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„Kaffee und Zigaretten“: Ferdinand von Schirachs neues Buch ist ohne Schärfe

Ferdinand von Schirach übt sich in der Kunst, Dinge nebeneinander zu stellen.

Ferdinand von Schirach übt sich in der Kunst, Dinge nebeneinander zu stellen.

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Michael Mann

Es gibt nichts Abschreckenderes als Klappentexte. Wenn einer zum Beispiel sagt, die englische Tageszeitung The Independent vergleiche den Autor mit Kafka und Kleist, dann wäre das ein guter Grund, das Buch in die Ecke zu werfen. Dummheit hat einen unwiderstehlichen Hang zur Anmaßung. Das weiß jeder aus seiner eigenen Jugend. Aber in die Jahre gekommen, möchte man sich dem doch nicht mehr aussetzen.

„Kaffee und Zigaretten“: Mal Dialog, mal kleine Beobachtung

Aber, was kann der Autor für den Klappentext? Es gehört zu den Selbstverständlichkeiten unseres Lebens, dass uns Leute erzählen, was für uns richtig ist, die uns nicht kennen. Das gilt auch für Autoren. Marketing-Fachleute schreiben die Klappentexte. Sie leeren erst einmal den eigenen Verstand, um den Mund möglichst voll nehmen zu können. Das ist ihr Beruf. Also lesen wir doch das neue Buch von Ferdinand von Schirach. Er ist Strafverteidiger und einer der erfolgreichsten deutschen Schriftsteller. Mit Kafka und Kleist hat er nichts zu tun. Seine Erzählungen und Romane erzielen Millionenauflagen. „Sein Theaterstück ,Terror‘ zählt zu den weltweit erfolgreichsten Dramen unserer Zeit.“ Wieder Klappentextprosa. Welche Jahre sollen das sein: „unsere Zeit“?

Sein neues Buch „Kaffee und Zigaretten“ versammelt auf 185 Seiten 48 Texte. Sehr unterschiedliche Stücke. Mal ein Dialog von 37, mal eine kleine Beobachtung von acht Zeilen. Das richtige Buch für die S-Bahn. Kein Zusammenhang, den man sich merken muss. Meist eine kleine Pointe. Oft auch eine Moral oder doch das, was man sich bereits dachte. Glossen, Feuilletons. Freundlich, ohne Schärfe. In einem größeren Stück spricht der Autor über seinen Großvater Baldur von Schirach, der für die Deportation der Wiener Juden in die Vernichtungslager zuständig war. „Vielleicht“, schreibt Ferdinand von Schirach, „bin auch ich aus Wut und Scham über seine Sätze und Taten der geworden, der ich bin.“

Der Leser muss sich selbst einen Reim auf Schirachs Zusammenhänge machen

Das „Vielleicht“ ist der Kammerton der Schirachschen Prosa. Man versteht das gut, angesichts so viel mörderischer Selbstgewissheit in Gestalt des weltberüchtigten Großvaters. Aber gehört zu unserer Geschichte nicht auch das, gegen das wir uns wehren? Wie viel steckt davon noch in uns? Das Schreckbild des Großvaters gibt uns einen Kick ins Freie. Aber wir tragen ihn immer noch in uns. Darüber schreibt der Enkel nichts. Ich glaube nicht, dass er es nicht weiß. Zur Kunst dieses „außergewöhnlichen Stilisten“, so die New York Times, gehört es, dass er die Dinge nicht kompliziert. Das ist „vielleicht“ das Geheimnis seines Erfolges. Es gibt seinen Texten auch etwas Müdes, eine aus gar zu großer Umweltverträglichkeit herrührende Langeweile.

Im selben Stück schreibt Schirach auch: „Nach Angaben der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Berlin wurden im Jahr 2017 in der deutschen Hauptstadt 947 antisemitische Vorfälle erfasst, 60 Prozent mehr als im Vorjahr.“ Das gehört zu uns wie der Dialog zweier alter, der Demenz entgegendämmernder Männer. Ich mag, dass all das und noch viel mehr hier nebeneinander steht, dass keine Geschichte, auch keine Erzählung einen Zusammenhang stiftet, sondern dass die Leser sich selbst einen Reim darauf machen. Auch darauf, dass sie so gut wie keine Rolle spielt in diesen Texten, dass auch das Begehren aus der Welt dieser Seiten fast ganz getilgt scheint.

Schreiben ist eine hohe Kunst

Nein, das mag ich nicht mehr. Die Lakonie, so schön sie ist, wenn sie glückt, sie ist asexuell. Die Kunst, die Dinge nebeneinander zu stellen, ist die Kunst, sie nicht miteinander zu verschmelzen. Der Abstand, den wir brauchen, wird leicht zu dem, an dem wir sterben. Nichts davon bei Schirach. Wirklich nichts davon? Führt er uns nicht genau das vor? In jeder noch so winzigen Geschichte? In der Art wie er schreibt? Führt er es uns nicht darum besonders gut vor, weil er nicht der Arrangeur dieser Konstellation ist, sondern selber das Ausstellungsstück?

Ich sollte noch einmal zurückgehen und seine Erzählungen lesen, seine Romane und statt auf die stets etwas aufdringlich vorgetragene Moral zu achten, ihre Temperatur nehmen. In der Kälte die Angst spüren vor einer den Erzähler überwältigenden Hitzewelle der Emotion. Ich weiß es nicht. Mir kamen die Sachen immer abstoßend durchsichtig konstruiert vor. Ich dachte mir das als Vorwurf. Möglicherweise stimmt es. Aber es wäre blöd, es als Vorwurf zu nehmen, wenn es der einzige Weg wäre, in dem dieser Mann sich äußern, also sein Inneres nach außen schütten könnte. Schreiben ist eine hohe Kunst. Lesen scheint auch nicht ganz einfach.

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Ferdinand von Schirach: "Kaffee und Zigaretten" Luchterhand, 192 Seiten, 20 Euro.

Donnerstag um 20 Uhr liest Ferdinand von Schirach im Berliner Ensemble, Bertolt-Brecht-Platz 1.