Istanbul/Kamischli - Der „Engel von Kobane“ lebt. Sie hatte im Internet für Furore gesorgt, die schöne kurdische Kämpferin Rehana im Tarnanzug mit ihrem Victory-Zeichen. Voreilig hatten die Propagandisten der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) sie für tot erklärt, doch die kurdische Kämpferin in der belagerten syrischen Stadt Kobane ist gesund und munter. Zwar hat die Studentin nicht, wie zu lesen war, mehr als hundert Feinde getötet, sondern sie kam meist hinter der Front zum Einsatz. Doch ihr millionenfach verbreitetes Bild bleibt das Symbol der kurdischen Frauenbrigaden, die Seite an Seite mit den Männern ihre Stadt verteidigen.

Die syrischen Kurden haben das Internet sehr spät für sich entdeckt, aber inzwischen nutzen sie es ebenso professionell wie ihre islamistischen Gegner. Ihr größter Trumpf sind dabei ihre weiblichen Kämpfer. Zwar kämpfen die Frauenbataillone schon seit fast drei Jahren gegen die Islamisten, um die das dreigeteilte syrische Kurdengebiet „Rojava“ zu schützen, aber erst seit Kurzem nimmt die Öffentlichkeit davon Notiz. Denn es sind die tapferen kurdischen Frauen, die bei der Rettung der Jesiden und den Kämpfen in Kobane der Welt Respekt abrangen.

Geschichten von Heldinnen

Gemeinsam mit männlichen Brigaden versuchen ausschließlich aus Frauen bestehende Einheiten den Vormarsch der schwer bewaffneten Islamisten zu stoppen. Dramen weiblichen Heldentums werden fast täglich in den sozialen Medien geteilt. Am 5. Oktober sprengte sich eine junge Kurdin, zweifache Mutter, in Kobane in die Luft und tötete dabei mehr als 20 IS-Milizionäre. Vor zwei Wochen machte der Tod der 19-jährigen Ceylan Ozalp Schlagzeilen, die sich angeblich mit ihrer letzten Kugel selbst das Leben nahm.

Kein großer TV-Sender, kein bedeutendes Magazin, die nicht über die schönen, modernen „Amazonen“ Kurdistans berichtet hätten, die gegen verrohte Barbaren kämpfen. Denn die kurdischen Kriegerinnen widersprechen allen nahöstlichen Stereotypen über unterdrückte Frauen, die von Zwangsheirat, totaler Unterordnung unter das Patriarchat bis hin zur Steinigung handeln.

„Im Kampf gegen den IS macht es keinen Unterschied, ob du Mann oder Frau bist“, sagt die 23-jährige Scharfschützin Robar Hossein, die schwere Gefechte überlebte, im Gespräch mit der Berliner Zeitung. „Wir sind genauso tapfer wie die Männer. Wenn wir nicht versklavt, vergewaltigt oder getötet werden wollen, müssen wir uns wehren.“ Die ehemalige Maschinenbaustudentin besteht darauf, dass die Frauen in der kurdischen Gesellschaft Syriens „nicht das Eigentum der Männer“ seien. „Früher stand die Frau hinter dem Mann. Das ist vorbei. Aber die Dschihadisten sehen Frauen als Sexobjekte an, und genau deshalb haben sie Angst vor uns. Sie spüren unseren Hass.“

Für die Gotteskrieger des IS sind Kämpferinnen wie Robar Hossein ein Alptraum, denn sie glauben, dass der Tod durch die Hand einer Frau ihnen den Weg als Märtyrer ins Paradies versperrt. 30 Prozent der Kämpfer der kurdischen Volksverteidigungskräfte in Syrien sind Frauen, alle freiwillig, die meisten Kommandoposten sind paritätisch mit einer Frau und einem Mann besetzt. Auch in Kobane stellen sie einen großen Teil der etwa 2000 bis 3000 Verteidiger und unterstehen in einer rein weiblichen Kommandokette einer Frau mit dem Kampfnamen Narin Afrin. „Wir können klar feststellen, dass der Widerstand in Kobane ein speziell weiblicher Widerstand ist“, erklärte Afrin kürzlich irakischen Reportern.