Alles drückt und drängelt, als um Punkt sieben das Kesselhaus in der Kulturbrauerei seine Tore öffnet. Der bayerische Jungkunstler Martin Potsch lädt zum Kunstausverkauf: 1 000 Bilder, in zwei Wochen runtergemalt, für 15 Mark das Stück.Mit der kaufwilligen Masse wird der Schreiber in die schnell gefüllte Spektakelhalle geschleust. Das Fernsehen ist mit unzähligen Kameras auch schon da. Man stürzt zu den Bilderbergen, als seien es Wühltische. Es wird gezogen, gezerrt, gestritten wird auch, und hektisch werden die Einkaufswagen bestapelt. Überall dazwischen die Medienmenschen. Fragen jeden, der ihnen vor die Geratschaft kommt, daß der orientierungslose Schreiber nur mitzunotieren braucht: "Ob ich mir die alle aufhänge? Weiß nicht! Vielleicht verschenke ich sie auch", sagt eine erschöpfte Frau mit zehn Exemplaren.,. Koofen, koofen, koofen", der knappe Kommentar eines Braungebrannten. Eine Dame zuckt mit den Schultern. "Na ja, gut sind die Bilder nicht. Ich sehe das mehr als Gag."Irgendwo ragt der blonde Schopf des Künstlers aus der Menge. Er soll was in eine Kamera sprechen und muß schreien, weil es so laut ist: "Einmal wollte ich mir ein Bild kaufen, das war aber zu teuer. Da kam mir die Idee, billige Bilder für alle zu malen." Die Kamera hat nicht funktioniert, und der Künstler soll noch mal dasselbe sagen. Da drängelt sich ein dicker Mann vor und bittet um eine Unterschrift.,. Sie spinnen doch", meint eine aufgeregte Besucherin. "l)u hattest eine geniale Idee, aber die anderen sind völlig durchgeknallt", sagt sie zum Künstler. Der Dicke versteht nicht, was sie meint, will endlich das Autogramm. Da nimmt ein seriös dreinschauender Herr den Künstler zu Seite "Hören Sie mal, ich bin von Tengelmann, meinen Sie nicht, wir könnten irgendwie zusammenkommen." Der Künstler ganz Geschäftsmann: "Grundsätzlich schon. Nur nichts überhasten." Und sie tauschen ihre Karten.Und der verwirrte Schreiber fragt sich: Ist das Kunst, ist das Kommerz? Ist das Unterhaltung jenseits von Gut und Böse oder der ganz normale Sommerwahnsinn? Da hilft ein freundlicher Berliner auf die Sprünge. "Dit is Schlußverkauf: Erst koofen, denn kiecken. Denken kannste hinterher." Nach zwei Stunden sind die 1 000 Bllder verkauft.Andreas SchäferWer zeitig genug kam, konnte seine Sieben-Minuten-Bilder stolz nach Hause tragen. Foto: Studr~