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Neues Bauhaus-Museum in Dessau: Eine Glaskiste mit dramatischer Konstruktion

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Das neue Bauhaus-Museum von Addenda Architects in Dessau.

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Es war ein Riesenskandal, als 2013 Stefan Dorgerloh, damals Kulturminister von Sachsen-Anhalt, beschloss, den Direktor der Bauhaus-Stiftung nicht mehr zu beschäftigen. Klarer Grund: Oswalt hatte ziemlich insubordinativ dagegen Front gemacht, das neue Bauhaus-Museum im Stadtzentrum von Dessau zu errichten. Er wollte lieber – und hatte dabei die meisten Museumsfachleute und seinen wissenschaftlichen Beitrat hinter sich – ein Museum in direkter Umgebung der historischen Bauhausbauten errichten.

Die Stadt dagegen und der Minister wünschten einen Neubau am Stadtpark. Er sollte den stetig wachsenden Bauhaus-Tourismus von   jenseits der Eisenbahntrasse in die Innenstadt ziehen. Stadt und Minister setzten sich durch, Oswalt musste gehen, eine neue Direktorin, Claudia Perrren wurde berufen. 2014 fand der Wettbewerb statt, den das spanisch-katalanische Büro Addenda gewann. Am Sonntag wurde mit großem Staatsakt und Volksfest das neue Bauhaus-Museum von Bundeskanzlerin Angela Merkel eingeweiht.

Land und Bund teilen sich die Kosten für das neue Bauhaus-Museum

Rund 28 Millionen Euro hat es gekostet, je zur Hälfte getragen vom Land Sachsen-Anhalt und vom Bund. Eine coole Glaskiste steht nun am Stadtpark, je nach Sonnen- und Wolkenstand spiegelnd oder fast durchsichtig. Man ahnt, dass innen eine große Halle locken kann, 18 Türen sollen sie zur Stadt und zum Park hin öffnen. 100 Meter lang 18 Meter breit, elf Meter hoch ist der Bau. Auf den ersten Blick sieht das aus wie eine sorgfältig restaurierte Industriehalle der Nachkriegszeit. Oder wie eine  jener hocheleganten Büro- und Fabrikationshallen, die Eero Saarinen in den USA oder Arne Jacobsen in Dänemark planten. Zumal der breite, gesandete Vorplatz angemessener Abstandhalter zur gegenüber liegenden Shoppingmall ist, ein möglicher Versammlungs- und Aufführungsplatz.

Kein Geld für Photovoltaik

Die eigentliche Chance dieser Glaskiste aber konnten die Architekten, wie Roberto Gonzales im Gespräch mit der Berliner Zeitung bedauerte, nicht ergreifen: sie nämlich zu einem Kraftwerk zu machen, die einfallende Sonne  nicht nur abzuwehren und  Hitze mit Klappfenstern hinauszuführen, sondern als Energiequelle zu nutzen. Das Gründach ist letztlich eine Notlösung, Geld für eine Photovoltaikanlage wollten Land und Bund nicht nachschießen. Ein kurzsichtiger Geiz, wurde so doch das neue Bauhaus-Museum trotz seiner sparsamen Konstruktion im Energetischen zum Monument einer alten Zeit.

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Nachbildung der Figuren des Triadischen Balletts von Oskar Schlemmer im neuen Bauhaus-Museum

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Der Architekt verglich seinen Entwurf im Deutschlandfunk Kultur mit einer luftigen, offenen, auch schattigen Markthalle im Süden. Diese sei auch ein soziales Modell des heiteren Zusammenkommens. Ein anderer Vergleich, den Roberto Gonzales zog, war der zum hinreißend eleganten, luftigen Barcelona-Pavillon, den Ludwig Mies van der Rohe 1929 zusammen mit seiner Partnerin Lilly Reich für die Weltausstellung entwarf. In durchaus rauen Dessau wird man sehen müssen, wie gerade diese von den Architekten und den Museumskuratoren ersehnte soziale Dimension des Bauhaus-Museums angenommen wird. Allerdings haben sich viele Dessauer schon in den vergangenen Tagen wortwörtlich die Nasen platt gedrückt an den Fensterwänden.

Bauhaus-Museum: Dramatische Konstruktion

Von außen kann man nämlich nicht ahnen, dass sich in dieser Glaskiste eine durchaus dramatische Konstruktion verbirgt: Das Obergeschoss steht gleich einer gewaltigen Brücke auf nur zwei Treppentürmen frei in der Glaskiste. Der Raum unter diesem eigentlichen Ausstellungsriegel ist die weite Halle, die zwischen Park und Stadt vermitteln soll, in der inzwischen ein steiler Theatersitzaufbau aus Holz aufgerichtet wurde, um Debattenatmosphäre zu schaffen.

Automatisch funktionierende Vorhänge

Solche Hallen pflegen nun aber schnell warm und schwül zu werden, sobald die Sonne auf die Glaswände scheint. Ein Problem, das Addenda Architects mit low tech zu lösen versuchen: Die Fensterwände sind dreifach verglast. Die äußerte Schicht, um den Sonneneinfall zu reduzieren und trotzdem das Licht voll strahlen zu lassen, wurde zu dreißig Prozent mit gedruckten Punkten verschattet, ein dichter Vorhang zieht sich automatisch zu, wenn die Sensoren zu große Hitze und zu viel Lichteinfall melden. Warm dürfte es aber dennoch an etlichen Tagen werden. Um die Halle trotzdem für Sonderausstellungen nutzen zu können, wurde eine zuschaltbare Klimaanlage eingebaut, die punktgenau einzelne Bereiche klimatisiert, etwa vergleichbar mit den Klimaschleusen in großen Geschäften und Malls. 

