Neuer Inhalt

Ausstellung zur Novemberrevolution: Berlin in Zeiten harten Wandels

Ein Schwarz-Weiß-Foto, dass Barrikaden in Berlin an der Ecke Rungestraße/Köllnischer Park zeigt.

Während der Märzkämpfe (5. bis 19. März 1919) standen an der Ecke Rungestraße/Köllnischer Park Barrikaden.

Foto:

Sammlung Stadtmuseum Berlin

Arbeiter, Augen auf!“, rief das Plakat der Mehrheitssozialdemokraten den potenziellen Wählern zu, die bei der ersten freien, allgemeinen Wahl zur Nationalversammlung im Februar 1919 die Radikalinskis bremsen sollten.

Die MSPD wollte zwar den Kapitalismus beseitigen, aber doch keinen Sozialismus, sondern eine stabile Parlamentarische Demokratie. Da brüllte das Plakat der USPD, der Unabhängigen Sozialdemokraten lauter: „Sprengt die Ketten“. Die heterogene Partei flog dann hoch bei den Wahlen, vor allem in Berlin, und stürzte bald ins Nichts.

Extrem gebärdeten sich die Kommunisten (KPD, Spartakusbund): „Alle Macht den Räten“, rief ihr Plakat. Man forderte radikale Umwälzung, lehnte das Parlament als Institution der Republik ab. Die Deutschnationale Volkspartei kämpft auch gegen Republik und Demokratie – sie bevorzugte den autoritären, monarchistischen Staat. Irgendwo dazwischen sah die liberale Deutsche Demokratische Partei (DDP) das Land am Scheideweg zwischen „Bürgerkrieg oder Demokratie“.

Gewalt und Vergnügen

Diese Plakate stehen in der ab sofort im Märkischen Museum zu sehenden Ausstellung „Berlin 18/19 – Das lange Leben der Novemberrevolution“ exemplarisch für die fortschreitende Spaltung der Gesellschaft seit Beginn der Revolution am 9. November 1918. Man könnte, gewiss im Sinne der Kuratoren Gernot Schaulinski und Martin Düspohl, auch sagen: Sie zeigten die Differenzierung der Gesellschaft, die aus einem autoritären Staat aufgebrochen war und das Ende des Weges noch nicht kannte.

Eine Zeichnung und ein kurzer Text zu Karl Liebknecht.

Liebknecht als wilder, baumschwingender Unhold, der Familie, Wirtschaft, das ganze Leben zerstört. 

Foto:

Stadtmuseum Berlin/Michael Setzepfandt

Dem November, der noch vergleichsweise gewaltarm abgelaufen war, folgten Monate des Umbruchs mit einer Heftigkeit, die vielen Menschen den Halt entzog. Zunächst lief der Alltag weiter; es dominierte die Freude über den Frieden. Zugleich brach eine exzessive Vergnügungssucht aus. Ein riesiges Grammophon, das einen ganzen Saal beschallen konnte (Musike aus der Hörstation), steht beispielhaft dafür.

Doch bald wurden die Straßen Berlins zur politischen Bühne mit Dauerbetrieb: Sie füllten sich mit Kundgebungen, Demonstrationen, Barrikaden, Straßenschlachten, Trauerzügen, neuen Aufmärschen. Radikalisierung und Polarisierung trieben die Gewalt zur Eskalation. Sie gipfelte in Januaraufstand, Märzkämpfen, Gefallenen. Mit der Opferzahl wuchsen Trauer, Zorn und Heftigkeit des Kampfes. Gestritten wurde um die Deutungshoheit über das Geschehen.

Ein Bällebad (rot-weiß) lädt ein zum Umwälzen

Die Ausstellung setzt die 60 sorgsam gewählten Objekte sparsam ein – sie fungieren eher als Angeln. Der Betrachter soll hängenbleiben, um mit Hilfe von Tablets tiefer einzutauchen, eindrucksvolle Fotos zu betrachten, Dokumente wahrzunehmen. Das leitet subtil in die nächste Stufe: die Auseinandersetzung. Fertige Meinungen werden nicht serviert. Großformatige Filmsequenzen wiederum führen direkt in das Geschehen auf den Berliner Straßen. Da steht man mittenmang.

Eine Statue.

Liebknecht als würdevoller Politiker, der eine gewiss bedeutende Rede hält. 

Foto:

VG Bild-Kunst Bonn/Oliver Ziebe

Manche Motive erscheinen doppelt – wie eine zentrale Figur der Zeit: Kommunistenführer Karl Liebknecht. Eine kleine Bronzefigur zeigt ihn so, wie man ihn in der DDR kannte: als bewundernswerten, klarsichtigen Kopf. Ein Propaganda-Flugblatt stellt ihn als bedrohlichen Zerstörer aller Ordnung dar. Beide Facetten gehören zur Wahrheit – der man sich neu stellen kann.

Herausfordernd wird die Ausstellung auch: Ein Bällebad (rot-weiß) lädt ein zum Umwälzen, mein Körper kann das Untere nach oben kehren. Eine mannsgroße Box-Puppe hängt bereit zum Draufschlagen: Sind Sie bereit zum Kampf? Wie wär’s mit ein bisschen Gewalt? Eine doppelte Spiegelwand holt die 68er Studentenbewegung heran: Mitmarschieren? Teil der Masse sein?

„Geschichte ist da, um sich Gedanken über Vergangenes zu machen“

Diese Konfrontation mit den Zwiespalten, Tücken und Abgründen von „Revolutionen“ hebt die Ausstellung aus den gewöhnlichen heraus. Hier wird nicht bloß geguckt und gelesen. Hier soll gedacht und gemacht werden. Gut so. Und wichtig, schließlich führte 1918 zu 1933.

Den herausfordernden Weg geht auch der „Studio Revolution“ genannte Teil, in dem sich Berliner Jugendliche mit Revolutionen befassen – auch den selbst erlebten, zum Beispiel in Ägypten. Paul Spies, Direktor des Stadtmuseums, sieht die Hauptaufgabe umgesetzt: „Geschichte ist da, um sich Gedanken über Vergangenes zu machen.“

Berlin 18/19 – Das lange Leben der Novemberrevolution, Märkisches Museum am Köllnischen Park. Di-So, 10 bis 18 Uhr, bis 19. Mai 2019. Ein umfangreiches Begleitprogramm bietet Führungen, Stadtspaziergänge zu den Orten des Geschehens, Bustouren, Workshops. Alle Details auf www.stadtmuseum.de/berlin18-19