Neuer Inhalt

„Verschwörung“: Claire Foy spielt die digitale Weltenretterin

Globaler Racheengel: Lisbeth Salander (Claire Foy) im Film „Verschwörung“ nach der Romanvorlage von David Lagercrantz. Mit dieser Adaption wird die Millenium-Trilogie nach Stieg Larsson erweitert.

Globaler Racheengel: Lisbeth Salander (Claire Foy) im Film „Verschwörung“ nach der Romanvorlage von David Lagercrantz. Mit dieser Adaption wird die Millenium-Trilogie nach Stieg Larsson erweitert.

Foto:

Columbia Pictures

Die Silhouette der schwarzen Engelsstatue legt sich passgenau über Lisbeth Salanders Schatten. Für einen Moment scheint es, als würden ihre Flügel direkt aus Salanders Rücken wachsen. Wie ein fleischgewordener Racheengel steht sie in der Luxuswohnung eines Unternehmers. Bevor dieser verstanden hat, was vor sich geht, stößt Salander die Skulptur um. Das an ihr befestigte Seil windet sich um die Knöchel des Mannes und zieht ihn kopfüber Richtung Decke.

Von dort aus sieht er hilflos zu, wie Salander sein Konto plündert, ihm die Polaroids einer von ihm missbrauchten Frau unter die Nase hält und ihm als kleinen Zusatz einen Elektroschock verpasst. Es ist Salanders letzter Auftritt dieser Art. Die Frau, die in der ersten Hollywood-Adaption der Millennium-Romanreihe (David Finchers „Verblendung“) noch gegen die mächtigen und reichen Sexualstraftäter Stockholms kämpfte, bekommt in Fede Alvarez’ Fortsetzung eine neue Rolle zugewiesen.

Der in Uruguay geborene Regisseur hievt die hochbegabte Punk-Hackerin in „Verschwörung“ auf die Bühne der globalen Verschwörungsthriller mit apokalyptischem Gefahrenpotenzial. Im Gegensatz zu den männlichen Kollegen wie James Bond oder Ethan Hunt aus der „Mission Impossible“-Reihe ist Salander bestens für die Anforderungen des 21. Jahrhunderts ausgerüstet. Während Agent 007 mit der Verlagerung des Weltgeschehens ins Digitale und dem damit verbundenen Verlust der physischen Realität zu kämpfen hat und der stets von Tom Cruise verkörperte Ethan Hunt langsam die Altersgrenze des Superagenten erreicht, ist die von Claire Foy gespielte Salander aufgrund ihrer unerreichten Kompetenz im Umgang mit 0 und 1 perfekt auf das Anforderungsprofil der Weltenretterin im Digitalzeitalter zugeschnitten.

Eine Rolle, die sie eher unfreiwillig annimmt, nachdem sie für einen Kunden ein Programm aus der Datenbank der NSA extrahiert. Mit Hilfe der gestohlenen Software kann von einem beliebigen Rechner aus auf die Nuklearsilos der Vereinigten Staaten zugegriffen werden. So sieht sich Salander bald im Mittelpunkt einer Jagd auf das Programm. Die NSA, ein russisches Verbrechersyndikat, die schwedische Regierung und die kleine Gruppe von Lisbeths Verbündeten, zu denen auch ihr ehemaliger Geliebter Mikael Blomkvist (Sverrir Gudnason) gehört, kämpfen um die Kontrolle der Weltsicherheit.

Feministische Identität verblasst

Alvarez reichert die bisher fest im Thrillergenre verwurzelte Filmreihe mit zahlreichen Action-Versatzstücken an. Salander hackt sich in „Verschwörung“ nicht mehr aus der Sicherheit der eigenen vier Wände in fremde Systeme ein, sie tut es, während sie unter Beschuss einen geklauten Luxuswagen durch die Straßen von Stockholm manövriert.

Der Film setzt auch mit der globalisierten Version der Salander-Figur die monochrome Cyberpunk-Ästhetik fort, die David Fincher für den Vorgängerfilm entwarf. Mit Alvarez’ Hang zum exzessiven Formalismus überträgt sich das Innenleben der Protagonistin direkt auf ihre Umgebung. Büros, Industrielofts und Winterlandschaften verwandeln sich in ihrer Anwesenheit in tageslichtscheue und überstilisierte Tableaus, Explosionen und Schusswechsel werden zum abstrakten und doch tödlichen Spektakel.

Salanders visuelle Präsenz bleibt damit unverkennbar und doch verliert Alvarez aus dem Auge, was die Frau mit dem Drachen-Tattoo von ihren Kollegen abhebt: Ihre innerhalb der Strukturen des Missbrauchs erkämpfte Unabhängigkeit. Im Angesicht der nuklearen Auslöschung verblasst ihr lebenslanger Kampf gegen die Machtstrukturen der sexuellen Gewalt und damit auch der prägendste Teil ihrer feministischen Identität.

Verschwörung USA , UK, Schweden, Deutschland, Kanada, 2018. Regie: Fede Alvarez; Buch: David Lagercrantz (Roman), Jay Basu, Fede Alvarez, Steven Knight; Darsteller: Claire Foy, Sverrir Gudnason, Lakeith Stanfield, Silvya Hoeks, u. a.; 115 Min., Farbe. FSK ab 16