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„No War No Vietnam“: Die Begegnung von Antikriegs-Positionen und vietnamesischer Kunst

Nguyen-Manh-Hung

Kriegskind: „Little Hero“ von Nguyen Manh Hung. 

Foto:

© Nguyen Manh Hung, 2004

„No War No Vietnam“ lautet der provozierende Titel dieser Ausstellung. Aber es stimmt ja. Ohne diesen Krieg wäre Vietnam heute womöglich so zweigeteilt wie Nord-und Südkorea. Es wäre jedenfalls ein anderes Land. Der Vietnam-Krieg war aber nicht nur für Vietnam identitätsstiftend, sondern auch für die 68er-Bewegung. Unter anderem, weil er die Möglichkeit bot, durch die Auseinandersetzung mit diesem Krieg den der eigenen Väter zu verarbeiten.

Auch wurden erstmals Kriegsbilder ins Wohnzimmer übertragen, kein Wunder also, dass sich der Diskurs internationalisierte. Vielleicht war es auch andersherum, und die Studentenbewegung wollte durch die Teilnahme an diesem Diskurs ihre Internationalität unter Beweis stellen.

Arbeiten per E-Mail

Wenn man die Ausstellung in der Moabiter Galerie Nord besucht, erscheint einem die Idee, die ihr zugrunde liegt, jedenfalls frappierend naheliegend. Und doch kommen hier zum allerersten Mal künstlerische Positionen der 60er-Jahre und aktuelle Kunst aus Vietnam und aus der vietnamesischen Diaspora zusammen, und das in höchst anregender und auch aufwühlender Weise.

Dinh-Q.-Le

„Es tut uns leid, dass Sie noch nicht über uns hinweg sind. Kommen Sie zurück nach Vietnam um abzuschließen“ Ironie im Gewand von Touristenwerbung.

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© Ðinh Q. Lê, 2005

Vielleicht konnte nur jemand wie Veronika Radulovic auf diesen Gedanken kommen, die von 1994 bis 2003 als erste Deutsche an der Kunsthochschule in Hanoi gelehrt hat. Sie kennt die Kunstszene dort so gut wie die deutsche. Sie hat die Ausstellung zusammen mit Veronika Witte, der Leiterin des Kunstvereins Tiergarten, und der Kunsthistorikerin Do Tuong Linh aus Hanoi kuratiert, mit einem Budget, das nicht der Rede wert ist. Die Arbeiten aus Vietnam kamen per E-Mail. Ohne die Künstler.

Krieg mit Bildikonen

Eine Arbeit von Radulovic selbst ist schon von der Turmstraße aus zu sehen. Sie hat Jürgen Holtfreters Fotomontage von 1970 aus einem der berühmtesten Fotos in den USA aus dem Zweiten Weltkrieg mit einem vietnamesischen Werbeplakat für Coca-Cola aus dem Jahr 1996 kombiniert. Das Foto, das Holtfreter benutzt, zeigt, wie US-Soldaten im Februar 1945 auf der japanischen Insel Iwo Jima die amerikanische Flagge hissen. Er hat sie durch eine Coca-Cola-Flagge ersetzt, das Symbol der US-Konsumkultur, Radulovics Montage ironisiert die Ironisierung.

Günter Zint - John Lennon (1)

Günter Zint fotografierte John Lennon während der Dreharbeiten für den Antikriegsfilm„How I won the war“. 

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Günter Zint

Das Werk ist beispielhaft für das Ideologie- und Zitategespinst, das zahlreiche Arbeiten auszeichnet. Dieser Krieg hat Bildikonen hervorgebracht, das von dem bei einem Napalm-Angriff verletzten fliehenden Mädchens etwa, das einem hier schemenhaft als Teil von Ernst Vollands Serie „Eingebrannte Bilder“ entgegentritt. Gleichzeitig war er Teil und Ausdruck des Kalten Kriegs. Es gab in Deutschland also nicht nur die West-68er, es gab auch die DDR, die den Chemnitzer Thomas Billhardt in diesen Krieg schickte.

„Nicht löschbares Feuer“

Er sollte Bilder machen, die in der DDR Solidarität erweckten, die Vietnamesen aber wollten Helden sehen. Neben seinem „Piloten im Pyjama“ (Hanoi, 1967) hängt eine Arbeit der 1987 geborenen Künstlerin Sung Tiêu, die sich mit 2017 entstandenen fiktiven Zeitungsartikeln mit dem Krieg auseinandersetzt, etwa den Geistertonbändern mit unheimlichen Geräuschen und Stimmen, mit deren Hilfe die US-Armee nordvietnamesische Soldaten zu demoralisieren versuchte. Sung Tiêu kam als Kind Anfang der 90er-Jahre nach Deutschland, wuchs in Hohenschönhausen auf.

Jürgen Holtfreter 1969

Für seine Montage nutzte der Berliner Jürgen Holtfreter eine Fotoikone aus dem Zweiten Weltkrieg.

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Jürgen Holtfreter

Die deutschen Arbeiten aus den 60er- und 70er-Jahren sind meist Mittel zum Kampf, politische Kunst, Agitprop. Herausragend die von den Kuratorinnen im Archiv der Akademie der Künste entdeckte Plakat von John Heartfield. Oder die Videoarbeit von Harun Farocki, der in „Nicht löschbares Feuer“ eine Zigarette auf seinem Arm ausdrückt, um zu erklären, das diese bei 500 Grad brennt, Napalm aber bei 3000.

„Verletzungen – Verbindungen“

Die vietnamesischen Arbeiten sind subtiler. Touristenkitsch denkt man erst einmal angesichts der kleinen Skulptur von Dinh Q. Lê, eine Seerose, auf der ein Kind schläft. Doch es ist missgebildet, hat zwei Köpfe. Der Vietnamkrieg, bei dem das Entlaubungsmittel Agent Orange eingesetzt wurde, setzt sich in den Genen fort.

Nicht alle deutschen Künstler verloren das Interesse an Vietnam, als der Krieg zu Ende war. Günther Uecker etwa folgte im Jahr 2000 Veronika Radulovics Einladung nach Hanoi und schuf dort eine Skulptur aus angespitzten Pfählen, wie sie die Nordvietnamesen in Fallen für US-Soldaten benutzten. Ihr Titel könnte über dieser Ausstellung stehen: „Verletzungen – Verbindungen“.