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Interview mit Stephan Wackwitz: „Kulturelle Dringlichkeit ist toll“

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Stephan Wackwitz

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Markus Wächter / Waechter

Wir treffen uns bereits ein paar Minuten vor unserer Verabredung in der Nähe des Oranienplatzes. Stephan Wackwitz hat noch ein paar Sonnenstrahlen des nun zu Ende gehenden langen Sommers genossen, ehe wir uns auf den Balkon seiner nahe gelegenen Wohnung zusammensetzen. Wackwitz kocht Kaffee in einer French Press, die er sich gerade für seinen neuen Haushalt gekauft hat. Obwohl er nie länger in Berlin gelebt hat, ist es für ihn doch eine Art Heimkehr.

Herr Wackwitz, Sie sind vor einigen Wochen nach fast drei Jahrzehnten als Institutsleiter für das Goethe-Institut in verschiedenen Ländern, die meisten in Osteuropa, nach Deutschland zurückgekehrt. Wie fühlt sich das an?

Das fühlt sich sehr positiv an. Deutschland ist ein tolles Land, finde ich. Schon in meiner Zeit in den USA war ich häufig konfrontiert mit dem überaus guten Image, das Deutschland, insbesondere Berlin, dort genoss. Ich wurde oft gefragt: Warum sind Sie eigentlich in New York, wenn Sie auch in Berlin sein könnten. Das war natürlich als Scherz gemeint, drückte aber auch eine hohe Sympathie und Anerkennung für Deutschland aus. Gleichzeitig aber fiel mir schon von Amerika aus auf, dass Deutschland in der veröffentlichten Meinung sehr zerrissen wirkte.

Und jetzt stelle ich fest, dass der Eindruck, den ich gewonnen habe, seit ich wieder hier bin, ein ganz anderer ist. Ich sehe ein sympathisches, interessantes und progressives Land. Und so wird es von außen auch meistens gesehen. In Ländern wie Georgien, wo ich längere Zeit war, sowieso. Aber es gilt eben auch für Länder, zu denen eher wir aufschauen, wie zum Beispiel die USA.

Worin drückt sich die Zerrissenheit aus, die sie in der Außenperspektive trotz alledem auch bemerkt haben?

Als beruflicher Auswanderer auf Zeit nimmt man die Heimat in erster Linie über die veröffentlichte Meinung auf Facebook oder Perlentaucher wahr, und da wirkt alles doch oft sehr übertrieben und hysterisch. Das galt natürlich besonders für die Zeit nach 2015. Da wurde man mit einer Schrillheit konfrontiert, vor der ich mich, wenn ich ehrlich bin, ein wenig gefürchtet habe, bevor ich zurückkam. Davon bemerke ich im Alltag nun aber gar nichts. Gerade in Kreuzberg, wo ich wohne, leben Menschen mit den verschiedensten Migrationshintergründen in einer geradezu newyorkerischen Entspanntheit und Freundlichkeit zusammen. Das ist sehr wohltuend und beruhigend.

Als Sie 1982 das erste Mal ins Ausland (nach London) gingen, waren Sie noch Marxist. Später sind Sie dann im Sinne des amerikanischen Philosophen Richard Rorty zu einem „pragmatist liberal“ geworden. Mussten Sie dafür zunächst ins Ausland gehen?

Ja, das ist seltsam. Als ich das erste Mal wegging, war ich auf der Flucht vor dem Neomarxismus, in den ich mich in den 70er-Jahren sehr verstrickt hatte und vor seiner sektiererischen Unbedingtheit. Als ich dann in den 90er-Jahren für fünf Jahre wieder hier war, schien mir das Land plötzlich ausgeglichener und freundlicher. Die Achtundsechziger stellten die Regierung und schienen alles real richtig zu machen, was sie zuvor sektiererisch bekämpft hatten. Das war meine Regierung!

Woraus bestand zuvor das Schrille?

Ich empfand es nach meiner orthodoxen marxistischen Zeit als sehr anstrengend, zu dieser Zeit als junger Mann in Deutschland zu sein. Mir hat vieles gefehlt damals. Eine gewisse Lässigkeit, der angelsächsische Pragmatismus, die Ironie, kurz gesagt: Eleganz. Ich empfand vor allem auch Stuttgart als sehr provinziell und wollte unbedingt raus.

