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Soziologe Steffen Mau: "Es hat sich im Osten eine Schiefstellung entwickelt"

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Steffen Mau ist Soziologieprofessor an der Humboldt-Universität Berlin. 

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Markus Wächter

Berlin-Mitte, Humboldt-Universität.  Im Gebäude ist es still, unten im Leseraum sitzt nur eine einzelne Studentin. Es sind Semesterferien. Steffen Maus Büro liegt im ersten Stock, gegenüber sitzt Herfried Münkler, der bekannte Politologe. Steffen Mau ist im Rostocker Neubauviertel Lütten Klein aufgewachsen, diente zur Wendezeit in der NVA. 30 Jahre später ist er für die Recherche zu seinem Buch „Lütten Klein. Leben in der Transformationsgesellschaft“ in seine Heimat zurückgegangen, diesmal als Universitätsprofessor. In seinem Büro steht ein Sofa, an der Tür klebt ein Plakat des Buchcovers.

Nach den Landtagswahlen in Brandenburg und Sachsen stellte sich heraus, dass die AfD vor allem von Männern gewählt wird. Sie konstatieren in Ihrem Buch einen Männerüberschuss im Osten. Gibt es da einen Zusammenhang?

Das kann man zumindest vermuten. Wir haben es im Osten Deutschlands bei den mittleren Jahrgängen mit einer Entwicklung zu tun, die man als demografische Maskulinisierung bezeichnet. Von den unter Dreißigjährigen, die zwischen 1991 und 2005 Ostdeutschland verließen, waren zwei Drittel Frauen. Wegen der weiblichen Wanderung bildete sich in  vielen Regionen Ostdeutschlands ein Männerüberschuss heraus. Eine diskutierte Annahme lautet, dass Männerüberschussgesellschaften eine höhere Gewaltneigung aufweisen. Es gibt Studien, die nahelegen, dass der Testosteronspiegel von Männern in Beziehungen niedriger ist, besonders, wenn sie Kinder haben. Wenn viele Männer um wenige Frauen konkurrieren, kann aggressives, körperbetontes Auftreten ein Mittel sein, um sich zu behaupten. Sie setzen auf klassische Männlichkeit: Kraft, Stärke, Durchsetzungsvermögen.

Soll das heißen, weil sie keine Frau finden, wählen die Männer die AfD? Im Prinzip aus Einsamkeit?

So pointiert würde ich es nicht formulieren. Aber die Zahlen sind extrem, nicht nur wegen der Wanderungen, sondern auch wegen des Geburtenknicks Anfang der 90er-Jahre, dessen Folgen wir jetzt zu spüren bekommen. Männer wählen im Schnitt Partnerinnen, die zwei bis drei Jahre jünger sind. Für diejenigen, die Anfang dreißig sind, heißt das, dass wegen des Geburtenrückgangs ab 1989 viel weniger potenzielle Frauen zur Verfügung stehen. Es kommt in dieser Generation zu einem Männerüberhang. Normalerweise betrachtet die Forschung Unterschiede im einstelligen Bereich: Wenn die Geburten so stark zurückgehen wie 1991, dann fehlen statistisch Partnerinnen für 50 Prozent der Männer. Und wenn man bedenkt, dass Frauen meist Männer mit gleicher oder höherer Bildung bevorzugen, Männer im Osten aber seltener Abitur machen, dann stellt sich die Lage für ostdeutsche Männer auf dem Heiratsmarkt dramatisch dar. Im  Jahr 2012 kamen bei den Zwanzigjährigen auf 100 potenziell partnerlose Frauen 300 ungebundene Männer ohne Abitur.

Erklären Sie bitte, warum die Geburtenrate 1991 so absackte.

Wir haben uns die Veränderungsraten angeguckt: Nicht einmal zu Kriegszeiten oder nach 1945 sind die Geburtenzahlen so eingestürzt wie ab 1990. Die Geburtenrate sank auf statistisch 0,77 Kinder pro Frau, ein extrem niedriger Wert. Das hat damit zu tun, dass alles unsicher geworden war und ein Kind eine dauerhafte Verpflichtung darstellt. Auch die Zahl der Eheschließungen und Scheidungen ging zurück. Das Interessante ist: Der Wunsch nach Kindern blieb gleich hoch, aber viele hatten keine Zeit oder Kraft,  ihn umzusetzen. Sie parkten ihren Kinderwunsch, weil sie in den Westen zur Arbeit pendelten, erst einmal ihren Platz finden mussten. Aber so ein Kinderwunsch lässt sich nicht endlos parken, irgendwann ist es zu spät. Und diese Delle macht sich heute auch stark bemerkbar.

