Der Soziologe Zygmunt Bauman weiß, was Flucht bedeutet, zweimal in seinem Leben musste er Polen verlassen. 1939 floh er mit seiner Familie bei Kriegsausbruch vor den Deutschen in die Sowjetunion. Nach seinem Studium lehrte er an der Universität Warschau Soziologie.

1967 trat er aus der Kommunistischen Partei aus, verlor anschließend seine Professur und emigrierte nach Israel, wo er 1971 überraschend einen Ruf an die University of Leeds erhielt. In seiner wissenschaftlichen Arbeit hat sich Bauman immer wieder mit den prekären Lebensverhältnisse in der globalisierten Gegenwart beschäftigt.

Professor Bauman, ist die gegenwärtige Flüchtlingskrise in Europa ein weiteres Kapitel der Geschichte der Flucht vor Verfolgung und Unterdrückung oder passiert gerade etwas ganz anderes?

Geschichte verknüpft Kontinuität mit Diskontinuität. Diese beiden Eigenschaften bestehen in einer „und“-Relation und nicht in einer „entweder-oder“-Beziehung. Jedes Geschichtskapitel bewahrt, führt etwas fort, doch zugleich kommt mit ihm etwas Neues ins Spiel. Die gegenwärtige Flüchtlingskrise ist keine Ausnahme von dieser Regel.

Und doch erleben wir zurzeit den Unterschied.

Der große Unterschied der gegenwärtigen „Flüchtlingskrise“ zur Einwanderung von Ausländern ist einfach der, dass sie nicht verwaltet, überwacht und kontrolliert werden kann, wie man es bis vor Kurzem noch effektiv zu tun können glaubte. Es ist genau diese Unzulänglichkeit und Wirkungslosigkeit der staatliche Maßnahmen, die von der „Flut“ der Menschen, die an unsere Türen klopfen, zu jener Angst führt, die Ströme von Fremden auf dem Niveau von „Panik“ erleben lassen.

Deutlich werden uns allen jetzt die fortschreitenden Umwälzungen der geopolitischen Bedingungen, unter denen diese Ortsveränderung von Menschen stattfindet – ein Phänomen, über dessen bevorstehendes Eintreten übrigens der späte Umberto Eco bereits vor zwei Jahrzehnten gewarnt hat, ohne dass es irgendeine Wirkung erzielt hätte.

Was Eco, grob gesagt, vorgeschlagen hat, war, zwischen einer Auswanderung bzw. Einwanderung in einem zeitlich begrenzten Sinne und einer fortdauernden Migration zu unterscheiden, die sich eher durch die Ortsveränderung vieler Menschen definiert. Ein begrenzte Einwanderung kann politische kontrolliert werden, aber wie bei Naturphänomen ist das bei der Migration unmöglich.

Warum ist die emotionale Sprengkraft bei der Migration so viel größer?

Solange es kontrollierte, also auch zeitlich begrenzte Einwanderung gibt, können Menschen hoffen, die Einwanderer in einem Ghetto zu halten, sodass sie mit den Einheimischen nicht vermischen. Doch wenn dauerhafte Migration auftritt, gibt es keine Ghettos mehr und Heirat untereinander ist unkontrollierbar.

„Einwanderung ist nichts anderes als Migration“

Eco stellte dann die entscheidende Frage: Ist es möglich, die Einwanderung von Migration zu unterscheiden, wenn der gesamte Planet zu einem Territorium sich überkreuzender Bewegungen von Menschen wird?

Und was ist die Antwort?

Was man in Europa immer noch versucht, als Einwanderung zu bekämpfen, ist in Wahrheit nichts anderes als Migration. Die Dritte Welt klopft an unsere Türen, und die Menschen werden kommen, auch wenn wir nicht einverstanden sind: Europa wird ein multikultureller Kontinent – oder ein farbiger Kontinent. So wird es sein, ob es uns gefällt oder nicht. Die Migration ist das Ergebnis eines selbstregulierenden Prozesses, nicht eines politisch oder militärisch beaufsichtigten Vorganges.

Was bedeutet das für uns?

Zu der Zeit, als Eco seine alarmierenden Worte schrieb, zählten in der Stadt New York die „Weißen“ 58 Prozent der Bevölkerung und bewegten sich immer näher auf den Zustand einer Minderheit hin; 42 Prozent der „Weißen“ waren Juden, der Rest Polen, Italiener, Spanier, Iren usw. Wir, die Stadtbewohner, befinden uns in einer Situation, in der es erforderlich ist, eben jene Fähigkeiten des Zusammenlebens uns anzueignen und zu entwickeln, sodass wir mit diesen Unterschieden täglich zurecht kommen – aller Wahrscheinlichkeit nach dauerhaft.

Was denken Sie aus dieser Perspektive über die Politik Angela Merkels im Sommer 2015, als sie die syrischen Flüchtlinge nach Deutschland hereinließ? War das ein reiner Akt des Humanismus?

Menschen, die um ihr Leben kämpfen, die Hand zu reichen, war selbstverständlich ein Akt der Humanität. Ob es das einzige grundlegende Motiv in Frau Merkels Entscheidung gewesen ist, die Regeln der Humanität zu befolgen, weiß ich nicht. Auf jeden Fall ist die führende Rolle Deutschlands mit ihrer starken und gesunden Ökonomie, die Europa und durch es die Welt formt, nicht zu bestreiten. Europa erwartet von einem solchen Land eine resolute und gewichtige Entscheidung. Angela Merkel tat, was ein verantwortungsvoller Führer eines verantwortungsvollen Landes verpflichtet ist zu tun.

