Manche sagen von Arno Mohr, er gehöre zu Berlin, wie der Maler Utrillo zu Paris gehört habe. Einige vergleichen ihn mit Zille. Mohr wehrt ab, solche Vergleiche seien zwar "Rosenkränze" um seine Stuhllehne, aber er könne "Gewese" um seine Person nicht ausstehen. Dieser Künstler, der heute 90 wird, ist so wenig eitel, dass er sich noch immer wundert, dass seine schlichte Kunst - dieses spröde, simple, heitere Schwarzweiß, so verehrt wird.Die Galeristin Eva Poll hat dem Künstler aus dem Berliner Osten eine große Geburtstagsausstellung ausgerichtet und zählt sein Werk zu ihren späten Entdeckungen. Das ist nun am Lützowplatz ausgebreitet von A bis Z, bis zu den letzten Kohle- und Pastellzeichnungen von 1999, nach denen nur noch Mohrs brummeliges: "So, alles ist gesagt und gemacht" den Schlusspunkt setzte. Weder auf den frühen noch auf den späten Blättern gibt es bedeutungsschwere Metaphern oder Stilrevolten zu sehen. Dieser knappe, präzise, immer von leisem Witz durchzuckte Strich hat sich sechzig Jahre lang auf Radierplatten, Lithosteinen, Holzmodeln und Zeichenkartons herumgetrieben, nie mit der Absicht, nur abzubilden, immer mit der Sucht, Chiffre zu werden für das dem Alltag entrissene Wesenhafte - damit flüchtige Kostbare.Auf diese Weise kamen Kellner am Müggelsee aufs Papier, ein alter Mann mit Schirmmütze am Strand, einer am Fenster, Enten auf dem Wasser, ein Kind mit Kreisel, eine alte Drahtbrille, schwatzende alte Weiber, alte Leute mit Hunden oder Regenschirmen, Käfer, eine tote Fliege. Für Mohr ist das Zeichnen intim und unspektakulär. Eine einzige Linie wird zur Tischkante, zehn sind schon das Universum. "Wie könnten die Leute Bilder mögen, wo "so wenig drauf ist", witzelt er auf die Elogen über ihn als "Virtuose der Reduktion" und setzt trocken hinzu: "Wie im Leben so sollte man auch in der Kunst auf den Punkt kommen."Seit sechzig Jahren fängt der aus Posen Gebürtige, der mit den Eltern schon als Knabe nach Berlin kam, das Kleine im Alltäglichen ein, ohne Pathos, aber auch ohne Kleinlichkeit. Schon als Halbwüchsiger hat er Tage auf der Museumsinsel zugebracht, bei den Altertümern und bei den Bildern von Menzel, Kollwitz, Zille und Liebermann. Ab 1930 studierte er an der Charlottenburger Meisterschule für Grafik, bis ihn der Zwang zum arischen Menschenbild aus dem Zeichensaal trieb. Dann musste er in den Krieg. Er überlebte und wurde als Professor an die neue Kunsthochschule Weißensee berufen. Dort hat er das von den Kulturstalinisten verlangte Pathos ignoriert und die Studenten vor den Grafikpressen und Lithosteinen gelehrt, dass Kunst gerade durchs Ungefällige stark ist.Die Sujets holte er sich aus dem Berliner Alltag. "Ich bin in Berlin geerdet", pflegt er zu sagen, es klingt schon wie ein geflügeltes Wort. Er spricht von seiner "Großstadtwiese", meint damit die "Alltagsgewächse" im Kiez, in den Hinterhöfen, auf den Plätzen, in den Eckkneipen, nicht das neue Berlin aus Stahl, Glas und Granit. Viele der Motive sind ihm im Nikolaiviertel eingefallen, doch dahin ist es ihm zu weit geworden, er müsste sich aus der Scharnhorststraße hinfahren lassen ins Café neben der Nikolaikirche, wo er noch bis Anfang der Neunziger jeden Nachmittag seinen Kaffee schwarz trank, eine Brasil rauchte und die Leute betrachtete. Dieser tägliche Spaziergang "von Mitte nach Mitte" wie er s nannte, war ihm jahrelang Ersatz für eine Fiktion. Er hätte, sagt Mohr, freilich viel lieber im "Romanischen Café" am Bahnhof Zoo gesessen und sich dort mit Kurt Tucholsky Anekdoten erzählt. Oder mit John Heartfield. Das legendäre Künstlercafé wurde 1945 zerstört und ist nie wieder rekonstruiert worden. Die Jugend, glaubt er, wüsste kaum, dass es diesen Treffpunkt der Literaten- und Künstlerszene vor dem Krieg jemals gab. Und so saß Mohr im Nikolaiviertel, in der Hoffnung, alte