Aber gesellschaftliche Zuspitzungen haben doch eher zugenommen, eine übertriebene Schärfe und eine gewisse Schrillheit sind in den politischen Debatten wie zuletzt jene über die Vorfälle in Chemnitz ja nicht zu leugnen.

Zuspitzungen sind okay. Michael Rutschky hat vor seinem Tod (im Interview mit der Berliner Zeitung, d.R.) darauf hingewiesen, dass Spaltung eine Gesellschaft auch voranbringt. Ich meine etwas anderes. Es gibt in Deutschland eine Art epistemologische Unsitte, nämlich die Gewohnheit, jede Aussage sofort ins Grundsätzliche hinein zu modulieren. Und sie dadurch apokalyptisch zu formatieren. Da wird dann die nationalsozialistische Apokalypse vor den Toren gesehen oder man sieht umgekehrt das goldene Zeitalter anbrechen mit „Menschen, die uns geschenkt werden“. Ich halte beide Positionen im Kern für unpolitisch.

Es sind eher Ausdrucksformen einer Art politischer Theologie. Und auch das hat etwas mit dem langen Marsch der Achtundsechziger durch die Institutionen zu tun, die ja auch immer vom nahen Zusammenbruch des Kapitalismus herumfantasiert haben. Amerika ist in dieser Hinsicht ganz anders, obwohl das Land ja auch eine prophetische Tradition hat, die Greil Marcus genial analysiert hat. Und der britische Pragmatismus ist ohnehin ganz anders gelagert. Und dadurch paradoxerweise auch sehr viel politischer.

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Über den Dächern von Kreuzberg … 

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Markus Wächter / Waechter

Was ist das Unpolitische daran?

Dass man reale Probleme auf eine Ebene verschiebt, auf der sie politisch nicht mehr realistisch bearbeitet werden können, zum Beispiel in Form von Einwanderungsgesetzen und dergleichen. Wenn der Weltuntergang bevorsteht, ist es überflüssig, noch neue LED-Lampen einzuschrauben.

Es gibt umgekehrt eine auffällige Tendenz der politischen Rundumversicherung. Wenn Angela Merkel zu diplomatischen Reisen in schwierige Länder aufbricht, muss sie in der Regel in vorauseilendem Gehorsam versprechen, dort auch die Menschenrechtsfrage anzusprechen. Sie waren zuletzt in Weißrussland. Kommt man dort mit solch einer Haltung wirklich weiter?

Weißrussland ist insofern überraschend, als man von der zweifellos immer noch schwierigen Menschenrechtslage im Alltag kaum etwas mitbekommt. Jeder Taxifahrer verflucht auf verschwenderische Weise den Präsidenten Lukaschenko, niemand nimmt dort ein Blatt vor den Mund, und insbesondere in der kulturellen Sphäre sind die Ventile in den letzten Jahren sehr weit aufgegangen. Wenn ich ehrlich bin, habe ich kaum einen Unterschied gesehen zwischen meiner Arbeit in Tblissi und in Minsk. Das ist eine Entwicklung, die man im Westen wenig zur Kenntnis nimmt. Hier hat sich ein Bild verfestigt, in dem Weißrussland das europäische Nordkorea ist, aber es sieht, wenn man durch Minsk geht, eher aus wie Berlin-Mitte.

Die Leute sind sehr selbstbewusst und überaus freundlich, klug und westorientiert. Dabei darf man sich natürlich nicht darüber hinwegtäuschen, dass es noch die Todesstrafe gibt und Menschen durch politische Gegnerschaft ihren Job verlieren können. Dennoch hatte ich den Eindruck, dass in Weißrussland ein Liberalisierungsprozess im Gange ist. Das ist zum Beispiel in Aserbaidschan ganz anders, wo man im Vergleich zu Minsk auch beobachten kann, wie eingeschüchtert die Menschen dort wirken. In Baku oder Gändschä achtet man mit Grund viel mehr darauf, was man auch im privaten Gespräch sagt.

