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Preußenstiftung: Ein sozial engagierter Patriot

Die James-Simon-Galerie soll den Besucherservice auf der Museumsinsel bündeln.

Die James-Simon-Galerie soll den Besucherservice auf der Museumsinsel bündeln.

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dpa

In der Eingangshalle des neuen, kurz vor Weihnachten endlich übergebenen Eingangsbaus zur Museumsinsel ist eine Inschrift zu sehen. Kostbar aus dünnem Bronzeblech getrieben lesen wir von den „ungewöhnlich großzügigen Schenkungen“ des Großkaufmanns James Simon, die die Staatlichen Museen bis heute „bereichern“. 1904 schenkte er seine Renaissance-Sammlung, 1918 diejenige „altdeutscher Plastik“ und 1920 „übereignete“ er „unter anderem“ die Büste der Nofretete. Wir lesen: „Die Staatlichen Museen sind ihm zu größtem und ewigem Dank verpflichtet.“

Allerdings, zumal aus Simons Perspektive – er war leidenschaftlich für die Breitenbildung engagiert – nicht die Museen, sondern deren Besucher sollten „bereichert“ werden. Ein sprachliches Detail der Inschrift, das nichts über Simon, viel aber über das durchaus bedenkliche gesellschaftliche Selbstverständnis der Staatlichen Museen und der Stiftung Preußischer Kulturbesitz aussagt. Aber lassen wir die Sprachklauberei beiseite und staunen, wie viel auf dieser Inschrift fehlt.

Unerwähnte Nachfahren

Da wären zuerst einmal die Nachkommen von Simon zu nennen. In den Schenkungsverträgen steht, dass seine Sammlungen in eigenen Räumen und mit Kennzeichnung des Stifters ausgestellt werden müssen. Die Staatlichen Museen aber stellen die Sammlungen schon seit 1937 verstreut in vielen Räumen aus – was zwar museumsdidaktisch sinnvoller, aber trotzdem Vertragsbruch ist. Jahrzehntelang fehlte auch der Name Simons an den Objekten. Trotzdem haben dessen Nachfahren nie die Rückgabe der kostbaren Werke gefordert, obwohl sie von den Direktoren der Museen zwischen 1933 und 1945 − als Deportation und Ermordung drohten − kaum Unterstützung erhalten hatten. Es gibt da herzzerreißend grausame Briefe, die allein schon gerechtfertigt hätten, dass auch Simons Nachfahren von den heutigen Museumsdirektionen als „ungewöhnlich großzügig“ geehrt werden.

Auf dieser Inschrift erscheint James Simon als ein Mann, der ganz der Kunst-Schönheit huldigte. Aber erstens waren seine Schenkungen keineswegs unpolitischer Natur: Sie sollten die Breitenbildung fördern. Und die schon 1916 angekündigte Schenkung „deutscher Kunst“ von 1918 erfolgte auch im Protest gegen die völkerrechtswidrige und dann im Versailler Vertrag bestätigte Forderung Belgiens, die in Berlin bewahrten Tafeln des Genter Altars auszuliefern. Es ging auch weniger um „altdeutsche“ als vielmehr um altniederländische und diesen damals von den Kunsthistorikern zugerechnete niederrheinische Skulpturen. Simons Schenkung versetzte die Berliner Museen auf einen Schlag in die Lage, mit denen in Amsterdam, Brüssel und Köln zu konkurrieren.

Ähnlich patriotisch war sein Engagement für das spätere Museum für deutsche Volkskunde, einen Vorgänger des heutigen Museums Europäischer Kulturen. Das sollte man erwähnen, um klarzumachen, wie patriotisch und deutsch viele Juden der Kaiserzeit empfanden.

1920 schenkte er den Berliner Museen zwar auch die von ihm hochgeschätzte Nofretete, vor allem aber den ganzen ihm von der ägyptischen Antikenverwaltung zugesprochenen Anteil an den Ausgrabungsergebnissen aus Amarna, die Berlin zur besten Forschungsstätte für die Kunst dieser Zeit neben dem Ägyptischen Museum in Kairo macht.

Unerwähntes Engagement

Und noch etwas: In der Inschrift fehlt bisher jeder Hinweis darauf, dass allenfalls zehn Prozent seines immensen Jahreseinkommens – er galt zeitweilig als siebtreichster Mann Preußens! – in das „Kunstengagement“ flossen, wie Simon es nannte. Ein Drittel aber ging in die Sozialpolitik, an Krankenhäuser, Vereine zur Förderung von Kinderreisen, für die Unterstützung von Flüchtlingen aus dem Kaiserreich Russland und so weiter.

Unermüdlich schrieb dieser mit seinem Baumwollgroßhandel wirklich ausgelastete Mensch an staatliche Behörden Bettelbriefe, um sie an ihre sozialpolitischen Pflichten zu erinnern, gab hier und dort große und kleine Summen – und zwar derart versteckt und bescheiden, dass es selbst seinem sehr gründlichen Biografen Olaf Matthes nicht gelungen ist, wenigstens ansatzweise einen Überblick über die tatsächlichen Spendensummen zu erhalten. „Das soziale Elend zu lindern, hatte für ihn Priorität“, schreibt Matthes. Das muss gerade auch in diesem schamlos teuren nach James Simon benannten Bau erwähnt werden. Auch die Kunst muss sich finanziell rechtfertigen – für Simon ist das eine Selbstverständlichkeit gewesen.