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Micha Ullman an der AdK: Jeder Mensch ist wie ein einzelnes Sandkorn

Erweist sich abermals als minimalistischer Philosoph: der israelische Bildhauer Micha Ullman, Sohn jüdischer Eltern aus Thüringen vor „Sandzeichnungen“ in der AdK.

Erweist sich abermals als minimalistischer Philosoph: der israelische Bildhauer Micha Ullman, Sohn jüdischer Eltern aus Thüringen vor „Sandzeichnungen“ in der AdK.

Foto:

Paulus Ponizak

Der Bebelplatz am Sonntag. Dicht an der Glasscheibe der „Unterirdischen Bibliothek“, dem Mahnmal, das an die Bücherverbrennung durch die Nazis 1933 erinnert, stehen junge Musiker, ein Geiger, ein Cellist, ein Bläser. Die Töne wehen in zarten Fetzen herüber zu den vielen Passanten und Radfahrern Unter den Linden, die auf die ersten Läufer vom Halbmarathon warten oder zum Brandenburger Tor strömen.

Dort, am Pariser Platz, in einem der nach dreijähriger Sanierung soeben wiedereröffneten Ausstellungssäle der Akademie der Künste, steht der Israeli Micha Ullman vor einem gläsernen Tischchen auf rostig-eisernen Beinen. Er ist der Künstler, der 1995 die eindringlich leere, versunkene Bibliothek ins Pflaster des Bebelplatzes eingebaut, ja, eingepflanzt hat – als unverdrängbare Erinnerung an das, was geschah. Was nie wieder geschehen darf.

Still beobachtet der aus Ramat Hasharon nahe Tel Aviv Angereiste die Leute, die sich über das Tischchen beugen. Ein Lupenglas auf der Glasplatte bringt einem den philosophischen, universalen , auch poetischen Ansatz in der Arbeit dieses mit reduziertesten Mitteln arbeitenden Minimalisten ganz nahe: Ein winziges rotes Sandkorn wird unter dem optischen Glas zur Makrostruktur.

Die Sandkörner stehen für Zahllosigkeit und Eigenheit

Der Winzling vom Mittelmeerstrand des politisch und religiös zerrissenen, zerstrittenen „Gelobten Landes“ nimmt sich unter der Lupe aus wie ein braungoldener Bernstein, besteht indes aus Quarz und Eisen, das an der Luft oxidiert und dem Sand dieses intensive Rostrot gibt. Hamra-Sand (hamra heißt auf Arabisch rot) vom Boden unweit Tel Avivs ist seit einem halben Jahrhundert Ullmans Material für seine Kunst aus Erdstoff und Farbe, die nichts erzählt und doch, inmitten großer Leere, eine eindringliche Botschaft hat.

Per Lupenglas kann sich  in einem Sandkorn das Universum offenbaren.

Per Lupenglas kann sich  in einem Sandkorn das Universum offenbaren.

Foto:

Paulus Ponizak

Installation um Installation sendet der fast 78-Jährige diese hinein in die schier endlose Krisensituation zwischen Israelis und Palästinensern, die immer wieder zerschlagene Hoffnung auf Frieden und die einst im Osloer Vertrag vor aller Welt versprochene, faire Zweistaatlichkeit. Im Alten Testament, beim Schriftpropheten Jesaja, heißt es: „... für den Herrn sind die Völker wie ein Tropfen am Eimer oder ein Stäubchen auf der Waagschale; der ganze Erdkreis wiegt für ihn nicht mehr als ein Sandkorn.“ 

Darauf bezieht Ullman sich – führt uns indes ein auserwähltes, ein einzelnes, ein individualisiertes Sandkorn vor Augen. Sein Sandkorn im Lupenglas steht für Zahllosigkeit und doch auch die jeweilige Eigenheit solcher Gebilde. Der Bildhauer, dessen Eltern nach 1933 vor den Nazis aus Thüringen nach Palästina flohen, ermuntert uns, die Welt und deren Menschen in einem Sandkorn zu sehen: Unendlichkeit in optischer Vergrößerung, Ewigkeit in einer Sekunde. Unter der Lupe zeigt sich bei jedem roten Kristall die eigene Struktur. Man wird keine zwei identischen Sandkörner oder Menschen finden.

Eine Metapher für Israels zugespitzte Situation

Und so erinnert Ullmans Arbeit „Bis zum letzten Sandkorn“, worin sich die Weltpolitik bricht, an jenen Ausspruch des ägyptischen Präsidenten Sadat, der 1973 vor dem Jom-Kippur-Krieg drohte, er werde den 1967 von Israel besetzten Sinai „bis zum letzten Sandkorn“ zurückerobern. Doch nach seiner Niederlage kam es zur Befriedung. Sadat sprach gar vor der Knesseth. Und Israel gab den Sinai friedlich zurück. 1981 aber wurde der einsichtig-mutige Politiker Sadat ermordet. So wie 1995 auch Israels Ministerpräsident Jitzchak Rabin nach der Annäherung an die Palästinenser. Extremismus da wie dort.

Ullman nimmt dies als Metapher, auch für die abermals aggressive politische, durch die unselige Siedlungspolitik zugespitzte Situation in seinem Land, die im Nahen Osten, für den wachsenden Nationalismus in der Welt. Sein so simpler wie komplexer Minimalismus ist Zeichen für die vertrackte, im 20. Jahrhundert katastrophal ausgegangene, seither kaum geglückte, eher „im Sande verlaufene“ Beziehung zwischen Christen, Juden, Moslems.

Darüber sprach am Sonntag vor den ehrwürdigen AdK-Mitgliedern und viel Publikum auch der israelische Historiker Moshe Zimmermann, und Ullman rief wie einen zuversichtlichen Weckruf in die in der Frühlingswärme schon recht ermüdete Zuhörerrunde: „Zum Glück bin ich also in Israel nicht der Einzige, der so denkt.“