Wie geht man mit den einsamen Männern um?

Ich spreche in meinem Buch von gesellschaftlichen Frakturen. Da geht es nicht um eine Therapie oder darum, mit ein bisschen Anerkennung etwas wegzuheilen. Es hat sich in Ostdeutschland eine Schiefstellung der Gesellschaft entwickelt, daraus auch ein durchaus schiefes Zusammenwachsen. Man braucht bessere regionale Politik, mehr Investitionen in Infrastruktur, Bildung. Wir brauchen ein Projekt für Ostdeutschland, bei dem die Menschen das Gefühl bekommen, hier können Sie etwas gestalten, es lohnt sich.

Aber wenn wir noch kurz bei den einsamen Männern bleiben: Man könnte ja auch fragen, warum sie nicht in den Westen gehen, um Partnerinnen zu finden?

Das ist oft mit hohen sozialen Kosten verbunden. Man verliert das gewohnte Umfeld, Bindungen, Heimat. Meine Gesprächspartner in Lütten Klein, die ich für mein Buch interviewt habe, heben die Bedeutung von Netzwerken immer wieder hervor. Da sind die Kumpels, die sie oft schon aus der Schule kennen. Sie stellen sie nicht auf die Probe, sie müssen sich nicht dauernd beweisen oder erklären. Oft treten diese Freundeskreise an die Stelle klassischer Partnerschaften.

"Auf dem Heiratsmarkt hatten Frauen Vorteile"

Warum fällt es Frauen offenbar leichter, wegzugehen?

Wenn ostdeutsche Männer in den Westen gegangen sind, haben sie die unterste Hierarchiestufen besetzt. Das traf für ostdeutsche Frauen auch zu. Aber auf dem Heiratsmarkt hatten Frauen Vorteile. Man weiß aus der Forschung, dass Frauen sich bei der Partnerwahl sozial eher nach oben orientieren. Für Frauen war es also einfacher, auch im Westen selber Familien zu gründen, während Männer nicht selten frustriert und partnerlos zurückkehrten. Das belegen die Zahlen: Bei mehr als zwei Drittel aller Ost-West-Ehen heirateten West-Männer Ost-Frauen. Frauen haben damals auch eine größere Flexibilität an den Tag gelegt, der Wechsel von der Industrie- in eine Dienstleistungsgesellschaft fiel ihnen leichter, weil es mehr Jobs für sie gab. Die Männer hingen eher an dem proletarischen Typus fest.

Sie beschreiben in Ihrem Buch, wie 1990 mit Ost und West zwei völlig unterschiedliche Mentalitäten und Prägungen zusammenkamen: eine ethnisch weitgehend homogene Arbeitergesellschaft und eine von Individualisierung geprägte Wohlstandsgesellschaft. Wie wirken sich die Unterschiede bis heute aus?

Die Ostdeutschen erlebten 1990 eine relative soziale Deklassierung, sie wanderten kollektiv in eine wohlhabendere und statusmäßig höher gestellte Gesellschaft ein. Das wächst sich nur sehr langsam aus. Die Sozialisation prägt enorm. Mir ist das früher nie aufgefallen, aber ich erlebe mitunter, dass ostdeutsche Studierende sagen, sie wollen das Studium abbrechen, weil sie sich an der Universität fremd fühlen und die Debatten mit den eigenen Lebenswelten wenig zu tun haben. Da sehe ich schon eine Ost-West-Diskrepanz. Ein Kollege aus Leipzig sagte neulich, seine Oststudenten seien wesentlich angepasster als die Kommilitonen aus dem Westen. Vieles wächst sich aus, manches aber bleibt.

Die DDR beschrieb sich selbst als Arbeiter- und Bauernstaat. Sie schreiben in Ihrem Buch, Ende der 80er-Jahre seien kaum noch Arbeiterkinder an den DDR-Universitäten gewesen. Wie passt das zusammen?

