BERLIN, 25. Oktober. Zwar hat der DDR-Staatssicherheitsdienst seinen Kampf an der unsichtbaren Front trotz einiger Teilerfolge grandios verloren. Dafür schaffen es Mielkes Männer aber auch knapp 13 Jahre nach ihrem unrühmlichen Ende noch immer, für Stimmung in einem mit rund 150 Menschen besetzten überhitzten Saal zu sorgen. So geschehen am Donnerstagabend auf einer Podiumsdiskussion der Birthler-Behörde in der Thüringer Landesvertretung in Berlin. Knapp zwei Stunden lang hatten sich dort vier Referenten bereits mit der Frage herumgeschlagen, wie erfolgreich denn nun die Westagenten der Stasi waren und ob sie die alte Bundesrepublik unterwandert hätten oder nicht. Da stand plötzlich Werner Großmann im Auditorium auf, letzter Chef der für die Auslandsspionage zuständigen Stasi-Hauptverwaltung A (HVA), und brach eine Lanze für seine "Kundschafter des Friedens": Immerhin habe die Stasi mit der Hilfe ihrer Westagenten zu einem militärischen Patt zwischen Ost und West beigetragen und dadurch dafür gesorgt, dass 40 Jahre lang aus dem Kalten kein heißer Krieg entstanden ist, argumentierte Großmann. Das sei doch eine Leistung, die Anerkennung verdiene.Doch statt Beifall gab es erregte Zwischenrufe und Proteste. Wenn man so friedliebend gewesen sei, warum habe die HVA dann die westlichen Friedensgruppen ausgeforscht und versucht, sie unter ihre Kontrolle zu bekommen, fragte Georg Herbstritt, Wissenschaftler an der Birthler-Behörde. Und sein Ex-Kollege und jetziger Leiter der MfS-Gedenkstätte in Berlin-Hohenschönhausen, Hubertus Knabe, verwies darauf, dass er in keinem Dokument des DDR-Geheimdienstes jemals irgendwelche Hinweise auf friedensstiftende Maßnahmen gefunden habe. Stattdessen herrsche in den Berichten über den Westen ein "hasserfüllter Jargon" vor, sagte Knabe. Es sei zudem schlicht falsch, heute als Ziel der Ausspähung des Westens die Bewahrung des Friedens anzugeben. Die Spionage sei vor allem darauf gerichtet gewesen, für den Fall einer kriegerischen Auseinandersetzung militärische Vorteile zu erlangen. Eine Antwort darauf, ob die Stasi-Spione nun den Frieden retteten oder nicht, ergab die Diskussion nicht. Dafür sei es auch noch zu früh, meint Helmut Müller-Enbergs, Mitarbeiter im Bereich Bildung und Forschung der Birthler-Behörde: "Die wissenschaftliche und historische Analyse der Westspionage des DDR-Geheimdienstes, die Voraussetzung für ein fachliches Urteil sein muss, steht erst am Anfang." Das hänge damit zusammen, dass die HVA in der Wendezeit ihr Archiv vernichten konnte, was zu einem Zeitverlust der Aufarbeitung geführt habe. Inzwischen habe man aber die von den HVA-Offizieren vergessenen EDV-Dateien entschlüsseln können, das "elektronische Gedächtnis" des Geheimdienstes. Auch finden sich in dem riesigen MfS-Archiv immer mehr operative Vorgänge der HVA aus früheren Jahren an, was man noch bis vor kurzem nicht für möglich gehalten hätte. "Es ist viel mehr da, als man glaubt, so dass wir schon in wenigen Jahren Umfang und Inhalt der Stasi-Spionage gegen den Westen weitgehend rekonstruieren können", sagt Müller-Enbergs."Unsere Leistung für den Frieden verdient doch Anerkennung. " Werner Großmann Ex-Stasi-General.

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