt. Und ob das nun zu viel ist oder nicht genug, ob es in unserer Zeit noch cool ist, auf derart postmoderne Weise politisch zu kommunizieren oder nicht, ließ sich eigentlich nach dem Konzert am Freitag auch nicht abschließend feststellen.

Doch: die alles von allen Seiten niederbrüllende Internet-Realität unseres Lebens fühlt sich bisweilen ähnlich ermüdend an wie dieses Konzert; es spiegelte also definitiv unser Leben wider. Fast möchte man sagen, man war davon erschlagen wie von einem Vorschlaghammer, auf Englisch „Sledgehammer”. Da ist er schon wieder, Peter Gabriel.