In den 50er-Jahren war die DDR eine Aufsteigergesellschaft: Menschen aus einfachsten Schichten machten Abitur und kamen an die Hochschule. Aber so ein Programm funktioniert nur eine Generation lang, sonst müsste man immer wieder einen Umbau der Sozialstruktur vornehmen. In den 70er-Jahren fing es an, dass die Akademiker, die sozialistische Intelligenz, anfingen, sich selbst zu reproduzieren, sie versuchten, ihre Kinder an die Hochschulen zu bringen. Das führte dazu, dass sie Arbeiterkindern den Platz wegnahmen. Hinzu kam, dass die DDR ein Land war, das zwischen 1970 und 1989 die Zahl der Studienplätze reduziert hat. 1980 durften nur elf Prozent eines Jahrgangs an die Universität.

Bis heute gilt das DDR-Bildungssystem als vorbildlich.

Heute gibt es eine große Gruppe von jungen Menschen, die ohne beruflichen Abschluss ins Leben starten, etwa 14 Prozent, das gab es in der DDR nicht. Fast alle haben eine gute Allgemeinbildung genossen und sind ausgebildet worden, selbst wenn sie mit der achten Klasse abgegangen sind. Was man auch bedenken muss: Arbeiter sein in der DDR hieß, kulturell teilzuhaben, auch Arbeiter hatten Bücherregale zu Hause, gingen ins Theater. Kultur und Bildung spielte eine große Rolle, darauf hat die DDR auch geachtet. Es gab mal eine Studie in den Neunzigern, da wurde gefragt, wer in seinem Leben noch nie in der Bibliothek war. Da war der Anteil im Westen doppelt so hoch wie im Osten.

War das Bildungssystem der Bundesrepublik durchlässiger?

Das kann man so nicht sagen. Es gab in den 70er-Jahren eine Bildungsexpansion, eine Öffnung, die es auch dem oft zitierten katholischen Arbeitermädchen vom Lande ermöglichte, an die Universität zu gehen. Der Anteil der Menschen, die einen Hochschulabschluss geschafft haben, wurde viel größer. Das heißt, über die Zeit stieg der Anteil der Akademiker, das führt wiederum zu Schließungsprozessen. Man könnte das nur aufhalten, wenn man hinnehmen würde, dass nicht alle Akademikerkinder Abitur machen. Aber es gibt in bürgerlichen Kreisen geradezu eine Bildungspanik: Nur die Wenigsten möchten ihre Kinder ohne Hochschulabschluss ins Leben starten lassen. Das ist in unteren Schichten anders, was auch mit den Kosten einer längeren Ausbildung zu tun hat.

Ich habe den Eindruck, es gibt im Arbeitermilieu diesen Aufstiegswillen oft gar nicht mehr, weil man sowieso fürchtet, keine Chance zu haben.

Der Herkunfts-Effekt schlägt früh durch. Wenn es Konkurrenz um knappe Plätze in den guten Schulen gibt, setzen sich diejenigen durch, die eher mit kulturellem Kapital ausgestattet sind. Das sind diejenigen, die Unterstützung von ihren Eltern bekommen. Es gibt Studien, die sagen, dass schon Erziehungsstile im Mittelschichtshaushalt anders sind als im Arbeiterhaushalt. In Mittelschichtshaushalten  werden Kinder eher zu Verhandlungspartnern, es gibt viele Förderungsangebote, es entwickelt sich so etwas wie eine Anspruchshaltung gegenüber der Welt, die auch in den Bildungsinstitutionen artikuliert wird. In den unteren Schichten herrscht ein Konzept von „natural growth“: Man lässt die Kinder einfach heranwachsen. Die Interaktion findet eher im Anweisungs- und Befehlston statt, es wird weniger argumentiert und erklärt. Das führt dazu, dass Kinder sich eher anpassen. Die unterschiedlichen Codes bevorteilen die Mittelschichtskinder, weil sie gegenüber Lehrern und Professoren anders auftreten können. Jemand, der vom Humanistischen Gymnasium kommt, der tritt viel selbstbewusster auf und diskutiert auf Augenhöhe.

Ostdeutsche besetzen nur 1,7 Prozent der Spitzenpositionen in Politik, Wirtschaft, Verwaltung, Medien. Überrascht Sie diese Zahl?