Im Vergleich dazu herrscht in Minsk in der kulturellen Zivilgesellschaft eine fröhliche Graswurzelmentalität. Kulturelle Aktivisten nehmen die Dinge selber in die Hand, von unten, statt dass der autoritäre Staat, wie in Baku, mit viel Geld eine geleckte Museumslandschaft hinstellt.

Sie haben viele Jahre in den sogenannten Transformationsgesellschaften Osteuropas verbracht. Worin besteht, wenn sich das überhaupt in wenigen Sätzen sagen lässt, der Unterschied zwischen Ost und West?

In der sehr dynamischen Nachholsituation des Ostens. Wenn das erste Mal eine freie Marktwirtschaft, Staatlichkeit und Kultur aufgebaut wird, wenn Sie sich zum ersten Mal in einem freien Kunstmarkt bewegen, dann bekommt alles eine bestimmte Dringlichkeit, die ich als sehr inspirierend erlebt habe. Die Menschen gehen mit einer ganz anderen Abenteuerlust und Vitalität zu Werke als im Westen. Ich habe die kulturelle „urgency“, wie das der Fotografiehistoriker Ian Jeffrey nennt, in den östlichen Transformationsgesellschaften als sehr toll empfunden. Das war insbesondere auch im Umgang mit den Menschen zu erleben.

Sie waren kontaktfreudig, kreativ, hemdsärmelig und heiter. Am meisten hat mich das in der Zeit von 1999 bis 2005 in Krakau beeindruckt. Davon hat auch das Goethe-Institut profitiert. Wir sind damals überschwemmt worden mit Vorschlägen, Ideen und Projektanregungen. Ich bin manchmal durch das Institut gelaufen und wusste gar nicht, wer da an welchen entlegenen Schreibtischen an was arbeitet. Das war eine aufregende Zeit.

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 … und in seiner Berliner Kemenate.

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Markus Wächter / Waechter

Das ist bald 20 Jahre her. Ist dieser Prozess und diese Offenheit und Dynamik in Polen endgültig vorbei?

Die Dynamik hat sich auf jeden Fall verlangsamt. Ich glaube sogar sagen zu können, dass ich das heutige reaktionäre Polen, das sich aus ideologischen Bewegungen der 20er-Jahre speist, zu meiner Zeit dort bereits unterschwellig wahrgenommen habe. Aber ich hätte nie geglaubt, dass diese Kräfte einmal die Regierung stellen würden. Das war natürlich eine perspektivische Täuschung, der ich in der sehr westlich orientierten Krakauer Kulturszene aufgesessen bin.

Atmosphärisch unangenehm sind mir die Wochen nach dem Tod des Dichters Czesław Miłosz im Gedächtnis geblieben, das war 2004. Er sollte in der Gruft eines Klosters an der Weichsel beigesetzt werden, wo bereits einige kulturelle Nationalheroen beerdigt sind. Und plötzlich war die Stadt voller Menschen, die einem mit einem gewissen Flackern in den Augen Flugblätter in die Hand drückten und einem erklärten, dass Miłosz gar kein richtiger Pole sei, er habe durch seine Auswanderung in die USA das Land verraten, wahrscheinlich sei er Jude. Und so weiter.

Das war tatsächlich sehr irritierend und aus heutiger Sicht eben gar nicht so überraschend. Übrigens hat Johannes Paul II. höchst selbst damals diesen Spuk beendet und sich vor den toten Schriftsteller gestellt. Da war dann Schluss.

Der Schriftsteller und Journalist Wolfgang Büscher hat einmal die bemerkenswerte Beobachtung gemacht, dass er bei seinen Wanderungen nach Osten stets auf Menschen traf, für die der Osten immer jenseits von ihnen lag. Der Osten sind also immer die anderen. Ist Ihnen das auch widerfahren?