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Schalen von Marianne Brandt im neuen Bauhaus-Museum in Dessau

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Die Halle soll tagsüber offen für das städtische Publikum sein, mit Sitzplätzen, Veranstaltungen, einem Cafe. Erst der monumentale, hochrechteckige Eingang in die Treppentürme führt in das eigentliche Museum im Obergeschoss, das in drei Abschnitte gegliedert ist: In einem Vorraum sind die Objekte auf einer Art Gestell montiert, das mit textilen Wänden versehen wurde. Das wirkt transparent, weich, die Kernfragen der Moderne – kann der Mensch geformt werden, welche Auswirkungen hat das neue Sehen auf unsere Wahrnehmung von Schrift, Licht und Farbe, welche Bedeutung hat die Geschlechterfrage – werden hier mit erstklassigen Kunstwerken eingeleitet. Dann folgt der Hauptsaal, in der Mitte gegliedert durch ein schier unendlich langes, orangenes Fabrikregal. Das Bauhaus als Fabrik, als Schule, als Lebensweg zeigt sich hier, geschöpft aus den reichen, seit 1976 systematisch zusammen getragenen Archiven und Nachlasssammlungen. Die neue Küche mit ihren radikal durchrationalisierten Arbeitswegen, das Standardmöbel für die Arbeitersiedlung in Dessau-Törten – viel zu teuer für die avisierte Kundschaft, aber hochelegant – Porzellane und Keramiken, Silberarbeiten und Wandteppiche – es ist eine schiere Lust, hier in diesem Saal zu wandeln, zu entdecken. Eine Kollegin sagte: „Man möchte gleich den Zeichenstift zücken, möchte mitmachen beim Lernen im Bauhaus.“

Problematische Beziehung der DDR zur Moderne

Im letzten Teil wird die höchst problematische Beziehung der DDR zur deutschen Moderne gezeigt, mit den verzweifelten Versuchen einiger Intellektueller in Dessau, das Erbe des Bauhauses nach 1945 wieder zu beleben, dem Abbruch dieser Versuche durch die stalinistische Staatsmacht seit 1949, dem langsamen Wiederaufleben der Erinnerung in den 1960er-Jahren, der glanzvollen Rehabilitierung des Bauhauses 1976. Sicher, nur für die Kenner der Bauhausgeschichte werden die politischen Untiefen der deutschen Moderne  in dieser doch sehr diskrekten Inszenierung erkennbar. Aber das passt   zum   Charakter einer Studiensammlung, die Zeit fordert. 

Wenig Geld für die Provinz

Vor kaum einem halben Jahr wurde in Weimar das andere deutsche Bauhaus-Museum eingeweiht, das Bauhaus-Archiv in Berlin steht noch in der Baugruben-Phase. Der Vergleich des Dessauer Projekts von Addenda Architects mit dem Weimarer Bau von Heike Hanada ist zwingend. Beide kosteten 28 Millionen Euro, wurden mit 14 Millionen Euro vom Bund gefördert. Ein Skandal eigener Art übrigens – der Bund streckt der Stiftung Preußischer Kulturbesitz wortwörtlich hunderte Millionen Baugelder zu, ließ auch sein ebenfalls am Wochenende eröffnetes Futurium mit 60 Millionen Euro errichten (siehe Lokalteil). Aber für die Sammlungen „in der Provinz“ wird derart wenig Geld bereitgestellt, dass sich die Architekten in Weimar wie in Dessau mit atemberaubend miserablen Bauqualitäten zufrieden geben mussten, dass bau- und museumstechnisch nur Minimalstandard geboten werden kann, dass jede energetische Moderne unmöglich wurde.

In Weimar  wurde trotzdem versucht, mit viel Beton, Wand und Raum ein architektonisches Manifest für eine erneuerte Massenbaukunst zu schaffen. In Dessau dagegen haben die Architekten mit ihren Hallen auf Minimalisierung gesetzt. In Weimar ist die Ausstellung vergleichsweise langweilig, weil sie das  Besondere nicht herausgestellt hat, nämlich die vom Bauhaus 1926 übernommene Kernsammlung. In Dessau ist die Geschichte der Sammlung selbst zum Teil der Ausstellung geworden – was immer wieder irritiert und Spannung aufbaut. Nicht zuletzt konnten sich hier die Ausstellungsgestalterinnen um die Kuratorin Regina Bittner, Wolfgang Thöner und Detlev Weitz in einer weiten Halle entfalten, in Weimar dagegen wurden die Kollegen durch die von der Architektin gewünschten vielen Wände, Decken und Treppenläufe eingezwängt.

Das überzeugendere Konzept

Und dass in Weimar die Rolle des Museums als frei zugänglichem Ort der Öffentlichkeit keine, in Dessau mit seiner Riesenhalle dagegen eine zentrale Rolle spielt – das ist eben auch Teil des überzeugenderen Konzepts. Kurz: Es war die richtige Entscheidung, in die Mitte Dessaus zu gehen. Hier kann das Museum wirken. Nicht nur auf Bauhaus-Fans.