Die Zahl ist schockierend. Es gibt eine extreme Unterrepräsentation von Ostdeutschen. Ich sehe als Grund vor allem strukturelle Benachteiligungen, die in der DDR und der Nachwendezeit liegen und die dafür sorgen, dass Ostdeutsche im Wettbewerb oft unterlegen sind. Es war der größte Fehler der Wiedervereinigung, dass nicht in die Köpfe investiert wurde. Man hat den Ostdeutschen nicht zugetraut, dass sie schnell dazulernen können. Nach 1990 wurden viele Spitzenjobs von Westdeutschen besetzt, meist von Männern, das ist etwas, das bis heute Gültigkeit hat. Selbst im Osten sind drei Viertel der Elite Westdeutsche, vom Sparkassendirektor bis zum Hochschulrektor. Wenn sich zwei unterschiedliche Gesellschaften vereinigen, eine Arbeitergesellschaft und eine Mittelschichtsgesellschaft, dann setzt sich die Mittelschicht durch. Für Ostdeutschland kommt noch hinzu, dass es keine großen Unternehmen mehr gab.

Warum hätten sich nicht zumindest in manchen Bereichen die Eliten vereinigen können?

Man hätte Hybridmodelle bilden können, auch Tandems. Es wäre toll gewesen, wenn es ein großflächiges Programm für Ostler gegeben hätte, die in Westverwaltungen und Betrieben für ein paar Monate Weiterbildungen absolvieren. Es gab auch kein eigenständiges Stipendienprogramm für ostdeutsche Studierende. Ich habe an einer Elitehochschule in Florenz promoviert, als ich 1998 dort ankam, war ich der erste Ostdeutsche. Die Ostdeutschen hatten oft nicht die Netzwerke. Man darf aber auch nicht unterschätzen, dass es ein Eigeninteresse des Westens gab. Die Vereinigung war ein Karriereschub für die Westdeutschen! Der Osten bot plötzlich vielen, die in der zweiten Reihe standen, unfassbare Aufstiegschancen.

Es gab und gibt aber auch ostdeutsche Vorzeigekarrieren.

Das sind Leute, die früh in den Westen gegangen sind. Viele, die geblieben sind, traf dann der Umbau. Das ist besonders bitter für diejenigen, die zu Wendezeit zwischen Ende 20 und 40 waren. Viele haben für die politische Wende demonstriert, gegen die Enge der DDR gekämpft. Dann dachten sie 1990: Jetzt geht es los, Freiheit, aber dann sind sie erst mal aussortiert worden und landeten im Maßnahmen-Karussell. Sie haben lange gebraucht, zurecht zu kommen und empfinden heute doppelte Benachteiligung: Erst stießen sie in der DDR auf eine blockierte Gesellschaft, danach kamen sie auch nicht zum Zug.

Sind das auch potenzielle AfD-Wähler?

Man darf das nicht verallgemeinern, aber klar, es gibt da ein Frustpotenzial, das die AfD aufgreift.

Ich werde von Westdeutschen oft gefragt, warum denn nicht mehr Menschen nach 1990 die Chancen ergriffen, die sich ihnen boten.

Die späte DDR war extrem mobilitätsblockiert, die Alten besetzten überall die Spitzenpositionen, man kam nicht mehr weiter. Das war auch mit ein Grund, warum die Leute auf die Straße gegangen sind. Die Annahme war, wenn die Bleiplatte sich öffnet, dann müsse es eine Umschichtung nach oben geben. Die Wiedervereinigung brachte aber weniger Aufstiegschancen für die mittlere und jüngere Generation. Betrachtet man die Wahrscheinlichkeit von Aufstiegen zwischen den Generationen, schneiden ostdeutsche Männer am schlechtesten ab. Während in den Neunzigern etwa jeder dritte Sohn eine bessere Klassenposition erreichte als sein Vater, gelingt dies heute nur einem Viertel – in Westdeutschland liegt dieser Wert bei 38 Prozent. Bei den Ostdeutschen ist ein Drittel im Vergleich zu den Eltern abgestiegen. Das ist ein hoher Wert, vor allem, wenn man bedenkt, dass die DDR eine einfache Werktätigengesellschaft war. Daraus kann man auch Erfahrungen der Enttäuschung und des Abgehängtseins erklären.

Woran liegt es, dass auch die jüngeren Ostdeutschen offenbar nicht aufsteigen?

