Geschichte am Straßenrand: Das in Bronze gegossene Leid der Sinti und Roma

Eine Bronzeskulptur, die zwei Personen zeigt.

Nahaufnahme: Werner Stötzers Gedenk-Bronze „Zigeneuer von Marzahn" in der Bücherei, Marzahner Promenande 55. 

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Berliner Zeitung/Gerd Engelsmann

Jedem Zentimeter Metall, jeder Körperpartie der Gestalten ist es anzusehen – das in Bronze gegossene Leid. Da gibt es keine effektvolle Oberflächenmodellierung, keine harmonisierende Glätte, nur asketische Formenstrenge.

Der ostdeutsche Bildhauer Werner Stötzer (1931−2010), der seine Arbeiten immer als „Wegzeichen des Lebens“ verstanden hat, hinterließ das ähnliche Motiv auch mehrfach als versteinertes Leid. 

Gedenkserie von Plastiken und Skulpturen 

Mit Hammer und Meißel schlug er es heraus aus einem großen Brocken sächsischen oder auch bulgarischen Sandsteins. Der Akademie-Meister arbeitete sich über Jahre seines Schaffens an einer ungeheuerlichen Geschichte ab, die in der Nazizeit am Stadtrand von Berlin-Marzahn passiert war, aber über die man ungern sprach.

Ein Mann

Der Bildhauer Werner Stötzer (1931-2010) arbeitet in Stein und Bronze. 

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akg-images / Udo Hesse

Eine ganze Gedenkserie von Plastiken und Skulpturen entstand so. Und mit Absicht, gerade wegen der Schwere der Schuld rassistischer Menschenverachtung, benutzte der Künstler im Titel den politisch völlig unkorrekten Begriff vergangener Zeiten „Zigeuner von Marzahn“.

Denn die Nationalsozialisten nannten diese Leute, die meisten waren korrekt gemeldete Bürger von Berlin und teils protestantischer oder katholischer Konfession, nicht Sinti und Roma. Stattdessen machten sie Hetz-Propaganda mit dem Begriff „Zigeunerunwesen“.

Zwangslager in Marzahn

Es waren nur noch wenige Wochen bis zum Start der Olympischen Spiele 1936 in Berlin. Hitler und seine Spießgesellen wollten einerseits den Eindruck von Weltoffenheit und Toleranz vorspiegeln.

Aber gleichzeitig bekam die Berliner Polizei den Befehl, am sogenannten Landfahndungstag die „Zigeuner“ – in der Stadt, vor allem nahe dem Alexanderplatz, im Scheunenviertel, in Prenzlauer Berg und Wedding lebende Sinti und Roma – aus ihren Wohnungen zu holen oder sie mit ihren Wohnwagen abzuschleppen.

Sie wurden weitab, nach Marzahn, gleich neben den Rieselfeldern, zwischen Bahngleisen und einem Friedhof, ins Zwangslager gepfercht und später, im Krieg, in Vernichtungslager deportiert.

Die Olympischen Spiele waren vorbei, aber das Zwangslager blieb

An diese „Säuberung“ erinnerte in seinen Aufzeichnungen Otto Rosenberg (1927−2001), Auschwitz-Überlebender und später Vorsitzender des Berlin-Brandenburgischen Landesverbandes der Sinti und Roma.

Der damals Neunjährige schilderte, wie Preußische Schutzpolizisten mit bissigen Hunden das Lager bewachten. Für mehr als tausend Menschen gab es drei Wasserhähne und zwei Latrinen. Der Bau von Brunnen war wegen der Nähe der Rieselfelder und der damit verbundenen Verseuchung des Wassers nicht möglich. Die provisorische Schule war völlig überbelegt. Es gab nur einen einzigen Lehrer. Hunger, Krankheiten, Elend und Angst bestimmten den Alltag.

Die Olympischen Spiele waren vorbei, aber das Zwangslager blieb, die Insassen mussten in der Rüstungsindustrie, in Steinbrüchen, im Sandabbau schuften – und wer ab 1943 nicht deportiert wurde, musste Trümmer räumen, nachdem Bomben auf Berlin fielen. Die Bevölkerung schaute zum Großteil ungerührt zu, zu tief saßen das altüberlieferte Vorurteil und die Abneigung gegenüber dem „Fahrenden Volk“.

Ein Ort der Erinnerung

Heute, wo der originale Ort des Zwangslagers mit Marzahner Wohnblöcken überbaut ist, erinnern am Marzahner Otto-Rosenberg-Platz nahe dem S-Bahnhof Raoul-Wallenberg-Straße viele Informationstafeln, Stelen auf Sockeln gleichend, mit Text und historischen Fotos von den Lager-Insassen an das Verbrechen der Nationalsozialisten.

Schon zu DDR-Zeiten wurde ein naturbelassener Granit-Findling mit Inschrift zwischen Bäumen aufgestellt, wo alljährlich am 16. Juli, zum Gedenken an die Treibjagd auf Sinti und Roma, Blumen niedergelegt werden. Ein Pendant zu dieser Gedenkstätte im Osten der Stadt befindet sich seit 2012 im Tiergarten im Westen Berlins. 

Der 79-jährig verstorbene Werner Stötzer, den das Schicksal der Marzahner Lagerinsassen so sehr umtrieb, dass er über Jahre einen ganzen Zyklus schuf, konnte seinem israelischen Bildhauer- und AdK-Kollegen Dani Karavan, der zum Gedenken an 500.000 von den Nazis ermordeten Sinti und Roma eine wie von Tränen schimmernde schwarze Granitscheibe auf die Tiergarten-Wiese pflanzte, leider nicht mehr zur Einweihung gratulieren.

Es war Stötzer auch nicht vergönnt, dass einer seiner Michelangelo-haften Sandstein-Torsi der „Zigeuner“ an diesem Marzahner Ort, neben dem Findling und den Fototafeln, aufgestellt wurde, wo Sonne, Regen, Moos dem Stein ihre Spuren aufprägen würden.

Geschichtserfahrung in der Bücherei

Aber es ist gut und wichtig, dass seine unpathetische und doch alles Leid verinnerlichende Bronze aus der Serie in der Stadtbezirksbibliothek an der Marzahner Promenade 55 steht, vorher war sie lange im Rathaus Marzahn zu sehen.

Eine Bronzeskulptur, die zwei Personen zeigt. Im Hintergrund eine Bibliothek.

In der Marzahner Bezirksbibliothek „Mark Twain“ erzählt Stötzers Bronzepaar „Zigeuner von Marzahn" Besuchern allen Alters eine Leidensgeschichte, die sich unweit davon ab 1936 abspielte. 

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Gerd Engelsmann

In der Bücherei gehen tagtäglich viele Besucher aller Generationen an der Plastik vorbei. Wohl nur wenige wissen, dass es ganz in der Nähe, unter den modernen Wohnblöcken, einst dieses unsägliche Zwangslager gab. Aber sie könnten angesichts der Bronzegruppe diese dunkle Geschichte des Rassismus erfahren.

Und dann gehen sie hinüber zum Otto-Rosenberg-Platz, zu den Tafeln, auf denen zu lesen, zu sehen ist, was vor über 80 Jahren geschehen konnte. Und wobei ganz Berlin damals einfach nur zuschaute.

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