Ein Film im Film: Mehr Nabelschau als Portrait einer Künstlerin

Präsident Nasser liebte sie: die ägyptische Sängerin Oum Kulthum (Najia Skalli) .

Präsident Nasser liebte sie: die ägyptische Sängerin Oum Kulthum (Najia Skalli) .

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Razorfilmx

Bio-Pics sind ein schwieriges Genre. Um der Komplexität von Künstlern, dem Mythos einer Figur in einem zweistündigen Film gerecht zu werden, bedarf es viel Fingerspitzengefühls. Und selbst dann geht es oft schief. Um dieser Falle zu entkommen, hat sich die iranisch-amerikanische Regisseurin und Künstlerin Shirin Neshat in ihrem Film „Auf der Suche nach Oum Kulthum“ für ein im iranischen Kino beliebtes Sub-Genre entschieden: den Meta-Film. So verhandelt sie nicht nur die in Ägypten als Volksikone verehrte Sängerin Oum Kulthum, sondern es geht um eine fiktive iranische Regisseurin namens Mitra, die einen Film über die Sängerin dreht. Ein Film im Film also.

Oum Kulthum war ein Star in der arabischen Welt: Ihre Contralto-Stimme verzauberte Generationen, sie tut es bis heute. Mehr als vier Millionen Menschen kamen 1975 zu ihrer Beerdigung, sie wurde als „vierte Pyramide Ägyptens“ bezeichnet. Sie sang für König Faruq und für die High-Society Ägyptens. All dem trägt Shirin Neshat mit ihrem Film Rechnung, sowohl mit Archivmaterial als auch mit Bildern von Live-Auftritten. Aber eben auf Umwegen.

Deutsch-Iranerin als Protagonistin

Mitra, gespielt von der deutsch-iranischen Schauspielerin Neda Rahmanian, castet eine unsichere, aber kraftvoll singende Grundschullehrerin namens Ghada (Yasmin Raeis) für die Titelrolle. Die Dreharbeiten verlaufen alles andere als reibungslos. Sexistische Schauspieler versuchen ihr den künstlerischen Prozess zu diktieren, und dann verschwindet auch noch Mitras Sohn. Sie befindet sich in einer Schaffens- und Lebenskrise, die sich schließlich aber als produktiver Bruch erweist.

Wie schon bei „Women without men“, Shirin Neshats erstem Spielfilm, verwendet sie Elemente des Kunstfilms, mitunter wird es sphärisch, Geigen untermalen Mitras nächtliche Träume. Die Ästhetik des Films, die präzise und poetische Komposition der Bilder, korrespondiert mit Neshats Karriere als bildender Künstlerin: Seit den 90er-Jahren beschäftigt sie sich in Video-Installationen und in der Fotografie mit der Frau im islamischen Kontext.

Konservativ, patriarchalisch, dominant

Ihr aktueller Film wird zum Porträt mit mehrfachen Spiegelungen: Sowohl Oum Kulthum als auch Mitra, Ghada sowie die Regisseurin Neshat müssen sich in einer konservativen, von Männern dominierten Gesellschaft behaupten. Sie gehen ihren eigenen Weg, und nicht selten ist dieser von Einsamkeit und Zweifeln begleitet. Manchmal muss er ohne Rücksicht auf Verluste fortgesetzt werden. Genau das aber ist für Frauen noch schwerer, da sie immer wieder mit der Vereinbarkeit von Beruf und Familienleben konfrontiert werden.

Ihre Rollen als Mütter und Ehefrauen zu „vernachlässigen“ bleibt ein großes gesellschaftliches Tabu. Und dann sind da auch noch die alten weißen Männer, gegen die man sich wehren muss: die Produzenten, die Mitra erst belehren wollen und dann abspringen, als sie ihre eigene Vorstellung des Filmstoffs durchsetzen will. In dieser Hinsicht bearbeitet Neshats Film das hochaktuelle Problem der künstlerischen Produktion im Kontext prekärer Geschlechterverhältnisse. Der Sängerin Oum Kulthum erging es vor 60 Jahren sicherlich nicht anders.

„Auf der Suche nach Oum Kulthum“ will mehr sein als ein Porträt. Aber wenn der Abspann rollt, wünscht man sich, etwas mehr über die Ikone der ägyptischen Volkskunst erfahren zu haben. Und ein bisschen weniger ins Bild gesetztes Nachdenken darüber, was es heißt, als Frau einen Film zu machen. Obwohl auch das wichtig sein mag, hat es bisweilen den Anschein, als betreibe die berühmte Regisseurin Shirin Neshat eine Art Nabelschau.

Auf der Suche nach Oum Kulthum Marokko /Österreich/ Deutschland. 2017. Regie: Shirin Neshat, Darsteller: Neda Rahmanian, Yasmin Raeis, Kais Nashif u.a., Farbe, 90 Minuten, FSK: 0