War die Entscheidung Merkels zwar richtig, dafür aber verantwortlich für das Brexit-Votum der Briten?

Eine solche Vermutung halte ich für ziemlich abgehoben. Ich persönlich neige dazu, die Gründe für den Sieg der Brexiter viel stärker auf britischen Boden zu verorten und damit ironischer Weise viel weiter weg von dem, was der Rest von Europa tat oder unterließ. Die Briten haben das Vertrauen in die Fähigkeiten ihrer Parteien verloren, das gilt für das gesamte politische Establishment, unabhängig davon, wer gerade die Ministerposten besetzen kann.

„Terrorismus ist Legitimation für Daseinsberechtigung der Regierung“

Das Referendum über die EU-Zugehörigkeit war die einmalige Gelegenheit, ihre Stimme zu gebrauchen, die Institution als ganze abzulehnen, da ja alle drei Parteien, Konservative, Labour und Liberale, ungewohnt einig in der Unterstützung eines EU-Verbleibs waren. Diese seltene Gelegenheit wollten sie nutzen, um ihrem Misstrauen Ausdruck zu verleihen.

Wenn wir die Flüchtlingsströme sehen und die Reaktionen darauf: Benötigen wir einen neuen Humanismus für das 21. Jahrhundert?

Was wir brauchen, und zwar dringend, ist die Schließung der kulturellen Lücke, die zwischen dem neuen Zustand der Welt und dem zunehmend veralteten Bewusstsein der Bevölkerung – insbesondere der meinungsbildenden Elite – existiert. Der verstorbene Soziologe Ulrich Beck argumentierte überzeugend, dass wir zwar in eine kosmopolitische Situation hineingeworfen sind, und zwar in dem Sinne, dass wir untereinander unwiederbringlich abhängig und gebunden sind, gegenseitig Einfluss auf uns auszuüben – aber immer noch nicht ernsthaft damit begonnen haben, ein dementsprechend notwendiges kosmopolitisches Bewusstsein zu entwickeln.

Auf einem Planeten, der von Handelsrouten und Datenautobahnen überzogen ist, stammt unser Denken und Handeln aus einer Zeit der territorialen Souveränität mitsamt der geerbten Vorschriften, tiefen Gräben, Brücken, Stacheldraht, Ad-hoc-Koalitionen und Mauern.

Ist das Problem, dass die Debatte mit dem Begriff der Sicherheit eingerahmt wurde – anstelle der Flüchtlinge und ihrer Fluchtgründe?

Dass unsere Sicherheit von Terroristen bedroht wird, ist ein Geschenk des Schicksals für die heutigen Regierungen auf ihrer Suche nach einer neuen Legitimation für ihre Daseinsberechtigung und ihr Recht zu herrschen. Darüber hinaus bietet ja die Entschlossenheit der Regierung im Kampf gegen die Terroristen deutlich mehr Material für Darstellungen auf Fotos und Videos als etwa die Verteidigung ihrer Bürger gegen soziale Benachteiligung und Abbau von Sozialleistungen.

Zeigt sich in der Figur des Flüchtlings die globale Natur der Herrschaft und der Gewalt?

Ja, das tut es. In den Worten von Bertolt Brecht, Flüchtlinge sind die Vorboten von Hiobsbotschaften. Gestern selbstbewusst und scheinbar sicher in ihren Häusern und Berufen, schlafen sie jetzt auf harten Böden in Toreinfahrten und suchen vergeblich nach der Wiedergewinnung ihrer Würde, die sie verdienen und genossen haben und die jetzt verloren ist. Wir können unsere Augen nicht mehr abwenden: Sie sind nicht einfach Bilder auf TV-Bildschirmen, sondern Geschöpfe aus Fleisch und Knochen auf unseren Bahnhöfen und den städtischen Plätzen und in den Parks.

Wir können nicht umhin zu denken: Ist nicht unsere Sicherheit genauso unecht, wie sie ihre eigene zu ihrem Entsetzen vorfinden?! Das Vorhandensein und die Nähe von Flüchtlingen enthüllt und entblößt unsere eigene Zerbrechlichkeit. Dieser Grund ist ausreichend, sich zu wünschen, dass sie von unseren Straßen verschwinden. Wie viele Menschen lieben schon die Boten von schrecklichen und entsetzlichen Nachrichten?

Gibt es eine kurzfristige Lösung für das Flüchtlingsproblem?

Nein, das gibt es nicht. Im Gegensatz zu den Demagogen aller Richtungen gibt es keine kurzfristigen, keine schnellen Lösungen für das „aktuelle Flüchtlingsproblem“, so wie es auch keine für alle anderen Probleme gibt, mit denen wir konfrontiert werden, ausgenommen die banalsten unter ihnen.

Papst Franziskus fordert die Gestaltung, Aneignung und Kunst des Dialogs und rügte die katastrophal wachsende Ungleichheit, als er über die Probleme sprach, welche der dringendsten Aufmerksamkeit bedürfen. Er regte an, beide Themen in die Curricula der Schulen aufzunehmen. In den Zeiten des Konfuzius lehrte die chinesische Weisheit: Denken wir über den Zeitraum von einem Jahr, sollten wir Korn sähen, über zehn Jahre sollten wir Bäume pflanzen und denken wir über einen Zeitraum von 100 Jahren, ist es notwendig, die Menschen zu erziehen und zu bilden.

Das Gespräch führte Michael Hesse.