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Berlinale-Wettbewerb: „A Tale of Three Sisters“ zeigt soziale Strukturen Anatoliens

Der Film „A Tale of Three Sisters“erhält von unserer Filmkritikerin vier von fünf Sternen. ★★★★ 

★ Totaler Flop
★★ Misslungen
★★★ Sehenswert
★★★★ Bären-Kandidat
★★★★★ Meisterwerk

+++

Der türkische Filmemacher Emin Alper hält nicht viel davon, sein Publikum bei der Hand zu nehmen. Nein, er pfeift vielmehr auf Exposition und wirft es mitten hinein in die Geschichte: in eine offenbar bereits seit längerem bestehende problematische Lage, die sich nunmehr zuspitzt.

Emin Alper porträtiert drei junge Mädchen

„A Tale of Three Sisters“ (Kiz Kardesler) beginnt mit einer Fahrt durch die Berge; gleich in einer der ersten Einstellungen scheint das Auto gegen eine Felswand zu steuern, doch dann öffnet sich der Horizont und über den Pass geht die Fahrt hinunter in ein Tal, in dem einige Gehöfte liegen und nicht mehr viele Menschen leben. Die Herbstsonne lässt die Landschaft golden erstrahlen, das Panorama, das vor einem liegt, ist von ungeheurer Schönheit, doch das Mädchen im Auto hat Tränen in den Augen.

Dass eine schöne Landschaft mit einem schönen Leben rein gar nichts zu tun hat, ist eine der beiläufigen Erkenntnisse, die Alpers Geschichte der drei Schwestern Reyhan, Nurhan und Havva vermittelt. Der offenbar verwitwete Vater hatte die drei als Hausmädchen in die Stadt geschickt, um ihre Chancen zu verbessern und damit sie zumindest Lesen und Schreiben lernen.

Doch die 20-jährige Reyhan kam alsbald schwanger zurück und wurde eilig mit dem Dorfhirten Veysel verheiratet. Nun kehren, aus unterschiedlichen Gründen, auch die 16-jährige Nurhan und die 13-jährige Havva zurück ins Dorf und zum Vater, der ob dieses Unglücks hadert und zetert. Was soll nun aus den Mädchen werden? Was tun?

Alper zeigt soziale Strukturen anhand einer Familie

Im Verlaufe eines Nachmittags, der Nacht und dem Morgen des folgenden Tages ergibt sich aus einer Reihe von Gesprächen, Auseinandersetzungen, rakibefeuerten Streitigkeiten und resultierenden tragischen Ereignissen ein vielschichtiges Bild der sozialen Strukturen in dieser abgelegenen Region in Anatolien. Nicht nur die familiären Beziehungen, auch die gesellschaftlichen Verhältnisse werden aufgefächert – und bei genauerer Betrachtung ergibt sich, dass die Macht und die Schuld nicht so ebenmäßig verteilt sind, wie zunächst angenommen.

„A Tale of Three Sisters“: Reyhan (Helin Kandemir) ist die älteste der drei Schwestern.

„A Tale of Three Sisters“: Reyhan (Helin Kandemir) ist die älteste der drei Schwestern.

Foto:

Liman Film, Komplizen Film, Circ

Der zweite Teil des Films handelt, wiederum zeitlich verdichtet, im Winter. Das Dorf ist eingeschneit, der Pass unpassierbar, die Wolken hängen tief – so, wie die Konturen sich in Schemen auflösen, lösen sich auch die entwickelten Konflikte auf, allerdings nicht in Wohlgefallen. Denn wie zu Beginn vertraut Alper auch am Ende auf die Bereitschaft des Publikums, seiner offenen Inszenierung zu folgen; der Vater hebt an, seinen drei Mädchen eine Geschichte zu erzählen.

Nach „Tepenin Ardi“, 2012 im Forum ausgezeichnet und „Abluka“, in Venedig mit dem Spezialpreis der Jury prämiert, ist „A Tale of Three Sisters“ der dritte Film des 1974 in Ermenek, Zentralanatolien, geborenen Alper. Und ein neuerlicher Beleg für die meisterliche Fähigkeit dieses Filmemachers zu Verdichtung, Zuspitzung und kraftvoller Bildgestaltung.