Komische Oper Berlin: Die Rückkehr von Cleopatra nach Berlin

Die Perlen der Cleopatra

Die Schauspieler Dagmar Manzel als Cleopatra und Dominik Köninger als römischer Offizier Silvius.

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Berlin -

Die Operettenstadt Berlin hat wahrhaft finstere Zeiten erlebt. In den 1990er Jahren gab es zwar mit dem Metropol-Theater noch ein Haus fürs Operettenrepertoire. Doch ohne jede Bissigkeit oder auch nur einen künstlerischen Impuls wurde es, zuletzt unter der Intendanz René Kollos, in den plüschenen Ruin gespielt: Mit nur treuherzig restaurativen Aufführungen war kein Staat zu machen. Für die Operette hätte es einer spezifischen Mischung aus Glamour und Frechheit bedurft. Das richtige Rezept hierzu war damals verlorengegangen – und das Publikum gleich mit.

Dagmar Manzel als Kraftzentrum

In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, stand das Metropol-Theater in hoher Blüte. Es spielte in seinem Gründungshaus an der Behrenstraße, wo Fritzi Massary Triumph auf Triumph feierte. Und just hier erlebt das Operetten-Berlin seit einigen Jahren seine Wiederauferstehung. Seit Barrie Kosky in der Komischen Oper, im Nachfolgebau des damaligen Metropol-Theaters, stimmt die Mischung wieder: Hoch- und Subkultur, rauschhafter Glitter und ironische Pose treffen glücklich aufeinander.

Als Fritzi Massary 1924 in Oscar Straus’ „Die Perlen der Cleopatra“ auftrat, verdoppelte das Metropol die Eintrittspreise und blieb trotzdem monatelang ausverkauft. Man wird der Komischen Oper nun nicht empfehlen wollen, die Eintrittspreise zu erhöhen – das ausverkaufte Haus aber kann man ihr für Barrie Koskys Neuproduktion der „Cleopatra“ schon einmal gefahrlos prophezeien.

Barrie Kosky hat zwar keine Fritzi Massary, aber er hat Dagmar Manzel. Und was er an ihr hat, das weiß er sehr gut, weswegen er auch mitten im Premierenjubel vor ihr auf alle Viere fallen und ihr die Schleppe küssen darf. Denn ohne ein schauspielerisches Kraftzentrum wie Dagmar Manzel wäre ein dramaturgisches Nichts, wie es die „Perlen der Cleopatra“ letztlich sind, auch mit allem Revue-Aufwand der Welt nicht zu retten.

Dagmar Manzel versucht erst gar nicht, Fritzi Massary zu imitieren. Auch ihre Cleopatra ist eine kapriziöse Lebedame, aber sie ist noch vieles andere mehr. In „Eine Frau, die weiß, was sie will“, einer anderen Erfolgsproduktion der Komischen Oper, verkörpert Dagmar Manzel aufs Herrlichste chargierend eine Vielzahl von Rollen – nun ist sie in dieser Vielzahl ihrer Register eine einzige Person: mal verzogenes Mädchen, mal Femme fatale, mal Luxusweibchen – und nicht zuletzt: ordinäre Kodderschnauze.

Mit einem rotzigen „Hier binn’ick“ entsteigt sie zu Beginn einer Pharaonenkiste, und wenn sie von „Mülch“ und „Butta“ daherberlinert, meint man, eine zweite Claire Waldoff habe den ägyptischen Thron bestiegen. Das Multiple dieser famosen Cleopatra unterstreicht ein grandios alberner Einfall: Für ihre haltlos plappernden Selbstgespräche führt Dagmar Manzel nämlich das Orakel „Ingeborg“ mit sich, einen Silberhandschuh mit Katzenkopf, der eine gehässige Replik nach der anderen hervorfaucht.

Diese Vielgestaltige darf nun dank der Kraft ihrer Liebesperlen ein paar männliche Popanze verführen, die ihr wohl auch ohne Liebesperlen verfallen gewesen wären – der letzte unter ihnen ist der große römische Feldherr Marc Anton (Peter Renz), der längst vom Shakespeare’schen Helden zum besoffenen Volldeppen herabgesunken ist. Wie gesagt, die Geschichte des Stücks tendiert gegen Null. Was nicht viel macht, denn um Dagmar Manzel herum tobt prallstes Operetten-Leben.

Die Bühne von Rufus Didwiszus ist ein schwarz-weißer Art-Deco-Kulissentraum, vor dem die grellbunten Kostüme von Vicoria Behr (die von Kosky ausgeliehene Stammkostümbildnerin von Herbert Fritsch) in schönster Ägyptomanie leuchten können – und noch jede einzelne, individuell gestaltete Choristen-Robe ist eine Augenweide für sich. Und wenn das von Otto Pichler frivol angeleitete Tanzensemble nackte Oberkörper in orientalisches Schlängeln versetzt, um im nächsten Moment den Schalter auf Josephine Baker’sche Federboa-Ekstasen umzulegen, dann wähnt man sich dem Revue-Geist der 1920er ganz nahe. Adam Benzwi hat der Straus“schen Operette dazu ein gänzlich neues instrumentales Gewand verpasst, das den seinerzeitigen Witz höchst temporeich, rhythmisch aufgehübscht und auf kleineres Ensemble reduziert ins Heute bringt.

Blütenregen und Liebesduett

Keine Frage, diese „Perlen der Cleopatra“ sind die ganz große Show, vom anfänglichen Blütenregen, der überm Publikum herniedersinkt, bis zum bescheuert-anzüglichen Liebesduett der niedergeworfenen Herrscherin mit Marc Anton („Anton, steck den Degen ein“). Ein kleiner Schmerz aber bleibt. Denn aus der Idee, in Cleopatra eine unerhörte Machtfülle mit einem unrichtigen Subjekt zu verbinden, mit einem Proletenmädchen, einem Dornröschen aus’m Wedding gewissermaßen, folgt hier – nichts. Kosky und Dagmar Manzel lassen Cleopatra lieber viele Frauen in einem sein, als sich um irgendeine dramaturgische Konsequenz zu scheren. Das ist zugegebenermaßen hinreißend, hochkomisch und hochvirtuos. Vielleicht aber hätte so eine Operette sogar noch etwas mehr sein können: aktuell.