Das Wort „Laune“ kommt von „Luna“, lateinisch für Mond: Sein Wandel – von Sichel bis Vollmond – ließ einen Einfluss auf den menschlichen Stimmungswechsel vermuten. Ich glaube das nicht, weil sich ja dann alle Leute im Angesicht einer Mondphase in ähnlicher Laune befinden müssten. Nach meiner Beobachtung bleiben wir eher verschieden, wir neigen aber wohl, bei weniger Lichte betrachtet, im Herbst zu schlechter Laune. Die hat auch einen Namen: Herbstblues.

Bereits die Wintererwartung lässt manche frösteln: Eine Nachbarin ist von Kopf bis Fuß warm verpackt. Trotzdem zieht sie schon auf der Treppe die Schultern hoch und hält vorne den Kragen zusammen, sie antwortet mir kurz und schleppt sich widerwillig durch die Tür ins Leben. „Einigen Menschen macht das nichts aus, andere leiden richtig“, das stand gerade in Bild. „Jede dritte Frau und jeder vierte Mann kennt dieses vorübergehende milde Stimmungstief im Herbst und Winter“, sagt der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde.

Bei schlechtem Wetter draußen nichts zu verpassen

Bei mir ist das anders. Ich liebe Regen, der schräg gegen die Scheiben prasselt, und Nebel, der die Welt versteckt. Der große, vielleicht einzige Vorteil der Schreibtischarbeiter besteht in dem Gefühl, bei schlechtem Wetter draußen nichts zu verpassen.

Launen hat jeder. Sie sind in Ordnung, wenn sie echt sind. Lächeln macht krank, wenn man lächeln muss. Eine Hotelkette hat einen Verhaltenskodex: „Smile – We are on stage.“ Lächle, als stündest du auf der Bühne.

Eine japanische Bahngesellschaft testet mit einem Computerprogramm das Lächeln der Ticketverkäufer. Nur wer Augen und Lippen optimal positioniert, erzielt hundert Punkte. Wer nicht gut abschneidet, bekommt am Bildschirm einen Hinweis: „Heben Sie Ihre Mundwinkel weiter an.“ Es gibt auch Leute, die tatsächlich immer gute Laune haben. Mir kommen sie merkwürdig vor, aber es gibt keinen echten Grund, sie zu kränken.

Psychologen erkannten analytische Fähigkeiten von Schlecht-Gelaunten

Den immer schlecht Gelaunten kann ich sagen: „Hörst du mal auf mit deinem ewigen Gemecker?“, und dann glauben, auf der richtigen Seite zu stehen. Aber Psychologen erkannten, dass Menschen mit negativer Stimmung wesentlich besser darin waren, analytisch zu denken und deutlich erfolgreicher, andere von ihrer Meinung zu überzeugen. Damit besaßen die schlecht gelaunten Probanden mehr Einfluss als die gut gelaunten. Schlechte Laune sorgt auch für schnellere Anpassung an neue Situationen – evolutionär und gesundheitlich ein Vorteil.

Bei WhatsApp gibt es sogar Statussprüche, mit denen schlecht gelaunte Kollegen andere auf Abstand halten, Sprüche wie: „Schlechte Laune. Einfach in Ruhe lassen, das ist besser für jeden hier.“ „Grundlos schlechte Laune.“ „Und ja es geht mir schlecht. Und nein, ich kann dir nicht sagen wieso.“

Meine Meinung über schlecht gelaunte Leute hatte sich nahezu ins Positive verkehrt. Aber dann gehe ich zum Arzt. Nach der Behandlung trete ich an die Empfangstheke. Da steht die Arzthelferin, eher sechzig als fünfzig, strapaziertes blondes Haar. Ich sage: „Ich möchte bitte einen nächsten Termin.“ Sie sagt: „Ich möchte auch manchmal was und bekomme es nicht.“ Sie dreht sich um, geht weg. Ich schlucke hilflos meine Wut runter. Und das soll nun wirklich sehr ungesund sein.