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Sexismus?: Diese sechs Wörter sind Poesie - und ein Problem in Hellersdorf

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Das Gedicht heißt Avenidas (Straßen) und steht laut Meinung von protestierenden Studenten in einer patriarchalen Tradition. 

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dpa

An der Südfassade der Alice-Salomon-Hochschule in Hellersdorf prangt ein Gedicht mit dem Titel „avenidas“ des Lyrikers Eugen Gomringer in spanischer Sprache. Dort befindet es sich seit 2011, nachdem Gomringer mit dem Poetik-Preis der Fachhochschule ausgezeichnet worden ist, an der die Fächer Soziale Arbeit, Gesundheit, Erziehung und Bildung unterrichtet werden.

Das Gedicht ist nicht sehr lang. Es umfasst genaugenommen nur sechs Wörter, die in acht Doppelzeilen variiert werden. Es enthält ausschließlich Substantive und Bindungswörter sowie einen unbestimmten Artikel. Die Substantive lauten „avenidas“ (Straßen), „flores“ (Blumen), „mujeres“ (Frauen) und „admirador“ (Bewunderer).

Der Bewunderer

Letzterer genießt in der lyrischen Komposition eine Sonderstellung, da er nur einmal genannt wird, während die Straßen, Blumen und Frauen wiederholt vorkommen. Verben und Adjektive enthält das Gedicht nicht.

Bewundert der „admirador“ die Straßen, Blumen und Frauen gleichermaßen? Erhält etwas den Vorrang? Oder bewundert er womöglich weder Straßen noch Blumen noch Frauen, sondern etwas unbekanntes Viertes? Das sind Fragen, die einem Schüler der 11. Klasse im Rahmen einer Hausarbeit arges Kopfzerbrechen bereiten können. Gedichte lassen allerhand zu, geben aber oft nichts anderes vor als die Anordnung der Wörter.

Strahlkraft des Kunstwerks

Die Hochschule war 2011 einigermaßen stolz, als das Gedicht an der Hausfassade angebracht worden war. „Wir freuen uns sehr über diese bleibende Erinnerung an unseren Poetikpreisträger Eugen Gomringer“, sagte die Rektorin der ASH Theda Borde. Sie sei sicher, dass die Strahlkraft des Kunstwerkes weit über die Hochschule und den Bezirk Hellersdorf hinausgehe.

Eine ganz andere Strahlkraft haben inzwischen jedoch studentische Proteste gegen das Gedicht bekommen, die Gomringers Zeilen im Kontext einer „patriachalen Kunsttradition“ verorten, „in der Frauen ausschließlich die schönen Musen sind, die männliche Künstler zu kreativen Taten inspirieren“.

Fassade soll neu gestaltet werden

So war es bereits vor einiger Zeit in einem Offenen Brief des Allgemeinen Studentenausschusses (Asta) der ASH formuliert, in dem die Hochschule dazu aufgefordert worden war, das Gedicht wieder zu entfernen.

Die Studenten hatten inzwischen Erfolg. Nach einer Entscheidung des Akademischen Senats hat die ASH einen Aufruf zur Neugestaltung der Fassade veröffentlicht, für den noch bis zum 15. Oktober Vorschläge eingereicht werden können.

Die Studenten dürfen den Erfolg der Kampagne ihrer nicht nachlassenden Beharrlichkeit zuschreiben, in der sie ihre Sicht der Dinge ohne Rücksicht auf mögliche künstlerische Mehrdeutigkeit durchgesetzt haben. Die Entscheidung des Akademischen Senats, den Zielen der Studenten zu entsprechen, zeugt hingegen von einer erschütternden Willfährigkeit, die Freiheit der Kunst einem fragwürdigen Schulfrieden zu opfern.