Gerade, weil man für die Himmelsrichtungen blind ist, setzen sich Westdeutsche automatisch durch. Sie haben andere Elternhäuser, mehr Kontakte.  Aufstieg liegt nicht nur an Talent und Leistungsbereitschaft. Ein wichtiger Faktor ist Glück. Und Glück ist sehr ungleich verteilt. Und man weiß ja, wie wichtig Netzwerke sind: Freunde von Eltern können einem ein Praktikum in einem tollen Betrieb beschaffen oder in einer Zeitungsredaktion. Das können viele ostdeutsche Eltern nicht. Nach wie vor gilt im Osten, dass man dort auch nicht so gut Karriere machen kann. Die meisten Unternehmen sind kleinteilig. 

Sie schreiben, dass die westdeutschen Eliten, die in den Osten kamen, zwar Sachkenntnis hatten, aber in den Regionen fremd blieben. Was meinen Sie damit?

Die Westdeutschen sind in den 90er-Jahren als Retter gekommen und da gab es verschiedene Typen, sie stammten eher aus bürgerlichen Kreisen, waren besser gebildet, finanziell gut versorgt.

Sie fielen schon optisch im Stadtbild auf.

Genau, der Westdeutsche trug den langen wehenden Mantel und der Einheimische einen Anorak. Der eine verkörpert die weite Welt, der andere die Provinz. Sie trafen auf die arbeiterliche Gesellschaft. Da gab es viele Konflikte, die Anlässe konnten manchmal ganz banal sein: Wann fängt man an zu arbeiten, früh um sieben, wie im Osten üblich,  oder um neun? Teile dieser neuen Transfereliten haben sich regional gebunden, durch Heirat oder Familiengründungen. Aber sie haben sich nicht angepasst, sondern  ihren Habitus behalten. Das begründet auch die Distanz der Masse zu diesen Transfereliten. Hinzu kam, dass sie völlig verschiedene Erfahrungen machten: Die Ostdeutschen wurden arbeitslos, die Westdeutschen wurden Chefs. Viele Westdeutsche kamen als Heilsbringer, als diejenigen, die alles wussten, alles konnten. In dem Maße, in dem auch die Heilsbringer nicht geliefert haben, die wirtschaftliche Lage schwierig blieb, drehte sich die Stimmung, man sah, dass die westdeutschen Eliten auch nicht über Nacht alles gehalten haben, was versprochen wurde.

Was hätten die Wessis anders machen sollen?

Es gibt ja tolle Beispiele, von Leuten, die sich leidenschaftlich engagiert haben. Es gab aber auch Leute, die die Position im Osten nur als Durchgangsstation gesehen haben. Gerade in kleinen, nicht so attraktiven Städten. Die blieben drei vier Jahre und sind dann weitergewandert. Der Kontakt blieb oberflächlich.

Die Berliner Sozialwissenschaftlerin Naika Foroutan hat die These aufgestellt, dass Ostdeutsche und Migranten ähnlich diskriminiert werden. Sehen Sie diese Analogien auch?

Das sind Gedankenspiele, sie erklären gesellschaftlich wenig. Gewiss: Es gibt eine mediale Darstellung von Ostdeutschen die nicht immer schmeichelhaft ist.  Aber gegenüber Ostdeutschen gibt es keinen Rassismus, keine Abwertung oder Diskriminierung der Person aufgrund ihrer Herkunft.

Würde eine Ost-Quote helfen?

Da bin ich zurückhaltend. Ich bin sonst Befürworter von Frauenquoten, wenn es nicht voran geht, aber bei Ost und West bin ich skeptisch. Es sind so viele Westdeutsche in den Osten gezogen, haben dort Kinder. Wer ist heute Ostdeutscher? Was ist eine Spitzenposition? Das ist doch schwierig festzustellen. Bei der Besetzung von Positionen sollte es mehr darum gehen, die Lebensumstände und den zurückgelegten Weg zu betrachten. Eine Frau aus einer Bauernfamilie in Bayern, die sich auf eine Professur bewirbt, hat eine größere Lebensenergie aufgewendet als der Professorensohn, der in die Fußstapfen seines Vaters tritt. Wenn man ostdeutsche Eliten fördern wollte, ginge das auch ohne Quoten.

Am Montag, den 16. September, um 20 Uhr unterhält sich Steffen Mau in der Urania Berlin mit seinem Kollegen Herfried Münkler über den Osten nach 1989.