Es sind Sätze, die für viele Amerikaner so schmerzhaft wie Schläge sein müssen, gesprochen von Atticus Finch an seine Tochter Scout: „Dir ist klar, dass unsere Negerbevölkerung rückständig ist, nicht wahr?“ – „Willst du scharenweise Neger in unseren Schulen und Kirchen und Theatern? Willst du sie in unserer Welt?“ Es sind Sätze, von denen vermutlich die meisten Fans des Literaturklassikers „Wer die Nachtigall stört“ niemals gedacht hätten, sie lesen zu müssen. Doch so stehen sie schwarz auf weiß in der Neuerscheinung „Geh hin, stelle einen Wächter“.

Es ist eine literarische Sensation, die die Amerikaner in Aufregung versetzt. Nicht bloß, weil mit diesem Roman kaum einer mehr gerechnet hätte. Sondern weil er ein Pulverfass ist. Dieser Roman birgt die Gefahr, eine der meistgeliebten Figuren der amerikanischen Literatur vom Sockel zu stoßen. Es droht nicht weniger als die Zerstörung einer Ikone. Atticus Finch, glänzendes Vorbild, ins nationale Gedächtnis gebrannt auch durch die grandiose Darstellung Gregory Pecks in der Verfilmung aus dem Jahr 1962, Kämpfer für Recht und Gerechtigkeit – dieser Atticus Finch ist in dem neuen Buch ein Mann, der Schwarzen abspricht, gleichwertigen Anteil an der Gesellschaft zu haben.

Um zu verstehen, was das bedeutet, muss man sich die Erfolgsgeschichte von Harper Lees „Wer die Nachtigall stört“ vor Augen führen. Dieses Buch ist ein amerikanischer Mythos. Der 1960 veröffentlichte Roman wurde mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet, in rund 40 Sprachen übersetzt, mehr als 40 Millionen Mal verkauft. Oprah Winfrey nannte es schlicht „our national novel“.

Die Geschichte des Anwalts Atticus Finch und seiner Kinder Scout und Jem machte Harper Lee über Nacht zum Star. Die mittlerweile 89 Jahre alte Autorin veröffentlichte danach nie wieder ein Buch, sie zog sich aus der Öffentlichkeit zurück. Es gab sogar Gerüchte, ihr Jugendfreund Truman Capote habe den Roman geschrieben. Und jetzt, 55 Jahre nach der Veröffentlichung von „Wer die Nachtigall stört“, erschien am Dienstag ein zweiter Roman. Zunächst auf Englisch, die deutsche Version kommt am Freitag heraus.

Startauflage von 2 Millionen

Die Aufregung ist gewaltig, die Startauflage des englischen Originals beträgt zwei Millionen Exemplare. Das Manuskript galt als verschollen – bis es laut Verlag eine Freundin und die Anwältin der Autorin 2014 fand. Es soll sich um die 1957 beim Verlag J. B. Lippincott eingereichte frühe Fassung von „Wer die Nachtigall stört“ handeln. Lee soll diese dann in zwei Jahren umgearbeitet haben. Warum hielt Lee das Buch so lange zurück? Wurde die Entscheidung, zu veröffentlichen, über ihren Kopf hinweg getroffen? Schon macht das Gerücht die Runde, es gebe ein drittes Buch. Jede neue Zeile der Autorin ist bares Geld wert, da wollen viele mitverdienen.

„Gehe hin, stelle einen Wächter“ ist zeitlich vor „Wer die Nachtigall stört“ entstanden, die Handlung setzt jedoch rund 20 Jahre später ein. Scout, die nun lieber bei ihrem Geburtsnamen Jean Louise gerufen werden möchte, lebt inzwischen in New York. Einmal im Jahr kehrt sie nach Maycomb, Alabama, zurück, um ihren Vater zu besuchen. Wie in der „Nachtigall“ ist die Tochter die Hauptfigur. Doch anders als in dem Klassiker wird die Geschichte nicht aus der Ich-Perspektive, sondern in der dritten Person erzählt.

Jean Louises Bruder Jem, in der „Nachtigall“ eine zentrale Figur, ist tot. Der gemeinsame Jugendfreund Henry arbeitet nun als Anwalt mit dem inzwischen 72 Jahre alten Atticus. Henry möchte Jean Louise heiraten und sie zur Rückkehr in ihre Heimat überreden. Doch die 26-Jährige passt nicht in diese Welt. Das spürt sie schmerzhaft, als sie miterlebt, wie ihr Vater und Henry an der Sitzung eines Bürgerrats teilnehmen, der für Rassentrennung kämpft. Für Jean Louise ist dieses Erlebnis ein Schock, der ihre Weltsicht zum Einsturz bringt. Ihr Vater, „Die mächtigste moralische Kraft in ihrem Leben“, ist ein Rassist?

Es ist diese Auseinandersetzung, die den Roman bestimmt. Der Handlungsaufbau weist dabei Schwächen auf, da sich Lee ganz auf das Vater-Tochter-Verhältnis konzentriert. Bemerkenswert ist es, dass der Leser dieselbe schmerzliche Erfahrung wie Jean Louise machen muss. Den Atticus, den man zu kennen glaubt, scheint es nicht mehr zu geben.

Es ist ein ambivalentes Gefühl, das bei der Lektüre entsteht. Auf der einen Seite die große Freude darüber, mehr über Scout, Atticus, die Geschichte des Dorfs und der Familie zu erfahren, auf der anderen Seite die schmerzliche Erkenntnis, dass sich der Blick auf die geliebten Figuren für immer ändern wird. Auch wenn dieses Werk vor „Wer die Nachtigall stört“ geschrieben wurde, auch wenn man es so verstehen kann, dass dieser Atticus nur eine erste Version des späteren Helden ist, so wird doch immer eine Irritation bleiben.

Rassistische Parolen beim Kaffekränzchen

„Geh hin, stelle einen Wächter“ ist vermutlich das ehrlichere Buch. Es schildert anschaulich und offen, wie Menschen in den Südstaaten über Rassentrennung dachten. Das Erstarken der schwarzen Bürgerrechtsbewegung machte den Weißen Angst und vertiefte die Gräben. Lee geht auf diese Entwicklungen ausführlich ein. Etwa wenn die Frauen beim Kaffeekränzchen die rassistischen Parolen ihrer Männer nachplappern. Dabei geht es nicht nur um Schwarze. Verdächtig sind auch Katholiken, Kommunisten, Italiener oder Puerto Ricaner – eigentlich jeder, der nicht so ist, wie der Weiße im Süden.

Es sind dieselben Themen wie in „Wer die Nachtigall stört“, die Harper Lee in diesem Roman beschäftigen. Doch wäre „Geh hin, stelle einen Wächter“ sicher niemals ein Welterfolg geworden, wäre es zuerst erschienen. Ihm fehlt die Kraft, der inhaltliche Spannungsbogen, die außergewöhnliche kindliche Erzählperspektive, das Identifikationspotenzial, das die Figuren bieten, auch wenn sich Lees großes Erzähltalent hier schon offenbart. Am Ende versöhnt sich Scout – oder Jean Louise – mit ihrem Vater. Ob das den Lesern auch gelingt, wird sich zeigen.