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Festsaal Kreuzberg: Multifunktionsbetrieb mit interessanten Konzerten

Festsaal Kreuzberg Eröffnung

Mit Konzerten von den Friends of Gas und Robocop Kraus (hier im Bild) sowie Tanzmusik von DJ Quersummen wurde der Festsaal wiedereröffnet.

Foto:

Roland Owsnitzki

Großer Andrang am Sonnabend Abend vor dem Gelände der Arena Treptow in Treptow; hier wurde die Wiedereröffnung des Festsaals Kreuzberg gefeiert, eines ursprünglich von 2005 bis 2013 an der Skalitzer Straße residierenden Underground-, Rock- und Diskursschuppens, der insbesondere durch sein gut informiertes, oft visionäres Konzertprogramm zu gefallen wusste.

Von dem allerersten Konzert im März 2005 mit den damals noch wenig bekannten Krachkuttenmönchen von SunnO))) über die nicht nur bartmodenmäßig trendsetzenden Hippieschrate der New-Weird-America-Musik bis zu neuesten Digitalfeministinnen und queeren Agitationsrappern wie Charli XCX, Laurel Halo und Cakes da Killa war hier eine Weile lang fast alles zu sehen, was es an relevanter neuer Popmusik gab. Darum war das allgemeine Entsetzen auch groß, als der Festsaal im Juli 2013 niederbrannte.

Dreieinhalb Jahre gesucht

Zumal sich schnell die Hoffnung zerschlug, den Klub an selber Stelle wieder aufbauen zu können. Der Besitzer möchte hier lieber Büros errichten, wann auch immer: Bis heute liegt das Gelände mit der Ruine brach. Dreieinhalb Jahre suchten die Organisatoren des Festsaals, die außerdem den Monarch und die Fahimi Bar an der Skalitzer Straße betreiben, vergeblich nach einem Gebäude, in dem sich auch größere Konzerte veranstalten lassen. Mehrfach standen sie kurz vor der Vertragsunterzeichnung, dann ging die jeweilige Immobilie doch an einen anderen Bieter.

Ihre neue Bleibe haben sie nun in den Räumen des White Trash Fast Food gefunden, eines im letzten Jahr insolvent gegangenen Retro-Rock’n’Roll-Etablissements mit angeschlossener Gastronomie, dessen kulturhistorische Bedeutung vor allem darin besteht, dass es den heute stadtweit vorherrschenden Trend zur von tätowierten Hipstern betriebenen Hamburgerbrutzelbude um anderthalb Jahrzehnte antizipierte.

Auch dort wurden Konzerte veranstaltet. Doch abgesehen von wenigen Ausnahmen – unvergessen: die New York Dolls 2006 in der dritten White-Trash-Inkarnation in der Schönhauser Allee –, wirkten diese  in ihrer aufgebrezelten Rock’n’Roll-Nostalgie meist ähnlich Disneyworld-artig wie die Hillbilly-hafte Inneneinrichtung von Restaurant und Konzertsaal.

Letztere beherrscht auch das Gebäude am Flutgraben. Zwar wollen die neuen Betreiber in den nächsten Monaten umbauen lassen, doch am Sonnabend wirkte es noch ein wenig so vor, als sei durch einen Beaming-Fehler ein Indierock-Abend in die Kulisse eines Westernsaloons geraten oder in eine US-Fernfahrerkneipe, in der gleich jemand Amok läuft.

Wobei letzteres Ambiente vielleicht doch wieder ganz gut zu der ersten Band am Sonnabend passte, den Friends of Gas; ein großartiges Quintett aus München, das man sich mit seinen schroffen Gitarrenriffs, repetitiven Rhythmen und den heiser ins Gemenge gebellten Einzelbegriffen der Sängerin Nina Walser wie eine Mischung aus Krautrock und Punk, aus Bands wie The Fall, Can und Angeschissen vorstellen kann. Eine ebenso aggressive wie abstrakte Musik – für die Wiedereröffnung des Festsaals hätte es nichts besseres geben können. Über den folgenden Auftritt der Robocop Kraus, die Mitte der Nullerjahre als Franz-Ferdinand-Epigonen aus Nürnberg reüssierten und nun ein Comeback versuchen, würde ich hingegen lieber den Mantel des Schweigens decken.

Das Publikum im ausverkauften Saal war gleichwohl begeistert. Bis zu 1000 Besucher passen in die große Konzerthalle –  jedenfalls wenn man die baupolizeilich bislang noch nicht genehmigten Emporenteile mit hinzunimmt; das mit dem Umbau beauftragte Architektenbüro Studio Karhard will diese Teile am Ende zu einem geschlossenen Rundlauf verbinden, ganz wie in der alten Heimat an der Skalitzer Straße.

Mit Biergarten

Man kann den Saal, sagten die Betreiber am Sonnabend, aber auch auf eine Kapazität von 400 Besuchern verkleinern, was die Möglichkeit gibt, dort jüngere oder interessantere Acts zu veranstalten, die nicht so viele Karten verkaufen. Das Restaurant – dessen unrentabler Betrieb entscheidend zur Insolvenz des alten White Trash beigetragen hat – soll weitergeführt werden, wahrscheinlich als Kantinenbetrieb im Stil der alten Gerüchteküche am Heinrichplatz. Und im Sommer wollen die Festsaal-Betreiber auch den vor dem Restaurant gelegenen Biergarten wieder in Betrieb nehmen.

So wird der neue Festsaal Kreuzberg in Treptow eher eine Art Multifunktionsbetrieb als ein Klub im älteren Sinne. Man kann das – wie am Wochenende in der taz geschehen – als Ausverkauf und Verrat an der Underground-Idee schelten; man kann sich aber auch mit den bei der Premiere am Sonnabend überaus beglückt wirkenden Betreibern darüber freuen, dass sie unter diesen Bedingungen nun wieder tun können, was sie am liebsten tun: interessante Konzerte veranstalten.