Bekannte zu treffen und seinen Erinnerungen nachzuhängen. Aber es gibt auch dort keine Bekannten mehr, also ist er die letzten Jahre daheim geblieben und hat aus der Erinnerung gezeichnet.Die Radierung von einem Alten am Tisch ist unverkennbar ein Selbstporträt: Von netzartigen Linien überzogen, wirkt das Gesicht grüblerisch und abgeklärt zugleich. "Alt werden lernt man nur von den Alten", kommentiert er das Bild lakonisch. Mit dem Kohlestift hat er sich beim bedächtigen Gang die Treppe hinunter dargestellt, Stufe um Stufe, als seien das die Lebensjahre. Die Treppe ist steil, das Geländer wirkt instabil. Mohrs Leben hat seine Stabilität immer in der Kunst gefunden, weniger in Zeitläufen, die wenig boten zum Festhalten: Der Krieg und danach Utopien mit zu vielen Phrasen und Lügen. Schnörkellos aufgezeichnet hat er seine Hoffnungen und Zweifel.Zeichnen ist für ihn wie Schreiben. Jeder Strich, jedes Linienbündel erzählt Alltagsleben, episch, lapidar und immer unaufgeregt. Was soll er also antworten, wenn er immer wieder gefragt wird, wie er es bloß schaffte, mit ein paar Linien soviel Poesie und Wesentlichkeit entstehen zu lassen. Für Mohr lässt Kunst sich nicht erklären: "Entweder du hast es in dir oder du hast es nicht." Voriges Jahr setzte diese Instanz berlinischer Zeichenkunst sein treues Publikum in Erstaunen. In der Galerie des Berliner Domes trat der greise Sachwalter des strengen Schwarzweiß, der immer behauptet hatte, sich mit Farbe und Pinsel eher wie einer zu fühlen, der auf Krücken tanzen solle, auf einmal als Maler auf. Leicht, naiv, zeitlos hat er in heiteren Farben einen alten Clown gepinselt, der die Manege verlässt und ein Holzpferdchen hinter sich her zieht. Auf der Empore spielt die Zirkuskapelle, das Publikum applaudiert dem letzten Auftritt.Aber es war doch nicht der letzte, der Clown hängt jetzt in der Galerie Poll, vor viel Publikum. Melancholie lässt Mohr nicht aufkommen, die Stimmung des Bildes ist nicht traurig oder bitter, sondern humorvoll, weise und selbstironisch. Erstaunlich, wie gut er seinen eigenen Anblick von hinten kennen muss: die leicht nach vorn fallenden Schultern, der abstehende weiße Haarkranz um die Glatze. Jahre zuvor hat er immer nur eine Arbeit "als Malerei" gelten lassen, die ist fast monochrom und eher eine Pinselzeichnung: Am Kaffeehaustisch sitzt Mohr selbst - mit Fontane, Menzel, mit Liebermann, Zille, Nagel, der Kollwitz, seine ganze Wahlverwandtschaft. Zwei fehlen da: Brecht und die Weigel. Mohr war den beiden am Berliner Ensemble nahe gekommen, als er bei Aufführungen zeichnete, wie er es oft im Theater tat. Mohr durfte mit nach Buckow und hat die beiden am See gezeichnet. Vor drei Jahren nahm er Tempera- und Aquarellfarben und malte aus der Erinnerung Brechts Wohn- und Arbeitsräume und hinterher gleich fünf meditative märkische Seestücke mit Himmel, Wasser, Wald - den Buckower See. An eine Wand seines Arbeitszimmers hat Mohr sich ein Blatt mit einem getippten Brecht-Gedicht gezweckt, es trägt die Widmung des Dichters, heißt "Der Zweifler" und hängt da wie ein Zeichen. Mohr hat Brecht 1998 auf einem Tempera-Blatt auch etwas gewidmet, das wie eine Antwort wirkt: Gemalt ist Brechts Sterbezimmer, ganz still, ganz leer. Durchs Fenster fällt ein langer, breiter Sonnenstrahl, mitten hinein in Totenstille, wie eine Botschaft: Alles ist endlich, aber das Leben geht weiter.HOMMAGE Mohrs "Großstadtwiese" // Dem Werk des 90-jährigen Arno Mohr gehört in der Berliner Nachkriegskunst einer der wichtigen Plätze.Seine Motive galten dem Berliner Alltag und dem Theater. Mohr war Hochschulprofessor und Akademiemitglied.Galerie Eva Poll, Lützowplatz 7, zeigt Arno Mohrs Werk, bis 26. 8. Mo 10-13, Di-Fr 11-18. 30/Sa 11-15 Uhr.BERLINER ZEITUNG/MARKUS WÄCHTER Arno Mohr: "Selbstbildnis", 1995, ausgestellt in der Galerie Eva Poll.