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Gastbeitrag: Wie sich Künstler durch den Förderantragsdschungel kämpfen

Zwei Künstler sitzen in einem romantisch angeranzten Treppenhaus.

Charlotte Wilde und Michael Vogel im Leipziger Lindenfels Westflügel, einem internationalen Produktionsort für Figurentheater.

Foto:

Regentaucher

Unser Figurentheaterduo Wilde & Vogel realisiert seit 1997 freie Produktionen mit drei bis zwölf Beteiligten. Zunächst in Stuttgart, seit 2005 in Leipzig. Wir arbeiten außerdem in der künstlerischen Leitung des Westflügels Leipzig, kennen die freie Arbeit also auch aus der Perspektive eines „festen Hauses“ mit eigenen Produktionen und internationalem Gastspielbetrieb.

Regelmäßig beantragen wir Förderung bei der Stadt Leipzig, der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen, dem Fonds darstellende Künste (daku), gelegentlich bei dem Programm Szenenwechsel des Internationalen Theaterinstituts mit der Robert-Bosch-Stiftung sowie, in Kooperation mit dem Westflügel, bei der Kulturstiftung des Bundes (KSB), wurden bei letzter allerdings mit einer Ausnahme 2006 immer abgelehnt. Und vielleicht beginne ich damit, um zu schildern, woran aus unserer Sicht die öffentliche Kulturförderung krankt.

Themenvorgaben gängeln

Als vor Jahren das KSB-Programm „Doppelpass“ aufgelegt wurde, um den Austausch zwischen Institutionen und Freien zu fördern, beantragte der Westflügel ein Projekt mit einer jungen freien Gruppe. Der Antrag wurde abgelehnt, es gab jedoch ein Nachgespräch, bei dem uns die zuständige Dame vorschlug, doch als Wilde & Vogel statt dessen mit einem städtischen Theater zu kooperieren: „Sie wollen doch sicher auch mal eine Drehbühne, Herr Vogel!“. Sie war sehr erstaunt, zu hören, wir hätten kein Interesse.

Aber wir haben uns ja dafür entschieden, frei zu arbeiten. Wir brauchen kein Programm, das uns eine Zusammenarbeit mit einem Stadttheater finanziert. Wir möchten, dass unsere freie Arbeit gefördert wird. Wir würden in solchen Kooperationen immer der kleine und flexible Partner sein, der gegen die Bürokratie und Hierarchie institutionalisierter Strukturen den Kürzeren zieht. Solche thematischen Programme sehen wir als Gängelung, bei der Projekte teils aus dem einzigen Grund entstehen, dass es die Möglichkeit gibt, sie zu finanzieren.

Das eigene Risiko

Sich selbst Konzepte auszudenken und dafür Unterstützung zu bekommen, wird immer schwieriger. Da ist zum einen das Zeitproblem: Beim Fonds daku müssen inklusive der Antragssumme 75 Prozent des Projekts sicher finanziert sein, wenn der Antrag gestellt wird. Ich weiß aber frühestens Ende Dezember, ob ich Geld aus Leipzig und Sachsen für das Projekt für das Folgejahr bekomme. Zum 1. Februar kann ich dann beim Fonds daku Geld beantragen und bekomme den Bescheid im April.

Von September bis April müsste ich seriöserweise alle Projektbeteiligten für das laufende Jahr in der Warteschleife halten. Das heißt, sie halten etliche Wochen Probenzeit plus geplante Aufführungstermine auf Verdacht frei. Wird der Antrag abgelehnt, kann ich im April entweder das Projekt absagen, dann bekommen die Künstler für diese Zeiträume in der Regel aber keine anderen Jobs mehr. Oder ich mache das Projekt trotzdem, und wir arbeiten schlecht bezahlt, was aber weder gewünscht (Honoraruntergrenzen!) noch klug ist (wir beweisen damit schließlich, dass wir auch mit kleinerem Budget arbeiten können ...).

Unterbezahlt ist besser als gar kein Geld

Die Honoraruntergrenzen sind in der Tat das zweite Problem. Wobei die Initiative, auf solchen zu bestehen, natürlich zu begrüßen ist. Nur entspricht es aus den genannten Gründen nicht der Realität, sie einhalten zu können. Wenn für das Projekt weniger Geld zur Verfügung steht, ist es für uns im Normalfall ja trotzdem sinnvoll, es zu realisieren. Denn wenig Geld ist immer noch besser, als gar kein Geld. Und wenn das Projekt nicht realisiert wird, haben wir auch keine neue Produktion, mit der wir Geld verdienen können. Wir haben bei Unterfinanzierung also eigentlich keine Entscheidungsfreiheit. Was wiederum mit den eng gestrickten Zeiträumen zusammenhängt.

Nur teilweise Förderung ist der dritte Problembereich. Insbesondere bei der Kulturstiftung Sachsen bekommen wir seit Jahren nur die Hälfte oder ein Drittel der beantragten Summe. Ich müsste also die Summen im Antrag künstlich heraufsetzen, um das einzukalkulieren. Dann sähe der Kostenplan für Sachsen aber ganz anders aus, als der für das Kulturamt Leipzig. Das wäre unseriös und würde auch sichtbar.

Weg mit der Gießkanne!

Es ist mir unbegreiflich, welche Idee hinter diesem sogenannten Gießkannenprinzip steckt. Wir sind doch gebeten, sachlich richtige Kalkulationen vorzulegen. Wie kann man dann glauben, uns sei damit gedient, wenn wir nur die Hälfte der Summe bekommen?
Antragslyrik behindert

Auch sind die Antragsformulare viel zu bürokratisch. Der Antrag beim Kulturamt Leipzig sieht neuerdings eine inhaltliche Kurzdarstellung vor, Ausführungen zum „erzielbaren Nutzen“ und eine „Begründung des städtischen Interesses und der Notwendigkeit der Förderung bzw. Finanzierung“. „Einen erzielbaren Nutzen“ möchte ich im Zusammenhang mit einem Projektantrag für ein Theaterstück eigentlich nicht ausführen. Ebensowenig die „Notwendigkeit der Förderung“, die sich ja aus dem Kostenplan und der Tatsache, dass wir als freie Gruppe seit Jahren in dieser Stadt Theater machen, ergibt. Auch das städtische Interesse sollte, würde ich mir wünschen, vielleicht die Stadt selbst formulieren.

Zeitverschwendung mit Antragslyrik

Was ihr zugegebenermaßen leichter fallen könnte, wenn die Förderer bzw. die von ihr bestellten Jurymitglieder jedesmal auch zu einer unserer Aufführungen kommen würden. Das schaffte Vertrauen und würde einer Förderung von Künstlern anstelle einzelner, bis ins Kleinste vorformulierter Projekte Vorschub leisten. Die Zeit, die wir für die Arbeit dieser sogenannten Antragslyrik brauchen, würden wir wirklich gerne für unsere künstlerische Arbeit nutzen!

Und natürlich rechnen wir das erhaltene Geld ganz genau ab. Aber gibt es keinen Ausweg aus der kameralistischen Verpflichtung, schon im voraus immer schon detaillierte Kostenpläne vorlegen zu müssen, laufend zu aktualisieren und Verschiebungen zwischen Positionen am Ende dann wieder zu erläutern? Freischaffende (Theater-)Künstler nehmen sehr viel Mühe auf sich, um ihre Kunst zu realisieren. Wir möchten nicht ständig Misstrauen begegnen. In unseren Aufführungen kann unsere Arbeit überprüft werden. Dazu braucht es keine anschließenden Sach- und Finanzberichte von unserer Seite. Sondern das Interesse und Wohlwollen der Förderer.