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Saisonstart am Berliner Ensemble: Wirklichkeit und „Wirklichkeit“

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Auf der Bühne des Berliner Ensembles sieht man „Die Parallelwelt“ live gespielt und live übertragen aus  Dortmund.  

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Birgit Hupfeld

Vorweg ein vorbehaltloses „Chapeau!“ an das Berliner Ensemble. Denn dass der alte Theaterkahn unter der noch neuen Flagge sich nicht scheut, große Ziele anzusteuern, auch unbekannte, kann man nur begrüßen. Angesichts eher kleinmaschiger Saisoneröffnungen andernorts ist das Projekt mit dem planetarischen Titel „Die Parallelwelt“, mit dem das BE nun zusammen mit dem Schauspiel Dortmund in die neue Saison stach, eine erfrischend großspurige Sache – auch wenn es darin um das Kleinste geht.

So aufwändig gedacht wie betrieben ist zweifellos, was der Dortmunder Intendant Kay Voges da 420 Kilometer Luftlinie überbrückend simultan über beide Bühnen fließen ließ: zwei siebenköpfige Ensembles spielen an dem Abend in zwei identischen Landhauskulissen via extra gemieteter Glasfaserleitung durch Live-Videoschaltungen verbunden die Lebensgeschichte eines gewissen Fred – nein, nicht wirklich simultan, sondern neben-, gegen- und durcheinander. 

Eine neue Schöpfungsgeschichte

Hört sich verwirrend an, ist inhaltlich aber doch einfach: Jemand wird geboren, wächst heran, verliebt sich, heiratet, quält seine Frau in der verödenden Ehe, wird alt und stirbt. Eine 0-8-15-Geschichte, gestern, heute, morgen. Und doch bastelt Kay Voges aus diesem Fred-Leben – die Frauen haben keinen Namen, aber große Zicken-Auftritte – mit dem Wissen und den technischen Mitteln der digitalen Postmoderne nichts weniger als eine neue Schöpfungsgeschichte.

Es ist die Schöpfungsgeschichte des quantenphysikalischen Zeitalters, oder wie Peter Sloterdijk zitiert wird: der „elektrischen Globalisierung“, deren Prinzip die „Vernichtung der Abstände“ ist. 

Nun mag mancher nach wie vor der Auffassung sein, ein Meter ist ein Meter, der Raum dreidimensional und die Zeit linear. Doch ist diese Weltsicht  überholt, seit es die Quanten als kleinste Einheiten gibt, die selbst nichts Festes mehr sind und vor allem: nichts mit Sicherheit Wirkliches. Nur der Beobachter selbst und seine plumpen Erkennungsinstrumente nötigen dem Quant einen bestimmten Zustand, also eine Wirklichkeit ab, die aber nur eine vieler parallelen ist.

Das Paradoxon als Kitt der Welt

Quantenphysikalisch also sind nicht Teilchen, sondern Paradoxien das, was die Welt im Innersten zusammenhält, was übertragen auf das menschliche Zusammenleben bedenklich, aber auch befreiend wirken kann. Letzteres hat bekanntlich schon Bert Brecht ein halbes Leben lang auf sein „Thaeter“ versucht anzuwenden, lange her. 

Und was ist heute, wo Quantentechnik im lichtgeschwinden Datenverkehr unseren Alltag bestimmt und digitale Erfahrungen längst realer sind als analoge? Müssten wir nicht besser denn je begreifen, dass alles, was ist, nicht notwendig ist? Warum scheint dann alles unverrückbarer denn je?   

Soziale Fragen stellt Kay Voges' Wissenschaftstheater nicht, es bleibt im rein Menschlichen. Beide Bühnen in Dortmund und Berlin sind wie ein offenes Puppenhaus in vier Räume geteilt, wobei die oberen Flächen das Geschehen des fernen Zwillingstheaters im Live-Film zeigen oder auch das auf der unteren Bühnenhälfte Gespielte verdoppeln. 

Berlin und Dortmund begegnen sich

Oft helfen nur noch die Gesichter der Schauspieler, die Raum- und Zeitebenen der sich kreuzenden Spielgeschehen zu unterscheiden. Immer dichter kommen die gegenläufigen Erzählungen aufeinander zu: In Berlin begann es mit Freds Geburt, in Dortmund mit seinem Sterben. Je näher sie dem Punkt  kommen, wo Spiel und Spiel aufeinanderprallen, desto mehr überlagern und vervielfachen sich die Bilder. Zwischendurch schleichen Aristotelesse durch die Flure, philosophieren über „Schrödingers Katze“ und die Welt, geben dem Ganzen Fallhöhe. 

Kay Voges und seine Mannschaften haben eine leicht surreale Mystery-Choreografie entworfen, die perfide genau auf das produktive Chaos zusteuert, in der quantisch korrekt Theater, Spiel und Welt aus allen Angeln fliegen. Das ist bildschön anzusehen und für die Beteiligten sicher ein Gewinn an Kommunikation und Rücksichtnahme. Nur fällt nicht wirklich Neues dabei ab, bleibt Fred Fred ohne Probleme. 

Die Antwort folgt sogleich

Das Schöne des Abends ist, dass die guten Schauspieler bei Voges Staunende sind, was man von dem seltsamen Doku-Projekt „Auf der Straße“, das Karen Breece zwei Tage zuvor im Kleinen Haus heraus brachte, nicht sagen kann. Zwar treten die beiden Schauspieler Bettina Hoppe und Nico Holonics darin als Fragende auf, die wissen wollen, wie und warum Menschen „auf Platte“ leben. Doch übernehmen sie auch meist selbst die Antwort. 

Nicht schlimm, könnte man meinen, wenn man weiß, dass nichts ausgedacht ist an diesem Abend, alles durch Gespräche mit und über Obdachlose recherchiert ist. Und doch ist das Schauspieler-Laien-Gefälle hier das große Problem, denn auf der Karussell-Bühne sitzen auch drei von der Tafel oder der Platte, die von sich berichten und berichten lassen. Einer packt sein „Schlafzimmer“ aus, das er zusammengerollt in einer Tasche mitgebracht hat. Eine andere rechnet den Hartz IV-Satz vor und klagt über Demütigungen. Die meiste Zeit aber machen die beiden Schauspieler die Leidensgeschichten künstlich plastisch. Das ist gut gemeint, doch fabrizieren sie genau dadurch ein Obdachlosen-Spektakel, das Elend mehr vorführt, als es produktiv reflektiert. 

Die Parallelwelt 20.9., 28., 31.10., 11., 16.11.2018

Auf der Straße 18., 20., 21., 25.9.2018

Berliner Ensemble, Telefon: 28408155 oder Website: www.berliner-ensemble.de