Kurios: Schlägerei im Altenheim

Am Kriminalgericht Moabit wird zurzeit eine nicht ganz alltägliche Schlägerei verhandelt: Zwei Männer und eine Frau, alle über 70, gerieten im Altersheim in Streit. Der Angeklagte boxte die alte Frau mitten ins Gesicht und würgte ihren Ehemann, als der schon am Boden lag. Jetzt muss der Täter sich wegen gefährlicher Körperverletzung vor Gericht verantworten. "Dass Senioren klauen, das gab es früher schon, aber dass sie sich im Altersheim kloppen, das ist schon eine neue Entwicklung", sagt Amtsrichter Sascha Daue. Da alte Menschen heute bis ins hohe Alter aktiv bleiben, werden sie zunehmend auch für Polizei und Justiz ein Thema. Die Zahl der kriminellen Senioren in Berlin ist seit der Wende gestiegen. Im Jahr 1991 zählte das Landeskriminalamt (LKA) 5 963 Tatverdächtige über 60 Jahre, 2003 waren es 7 403. Das ist ein Ansteig um rund 24 Prozent. Der Anteil der über 60-Jährigen in der Bevölkerung stieg im selben Zeitraum nur um 22 Prozent. Lachs statt Leberwurst"Früher sind alte Leute fast nur durch Ladendiebstahl aufgefallen, inzwischen begehen sie zunehmend auch andere Delikte", sagt Kriminaldirektor Winfried Roll vom LKA. Vor allem ältere Herren seien zunehmend als Betrüger unterwegs, beleidigten andere und prügelten sich immer häufiger. "2003 hatten wir 807 Tatverdächtige über 60, die wegen einfacher Körperverletzung festgenommen wurden. 1991 waren es nur 371", sagt Roll. Sexualdelikte gegen Kinder seien hingegen sehr selten. Im Straßenverkehr kommt es dagegen häufig zu Straftaten. "Da der Führerschein lebenslang gilt, gibt es öfter schwere Unfälle, die zur Anklage wegen fahrlässiger Körperverletzung führen", erklärt Roll.Das häufigste Delikt der älteren Herrschaften ist aber immer noch der Ladendiebstahl. "Das sind meist Ersttäter, die aus Einsamkeit und Langeweile klauen", so Richter Daue. Die ließen dann meist relativ billige Artikel mitgehen. "Ladendiebstahl ist der Sex des Alters, es geht um das gewisse Prickeln, um einen Kick", sagt Winfried Roll. Andere Senioren haben nur wenig Geld. "Aber aus existenzieller Not klauen die meistens nicht", sagt Roll, "da geht es eher darum, sich mal Lachs statt Leberwurst zu gönnen." Christian Engel, Kaufhausdetektiv und Chef einer Sicherheitsfirma, hat oft das Gefühl, die Alten wollen sogar erwischt werden und stellen sich dementsprechend dusselig an. Eine Beobachtung, die auch Polizist Roll gemacht hat: "Die haben keine sozialen Kontakte und wollen, dass sich mal jemand um sie kümmert und dass sie mal im Mittelpunkt stehen." Bei Einsamkeit als Motiv könnten alte Erststraftäter schon mal auf einen Mildebonus hoffen, sagt Richter Daue und auch Kaufhausdetektiv Engel lässt bei Senioren oft Milde walten. Die meisten betagten Täter sind keine Schwerverbrecher, aber der Anstieg der Seniorenkriminalität macht sich auch in den Gefängnissen bemerkbar. 1994 gab es in Haftanstalten nur 34 Insassen über 60, mittlerweile sind es 127. "Für spezielle Seniorenabteilungen, wie es sie in Hessen und Baden-Württemberg gibt, sehen wir aber noch keinen Handlungsbedarf", sagt eine Sprecherin der Senatsjustizverwaltung. ------------------------------Schurken mit Krückstock // In Berlin wurden vergangenes Jahr 80 Prozent mehr Senioren verurteilt als noch vor einem Jahrrzehnt. 1994 waren es 1 075, im Jahr 2003 schon 1 937. Auch bundesweit steigt die Zahl der Täter über 60. Das statistische Bundesamt meldet seit Mitte der 90er- Jahre bei ihnen einen Anstieg der Kriminalität um 28 Prozent.------------------------------Grafik (2) :Zahl der Verurteilten über 60Tatverdächtige über 60Schwere Straftaten sind selten, aber die Zahl alter Tatverdächtiger steigt. -----------------------------Foto: Nicht nur im Film "Ein verrücktes Paar" mit Walter Matthau (l.) und Jack Lemmon gibt es prügelnde Rentner.