Ja, das bemerkt man sofort. Das hat natürlich mit der wirtschaftlichen Situation zu tun. Je weiter man nach Osten kommt, desto mehr stößt man auf arme Regionen. Aber es gibt auch Oasen der Westlichkeit, wie zum Beispiel Georgien oder Armenien. Und Baku sieht aus wie das 3. Arrondissement von Paris, das eine islamische Altstadt hat und am Meer liegt. Wer in Tblissi die Hotels, Clubs und Co-Working-Spaces sieht, die in den letzten Jahren entstanden sind, hat nicht die Anmutung einer vorderasiatischen Metropole, sondern von Berlin oder New York. Wobei man nicht übersehen darf, dass vor der Tür bittere Armut beginnt und auch die Stadtzerstörung in Tblissi eine große Rolle spielt. Aber vereinzelt wird dort auch sorgfältig und ästhetisch spektakulär schön restauriert und wiedererrichtet.

Und das Geld dazu kommt dann häufig von zurückgekehrten Auswanderern?

Einer der geschmackvollsten Investoren in Georgien hat sein Geld in Tblissi mit Spielcasinos verdient. Das ist ein Wirtschaftszweig, der insbesondere viel Geld aus Iran und der Türkei anzieht.

In allen Ländern, in denen Sie waren, haben Sie sich die Umgebung mit Spazierengehen erschlossen. Mehrere Ihrer Bücher zeugen davon. Ist das ein literarisches oder soziologisches Verfahren?

Vor allem ein gymnastisches. Ich bin wie ein großer Hund, ich brauche viel Auslauf. Und da trifft es sich gut, dass es eine reiche Tradition der Spaziergangsliteratur gibt, der ich dabei folgen kann. Oder eben auch der Spaziergangssoziologie, etwa die Chicago School, die soziologische Erkenntnisse durch Stadtwanderungen gewonnen hat. Ich bin von meinem Lehrer Michael Rutschky früh auf Robert E. Park hingewiesen worden und habe dann an meinen jeweiligen Dienstorten literarische Spazierengeherei praktiziert.

Durch die Langsamkeit der Bewegung sieht man mehr und das Gehen vermag auch in besonderer Weise die Psychogeographie der Städte aufzuschließen. Jede Straßenecke hat andere Vibes, die Menschen sprechen, kleiden und bewegen sich von Viertel zu Viertel unterschiedlich und das alles kann man beim Spazierengehen entdecken. Literarisch haben Surrealisten wie Aragon und Breton derlei Beobachtungen dann gleichsam mythologisiert. Spazierengehen als progressive Universalpoesie.

Unterscheiden Sie sich darin ganz bewusst vom Flaneur?

Das Wort Flaneur hat sich im Feuilleton irgendwann epidemisch ausgebreitet. Florian Illies, für dessen Berliner Seiten in der FAZ ich einige Texte geschrieben habe, sagte immer: „Bitte nicht das F-Wort verwenden.“ Aber im Grund bin ich literarisch schon so etwas Ähnliches.

Sie sind nun nach langer Abwesenheit nach Berlin gekommen. Warum Berlin?

Es ist die einzige deutsche Stadt, die ich genauer kenne. Viele Freunde und Verwandte sind hier. Ich hatte mich auch sehr darauf gefreut, mit Michael Rutschky und Kurt Scheel in Berlin zusammensein zu können. Beide sind leider in diesem Jahr gestorben, was im Persönlichen, aber auch für mein intellektuelles Koordinatensystem einen großen Verlust bedeutet.

Was hat der Schriftsteller Stephan Wackwitz nun vor?

Es ist zur Buchmesse eine erweiterte Neuauflage meines Buchs über Georgien herausgekommen. Aber manchmal scheint mir, ich habe mein literarisches Pulver bereits verschossen (lacht). Die Schreiberei war für mich immer auch eine Möglichkeit, mir meinen Bürojob ein wenig vom Leib zu halten. Es war für mich eine Art Rettung. Das fällt nun weg, seit ich Rentner bin. Dafür kommen jetzt, was mir sehr recht ist, mehr Anfragen nach journalistischen Texten. Solange ich im Beruf stand, habe ich mir immer ein Buchprojekt vorgenommen. Jetzt ist da aber keins. Ich habe das Gefühl, als Schriftsteller im Moment auch mal fröhlich die Klappe halten zu können. Aber wer weiß?